• vom 14.11.2018, 16:47 Uhr

Forschung

Update: 14.11.2018, 17:05 Uhr

Forschungspolitik

"Ein Gegengewicht zu US-Top-Unis"




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  • Wissenschaftminister Faßmann für Netzwerk europäischer Universitäten zur Qualitätssteigerung.

Heinz Faßmann will gemeinsame Studiengänge und mehr Exzellenz.

Heinz Faßmann will gemeinsame Studiengänge und mehr Exzellenz.© apa/Schlager Heinz Faßmann will gemeinsame Studiengänge und mehr Exzellenz.© apa/Schlager

Wien. (est) Ein US-Spitzenstudium in Harvard, Princeton, Stanford - oder besser eines in Europa? Nachwuchstalente haben die Qual der Wahl: Künftig sollen die heimischen Universitäten in einem Atemzug mit angloamerikanischen Top-Hochschulen genannt werden. Auch europäische Universitäten sollen "Leuchttürme" werden, die "strahlen", betonte Bildungs- und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann am Dienstagabend im Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte im Herbst des Vorjahres vorgeschlagen, bis 2024 mindestens 20 Europäische Universitäten zu gründen, "die ein Netzwerk von Universitäten aus mehreren Ländern Europas bilden" mit dem Ziel, dass international attraktive europäische Universitäten entstehen. Im Studienverlauf sollten junge Menschen auch im Ausland an den besten Hochschulen ihres Faches studieren können.

Die EU-Kommission hat die Idee aufgegriffen und eine Pilotphase gestartet. Mit dem EU-Programm "Erasmus plus" fördert sie die Errichtung eines Verbunds von qualitativ hochstehenden Universitäten. "Diese Netzwerke sollen es Studierenden ermöglichen, durch eine Kombination von Studien in mehreren EU-Ländern einen Abschluss zu erwerben und somit zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hochschulen beitragen", sagte Faßmann. "Wir hätten gerne, dass sich unsere Universitäten in einem für sie passenden Netzwerk beteiligen. European Universities sollen ein Gegengewicht zu den Unis der US-Ostküste werden." Die Bewerbungsfrist endet am 28. Februar 2019, für 2020 ist eine zweite Pilotphase geplant.

Ein Verbund sollte laut dem Wissenschaftsminister aus mindestens drei Unis, Postgraduate-Hochschulen oder außeruniversitären Instituten aus mindestens drei europäischen Staaten bestehen. Sie müssten "einen sehr glaubwürdigen Plan vorlegen, dass sie in Forschung und Lehre intensiv und nachhaltig zusammenarbeiten - etwa, indem sie einen gemeinsamen Studiengang vorschlagen". Exemplarisch nannte Faßmann etwa "Urban Studies" - ein Studium über die Entwicklung der Stadt, das in fünf mittelgroßen Städten unterschiedliche Spezialisierungen - von der Stadtgeografie über Stadtpolitik bis hin zur Architektur - verfolgen könnte. Die Anrechenbarkeit der Leistungen müsse automatisch erfolgen, "da muss es einen Fast-Track geben". Im Studienrecht seien allerdings sicher Nachschärfungen notwendig.

"Österreich ist ein Forschungsland geworden . . ."

Während die Verdoppelung des Budgets für das Studierenden-Mobilitätsprogramm Erasmus für die nächsten sieben Jahre von 14 auf 30 Milliarden Euro unter Dach und Fach ist, müssen die Länder über eine Steigerung der Fördermittel im neuen Forschungsrahmenprogramm "Horizon Europe" erst abstimmen. Nicht alle sind gewillt, statt wie bisher 80 Milliarden nun 100 Milliarden Euro einzuzahlen. Sie argumentieren mit dem EU-Austritt Großbritanniens, das erhebliche Summen holte. Allerdings haben die Briten bereits angedeutet, als assoziiertes Mitglied weiterhin am EU-Forschungsrahmenprogramm teilnehmen zu wollen, womit es - auch noch zu vereinbarende - Beiträge leisten müsste. "Es ist wichtig, in einen europäischen Forschungskontext eingebettet zu sein. Die Kommission aber sagt ,Europa First‘: Die Einzahlungen und die Entnahmen müssen in Balance stehen", betonte Faßmann, und führte auch noch einen zusätzlichen Punkt ins Treffen: Auch in der Forschung gebe es ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. "Die EU-13 fühlen sich ein bisschen abgehängt, sie haben weniger ERC-Grants (für Top-Grundlagenforschung, Anm.) und weniger Erfolge. Wir brauchen Maßnahmen, um diese Effekte abzumildern, und müssen Forschungsförderung nicht nur zur Spitze, sondern auch breiter aufstellen. Die Frage wird sein, wie viel man dafür investieren soll."

Konkret scheint der Zeitplan für zwei zentrale Vorhaben der Regierung im Wissenschaftsbereich - das geplante Forschungsfinanzierungsgesetz und eine Exzellenzinitiative. Sie sollen bis zum für Mai 2019 geplanten Forschungsgipfel der Bundesregierung stehen.

". . . auch wenn wir es selbst
oft nicht bemerken"

Im Rahmen der Exzellenzinitiative sollen international herzeigbare Forschungsbereiche längerfristig finanziell so ausgestattet werden, dass sie international attraktiv sind - etwa wenn Professuren ausgeschrieben werden. Im Forschungsfinanzierungsgesetz werde es "eine Aussage geben, wie der Zielwert der Forschungsquote von 3,76 Prozent bis zum Ende der Legislaturperiode zu erreichen sein wird", sagte Faßmann. Für ihn ist Österreich ein Forschungsland geworden, "auch wenn wir selbst und die Forscher es oft nicht bemerken", sagte er und verwies auf des Landes Rang zwei in Europa und Platz sieben weltweit bei den Forschungsausgaben.

Als Schwäche im System ortet Faßmann jedoch die "unübersichtliche Beratungs- und Förderlandschaft - man weiß nicht, welche Telefonnummer man anrufen muss". Auch stehe die wissenschaftliche Leistung in keinem Verhältnis zu Innovationen am Markt. An den Unis würden Experten fehlen, die erkennen, was man aus einer tollen Arbeit aus dem Labor wirtschaftlich machen könne. Im Zuge der Erstellung des Forschungsfinanzierungsgesetzes (basierend auf einer laufenden OECD-Begutachtung des heimischen Forschungssystems) müsse auch "kritisch nachgedacht werden, ob alle Förderagenturen weiterhin vorhanden sein sollen und wie die Art ihrer Steuerung sein soll". Künftig sollten die Ministerien nur noch die strategischen Ziele vorgeben, die operative Ausführung bei den Fördereinrichtungen liegen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-14 16:58:22
Letzte Änderung am 2018-11-14 17:05:31


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