• vom 12.11.2011, 11:00 Uhr

Forschung

Update: 23.11.2011, 12:14 Uhr

Astronomie

Zwei Kuppeln über Ottakring




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Vor 125 Jahren wurde die Kuffner-Sternwarte eröffnet. Früher ein Forschungszentrum, ist sie heute - nach wechselvoller Geschichte - eine Institution der Wiener Volksbildung.

Der Hauptgebäudetrakt der Sternwarte. Links die durchbrochene Fassade des Meridiankreissaals.

Der Hauptgebäudetrakt der Sternwarte. Links die durchbrochene Fassade des Meridiankreissaals.© Foto: Pinter Der Hauptgebäudetrakt der Sternwarte. Links die durchbrochene Fassade des Meridiankreissaals.© Foto: Pinter

Moriz von Kuffner will hoch hinauf: Der 1854 in Ottakring geborene Industriellensohn bezwingt einen Viertausender Europas nach dem anderen. Sein Vater Ignaz, eingewandert aus dem mährischen Lundenburg, hat die Ottakringer Brauerei erworben und zweimal als Bürgermeister amtiert. Er ist ein angesehener Wohltäter und wird schließlich in den Adelsstand erhoben. Als Ignaz 1882 stirbt, erbt Moriz die elterlichen Unternehmen, Immobilien und Sammlungen.

Moriz interessiert sich für Na-tionalökonomie, Philosophie und Literatur. Beim Studium der Technischen Chemie lernt er den Olmützer Geodäten und Astronomen Norbert Herz kennen. Der will die Präzision der irdischen Vermessungskunst hinauf an die Himmelskugel tragen. Herz inspiriert den reichen Moriz, ein privates Forschungsinstitut dafür zu gründen. Als Standort wählt Kuffner eine Liegenschaft auf dem Gallitzinberg, oberhalb des Ottakringer Friedhofs. Später wird man die bergauf führende Steinhofstraße in Johann Staud-Straße umbenennen.

Information

Veranstaltungsprogramm unter: www.astronomie-wien.at sowie kuffner-sternwarte.at


Hölzerne Handräder steuern die Feinbewegung des großen Refraktors. Hier der Okulareinblick.

Hölzerne Handräder steuern die Feinbewegung des großen Refraktors. Hier der Okulareinblick.© Foto: Herbert Raab Hölzerne Handräder steuern die Feinbewegung des großen Refraktors. Hier der Okulareinblick.© Foto: Herbert Raab

Zweijährige Bauzeit
Moriz wendet sich an den zehn Jahre jüngeren Architekten Franz von Neumann. Der hat, teils im Auftrag der Familie Kuffner, schon die Arkadenhäuser beiderseits des Wiener Rathauses realisiert. Auch die Rathäuser der nordböhmischen Städte Reichenberg und Friedland werden auf Neumanns Zeichenbrett entstehen, ebenso die Antonskirche in Favoriten und die Donaufelderkirche in Floridsdorf. Mit einer Sternwarte hat es der Architekt aber zum ersten Mal zu tun.


Neumann entwirft einen zweckorientierten, jedoch reizvollen Sichtziegelbau, zweigeschoßig und mit recht flachem Dach. Im Zentrum versteckt er einen 16 Meter hohen Kegel. Um Erschütterungen zu vermeiden, berührt der das restliche Gebäude nirgendwo. Neumann weiß: Darauf soll später das Hauptinstrument ruhen, geschützt von einer Drehkuppel mit sechseinhalb Metern Durchmesser. Säle für Spezialinstrumente, Arbeits- und Wohnräume sowie eine Dunkelkammer runden seinen Entwurf ab. Nach zweijähriger Bauzeit ist die Sternwarte im Herbst 1886 fertig.

Die ausgeklügelte Mechanik ihrer Instrumente stammt aus der Hamburger Traditionswerkstatt "Repsold und Söhne". Die Optik kommt aus dem ebenso gerühmten Münchner Haus "Steinheil". Herzstück ist der dreieinhalb Meter lange Große Refraktor. Sein 27 Zentimeter weites Objektiv sammelt zweitausendmal mehr Licht ein als das freie Auge.

