• vom 06.01.2009, 19:03 Uhr

Geschäft


Familienbetriebe werden zunehmend professioneller übergeben

Wenn Kinder den Eltern die Firma abkaufen




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Von Eva Stanzl

  • Immer mehr Nachfolger wollen keinen Betrieb geschenkt.
  • Experten raten zu guter Planung.
  • Wien. In Österreich stehen in den nächsten zehn Jahren 57.500 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zur Übergabe an. Statistisch gesehen sind die Chancen, dass diese Übergaben glattgehen, gut. Der KMU Forschung Austria zufolge werden Betriebe immer professioneller weitergegeben und haben 78 Prozent der Nachfolger langfristig Erfolg. Allerdings ist das auch darauf zurückzuführen, dass immer mehr Familienbetriebe von Außenstehenden übernommen werden. Wurden 1996 noch 75 Prozent in der Familie weitergegeben, waren es 2006 nur mehr die Hälfte.

Coach Leo Hemetsberger (li.) mit Klient: Gründermythos behindert. Foto: Dominik Zentner

Coach Leo Hemetsberger (li.) mit Klient: Gründermythos behindert. Foto: Dominik Zentner Coach Leo Hemetsberger (li.) mit Klient: Gründermythos behindert. Foto: Dominik Zentner

Was macht die Unternehmensnachfolge innerhalb der Familie problematisch? Leo Hemetsberger, Unternehmensberater in Wien, sieht Konflikte dort verwurzelt, wo sich Familien- und Firmeninteressen überschneiden. "In einer Familie zählt die Beziehung der Mitglieder, in einem Betrieb das Produkt", erklärt er. Eine Familie stifte grundlegende Identität. Eine Firma stifte Identität im erweiterten Sinn. Familien kommunizieren oft mündlich, in Betrieben sei aber die schriftliche Kommunikation oft effizienter. Familienmitglieder, die im Betrieb arbeiten, erfüllen Doppelrollen und die unterschiedlichen Systeme Firma und Familie wirken ineinander hinein. Bei Spannungen sei es daher nahezu unmöglich, sich zu distanzieren, um aus tradierten Abläufen auszusteigen. Das erschwere die Kommunikation über emotionsgeladene Themen wie die Selbstverwirklichung der Kinder versus Betriebsnachfolge.


Sinnbotschaft Gründer

Zentral sei der sogenannte Gründermythos: "Der Gründer schuf die Firma gleichsam aus dem Nichts und ist für die Folge-Generationen eine familiäre Sinnbotschaft", so Hemetsberger. Daraus ergebe sich das Hauptproblem bei der Übergabe: Die ältere Generation, die ihr Leben lang alle Fäden zog, kann sie nicht loslassen und wirkt auch nach der Übergabe noch in den Betrieb hinein.

Für den Systemcoach Peter Adler hat das Problem eine Trendwende herbeigeführt: "Immer mehr Töchter und Söhne kaufen ihren Eltern den Betrieb ab. Und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern zum Marktpreis", sagt er. Was noch vor ein paar Jahren undenkbar schien, mache heute ein Drittel seiner Klienten mit Familienbetrieben: Nachfolger zahlen den Gesamtwert des Betriebs an die Eltern in Raten, statt sich die Firma schenken zu lassen. Dadurch hätten Geschwister, die nicht übernommen haben, nicht das Gefühl, sie kämen zu kurz. Und der Kauf setze ein klares Signal an die Gründer, dass sie draußen sind. Adler empfiehlt, zu Beginn "als spürbares Zeichen" eine Bar-Summe von zehn bis 20 Prozent des Kaufpreises an die Eltern fließen zu lassen.

Experte Hemetsberger rät außerdem dazu, eine Betriebsübergabe gut zu planen. "Das kann durchaus acht bis zehn Jahre dauern", sagt er. Zusammengefasst: "Die Vorbereitung sollte langsam und durchaus im Stillen erfolgen, der Akt der Übergabe aber so schnell wie möglich."

Buchtipp: Endlich aus der Deckung, Leitfaden der Emotionen bei Betriebsübergaben, von Leo Hemetsberger, Österr. Wirtschaftsverlag



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Dokument erstellt am 2009-01-06 19:03:19
Letzte Änderung am 2009-01-06 19:03:00

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