• vom 13.08.2010, 17:21 Uhr

Forschung


Die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik könnten die Lücken in der Genom-Forschung ausfüllen

Auch Gene lernen aus Erfahrung




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Von Eva Stanzl

  • Ständig werden neue Krankheitsgene gefunden, doch maßgeschneiderte Medizin bleibt aus.
  • Einfluss der Umwelt auf Erbanlagen ist größer als bisher angenommen.
  • Wien. "Risiko-Gen für Osteoporose entdeckt"; "Methusalem-Gen gefunden"; "Schwamm und Mensch haben gemeinsame Gene, die für Tumore entscheidend sind": Kaum eine Woche vergeht, in der Forscher nicht die Entdeckung neuer Krankheitsgene verkünden. 500 Gene dirigieren den Takt des Herzens, hunderte tragen dazu bei, ob ein Lebewesen lange lebt oder früh stirbt, und 20 Gen-Varianten verursachen Diabetes mellitus Typ-2. Die Suche nach Genen hat längst die Medizin erobert und manche Gene erklären sogar die Sinnfrage.

Gene sind nicht wie ein Stempel, sondern wandlungsfähig. Foto: bb

Gene sind nicht wie ein Stempel, sondern wandlungsfähig. Foto: bb Gene sind nicht wie ein Stempel, sondern wandlungsfähig. Foto: bb

Denn auch sexuelle Orientierung und Religiosität sind bis zu einem gewissen Grad auf genetische Variationen zurückzuführen, verdeutlicht Humangenetiker Markus Hengstschläger in seinem Bestseller "Die Macht der Gene". Auch Mozarts musikalischer Sieg über Salieri war demnach ein Sieg der Gene, da beide mit ähnlichen Voraussetzungen aufwuchsen.


Trotz dieser Erkenntnisse werden Zweifel an der vielversprechenden Wissenschaft immer lauter. Noch hat sie die erhoffte Revolution in der Behandlung von Krankheiten nicht gebracht. Denn die Erforschung der Gen-Funktionen ist komplexer als angenommen. Die Art und Weise, wie der menschliche Körper reagiert, hänge nicht nur von den Eigenschaften der einzelnen Erbgutträger ab, sondern auch von deren Rolle im Gesamtsystem, erklärt der Wiener Molekularbiologe Josef Penninger. Bis zu einer maßgeschneiderten Medizin wird es also noch eine Weile dauern. Und wahrscheinlich an den Kosten scheitern.

Vor welchem Rätsel die Forscher stehen, lässt sich am Beispiel der Körpergröße festmachen. Fast 90 Prozent der Größe eines Menschen lassen sich auf die Erbanlagen zurückführen. Doch die 50 bisher gefundenen Gen-Varianten, die damit zusammenhängen, erklären nur fünf Prozent der Größen-Unterschiede. Offenbar gibt es noch andere Schaltstellen im Erbgut, die den Forschern bisher verborgen geblieben sind. Ähnlich unvollständig sind die Erkenntnisse zu den großen Volkskrankheiten - etwa erklären die 20 Genvarationen für Diabetes Typ 2 nur drei Prozent des hochgradig erblichen Risikos.

"The case of the missing heritage" - der Fall der fehlenden Erblichkeit - beherrscht die Fachkonferenzen. Unstrittig ist, dass Risiko-Gene für Alzheimer, Asthma oder Rheuma existieren. Jedoch hängt die Gefahr, tatsächlich daran zu erkranken, von einer Vielzahl von Faktoren ab. Zudem legen derzeitige Gen-Scanning-Methoden ein zu grobes Raster an, betont der Populationsgenetiker David Goldstein im "New England Journal of Medicine". Studien, mit denen nach häufigen Risiko-Genen gesucht wird, erfassen nicht das vollständige Genom, sondern zielen auf verräterische Muster im Erbgut ab, die nur einzelne Genbausteine betreffen. Wie eine automatisierte Rasterfahndung, die nur nach Bergen auf der Landkarte sucht, den Rest der Topografie aber links liegen lässt und dabei seltene Gendefekte übersieht.

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Dokument erstellt am 2010-08-13 17:21:14
Letzte Änderung am 2010-08-13 17:21:00

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