Dach und Fassade des weiten Meridiansaals werden von einem verschließbaren Spalt durchbrochen. Darunter wartet der beste Meridiankreis im ganzen Kaiserreich auf die Nacht. Dieses Spezialteleskop mit 13 cm Öffnung lässt sich nur in einer Richtung drehen, das jedoch mit äußerster Präzision: Norbert Herz, nun Direktor des Instituts, stoppt damit, wann Sterne exakt die Nord-Süd-Richtung passieren. Genau dann lesen seine Assistenten auch die jeweilige Sternhöhe an den fein gravierten Geräteskalen ab, und zwar unter Einsatz von Mikroskopen. Passagezeit und Höhe verraten ihnen letztlich die beiden Koordinaten eines jeden angepeilten Gestirns.

8500 Sternpositionen
Mehrere Observatorien in Europa und in den USA haben sich zu einer groß angelegten Himmelsvermessung verschworen. Der Kuffner-Sternwarte fällt dabei eine ringförmige Zone südlich des Himmelsäquators zu, immerhin acht Vollmonddurchmesser breit. Somit visiert Herz auch die Fußsterne im Orion an, oder Sterne im "Schild des Sobieski": Dieses Sternbild ist eng mit der Wiener Stadtgeschichte verwoben, erinnert es doch an das Ende der zweiten Türkenbelagerung. Fast 8500 Sternpositionen werden in Ottakring vermessen. Das Mammutprojekt sichert der Kuffnerschen Privatsternwarte internationales Ansehen.

1890 erhält Neumann einen weiteren Auftrag: Er zieht nun einen romantisch anmutenden Turm von acht Metern Innendurchmesser hoch. Darin verbirgt sich ein hohler Pfeiler, der von einer ringförmig angelegten Bibliothek umkränzt wird. Auf dem stumpfen Pfeilerkopf ruht die schwere Montierung des weltgrößten Heliometers. Die 22 cm weite Frontlinse dieses Spezialteleskops ist durchschnitten. Verschiebt man die Hälften gegeneinander, lassen sich die Abbilder zweier benachbarter Sterne zur Deckung bringen. Das macht noch präzisere Winkelmessungen möglich.

Ein außergewöhnlich naher Stern, so erklärt man Neumann, zeichnet im Jahreslauf scheinbar eine winzige Ellipse an die Himmelskugel - in Widerspiegelung der Erdbewegung um die Sonne. Je näher der Stern, desto größer fällt dieser perspektivische Effekt aus. Damit war es 1838 in Königsberg gelungen, die allererste Sterndistanz auszuloten. Allerdings ist die Arbeit am Heliometer delikat, da die Verschiebung der beiden Linsenhälften auf einen Tausendstel Millimeter genau bestimmt werden muss.

An der Kuffner-Sternwarte nimmt man sich allein drei Jahre Zeit, um das neue Spitzeninstrument zu justieren. Dann steuert man damit 16 Sterndistanzen bei. Das ist recht viel, liegen weltweit bis 1908 doch nicht einmal hundert solcher Resultate vor. Ottakring, mittlerweile im 16. Wiener Gemeindebezirk integriert, schreibt somit Astronomiegeschichte.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Astronomie, Extra, Sternwarte

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-11-10 19:47:15
Letzte Änderung am 2011-11-23 12:14:34


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wertlose Wissenschaft
  2. Der Feindfreund
  3. Forscher steuern Drohnen mit dem Körper
  4. Sieg über Aids in Gefahr
  5. Sand gibt es nicht wie Sand am Meer
Meistkommentiert
  1. Sieg über Aids in Gefahr
  2. Böse Tiere
  3. Sand gibt es nicht wie Sand am Meer
  4. Wie uns Fast-Food depressiv macht
  5. Wirkung von Medizinalhanf vielfach nicht ausreichend belegt

Werbung





Werbung