• vom 22.07.2013, 16:05 Uhr

Konsum & Gesellschaft

Update: 22.07.2013, 16:28 Uhr

Textilindustrie

Textilkauf mit gutem Gewissen




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Sophia Freynschlag

  • Was einzelne Labels für ökologisch und sozial fair produzierte Textilien garantieren
  • Ob Billig-T-Shirt oder Markenjeans: Preis sagt nichts über Herstellung aus.

Wien. Seit dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1100 Todesopfern sind die Herstellungsbedingungen in der Textilindustrie stärker ins Bewusstsein von Konsumenten und Industrie gerückt. H&M-Chef Karl-Johan Persson ließ vor kurzem mit der Aussage aufhorchen, es brauche ein weltweites Gütezeichen für fair produzierte Mode.

Die Sicherheit der Näherinnen ist ein Kriterium einiger Labels für faire Kleidung.

Die Sicherheit der Näherinnen ist ein Kriterium einiger Labels für faire Kleidung.© Foto: epa/Barbara Walton Die Sicherheit der Näherinnen ist ein Kriterium einiger Labels für faire Kleidung.© Foto: epa/Barbara Walton

Wer ökologisch und sozial "saubere" Kleidung und Textilien sucht, kann sich derzeit an einigen Gütezeichen orientieren. Viele davon decken aber nur einen Teil der Herstellung ab - das liegt laut Michaela Königsberger von der Clean Clothes Kampagne an der komplexen Produktionskette: "Bekleidung ist ein globales Gut. Vom Rohstoffanbau über das Verspinnen und Vernähen bis zum Transport ist es eine lange Wertschöpfungskette." Bis zu 100 Verarbeitungsschritte sind nötig, bis ein Kleidungsstück im Laden hängt.


Sozial fairen Anbau garantiert das Fairtrade-Label für Baumwollprodukte: Die Baumwollbauern bekommen einen Mindestpreis und eine Fairtrade-Prämie. Da Fairtrade die weitere Verarbeitung nicht prüft, müsse jeder Zulieferbetrieb nachweisen, dass er die Mindestkriterien der International Labour Organisation (ILO) erfüllt, erklärt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Das blau-grüne Logo tragen unter anderem die Kleidungsstücke der Marke "Göttin des Glücks", eine Vossen-Handtuchkollektion sowie einige Decken und Pölster von Betten Reiter.

Information

Weitere Infos:
Website "Bewusst kaufen"
Messe "Wearfair & mehr" von 27. bis 29. September 2013 in Linz, Infos auf der Website "Wear Fair"

Einen Schritt weiter geht der Global Organic Textile Standard (GOTS) - ein grünes Label mit weißem Hemd: Abgedeckt werden alle Stufen vom Anbau über Herstellung und Verpackung bis zu Handel und Vertrieb von Textilien, die aus mindestens 70 Prozent kontrolliert biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Das reicht vom ökologischen Anbau über die umweltverträgliche Verarbeitung bis zu sozialen Mindestkriterien, die alle Verarbeitungsbetriebe erfüllen müssen. Sowohl das Fairtrade- als auch GOTS-Label tragen beispielsweise Produkte von Anukoo, die Modemarke von EZA Fairer Handel.

Fair muss nicht teurer sein
Außerdem können Modeunternehmen Mitglied der Fair Wear Foundation werden. Die niederländische Initiative prüft die Einhaltung der ILO-Richtlinien in der Textilindustrie. Zu den Mitgliedern zählen Sportbekleidungsmarken wie Jack Wolfskin, Mammut, Odlo und Schöffel, aber auch das oberösterreichische Unternehmen Grüne Erde und der Textilhändler Takko.

Die Bezeichnungen "Bio Baumwolle" oder "Organic Cotton" nach der Organic Exchange-Zertifizierung (OE 100) wie in der aktuellen Tchibo-Unterwäsche-Kollektion garantiert, dass die Baumwolle zu 100 Prozent aus kontrolliert biologischem Anbau stammt. Über die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern sagt das Label aber nicht aus. Das Label "Textiles Vertrauen" nach dem Öko-Tex Standard 100 legt wiederum Kriterien für den Schadstoffgehalt des Endproduktes fest.

Teure Textilien sind nicht generell nachhaltiger produziert als günstige: "Ob Billigprodukt oder Markenjeans - der Preis sagt nichts über die Herstellungsbedingungen aus", sagt Königsberger. Den Konsumenten müsse allerdings klar sein: "Preise wie drei Euro für ein T-Shirt sind mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen."

Fair produzierte Mode ist derzeit in Österreich ein Nischenprodukt. Zertifizierte Textilien müssen aber nicht teurer sein, sagt Fairtrade-Chef Kirner: "Der Lohnanteil für die Arbeiterinnen macht nur einen Bruchteil des Endpreises aus."

Undurchsichtige Lieferkette
Dass Textilfabriken meist nicht nur für einen, sondern für viele Modehändler produzieren, macht die Kontrolle für einzelne Unternehmen schwierig. Kostspielig sei es für Anbieter, wenn fair gehandelte Baumwolle gesondert verarbeitet wird, so Kirner. Deshalb erlaubt Fairtrade künftig die vermischte Verarbeitung von fair und konventionell produzierter Baumwolle. Das Unternehmen kann dann mitteilen, dass ein bestimmter Baumwollanteil aus fairem Anbau stammt - "ähnlich wie beim Ökostrom", erklärt Kirner. Das Produkt darf allerdings nicht das Fairtrade-Logo tragen und kann nicht - wie Fairtrade-Produkte - mit Code bis zum Bauern rückverfolgt werden.

Kirner sieht Unternehmen in der Pflicht, ihre Lieferkette zu durchleuchten und zu verlangen, dass soziale und ökologische Standards eingehalten werden. Königsberger betont: "Die Verantwortung eines nachhaltigen Konsums darf nicht auf die Konsumenten abgewälzt werden."




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-07-22 16:08:04
Letzte Änderung am 2013-07-22 16:28:30


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Fachliteratur zu Wirtschaftsrecht

Werbung






Werbung