• vom 23.05.2011, 19:17 Uhr

Forschung

Update: 15.06.2011, 15:11 Uhr

Plagiatsjäger Stefan Weber: Auf jeder vierten Seite von Hahns Dissertation ist ein Plagiatsfragment zu finden

"Johannes Hahn ist ein Viertel Guttenberg"




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Von Katharina Schmidt

  • Pilz fordert EU-Kommissar zum Rücktritt auf.
  • Hahn bestreitet Vorwurf mit Verweis auf ältere Gutachten.


© apa / Robert Jäger © apa / Robert Jäger

Wien. Johannes Hahn hat sauberer gearbeitet als Karl-Theodor zu Guttenberg. Dennoch soll der ehemalige Wissenschaftsminister und nunmehrige EU-Regionalkommissar auf 25 Prozent der Seiten seiner Dissertation plagiiert haben. Ein entsprechendes Gutachten von Plagiatsjäger Stefan Weber hat der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz am Montag präsentiert.


Aber der Reihe nach: Bereits 2007 hatte Weber Plagiate in Hahns 1987 vom Philosophen Peter Kampits approbierten Dissertation mit dem Titel "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" geortet. Im Auftrag der Uni Wien kam der Schweizer Philosoph Peter Schulthess damals zu dem Ergebnis, dass Hahn zwar nicht vorsätzlich plagiiert habe, die fehlende Kennzeichnung der Zitate aber "entschieden zu rügen" sei. Schulthess konnte also keine Täuschungsabsicht, aber Schlampigkeit erkennen.

Nach der Causa Guttenberg - der CSU-Verteidigungsminister stolperte Anfang März über eine Plagiatsaffäre - beauftragte der grüne Klub Weber mit einem Gutachten zu Hahns Dissertation, das sich der Klub 5000 Euro kosten ließ.

"Hahn ist zu einem Viertel ein österreichischer Guttenberg", sagte Weber. Auf 25 Prozent der Seiten habe er Plagiate feststellen können. Das Hauptproblem sind für den Medienwissenschafter jene 25 Stellen, an denen Hahn zwar kurz aus einem Werk zitiert, das auch belegt, dann allerdings weiter aus der Quelle abschreibt, ohne zu zitieren. Den Beweis dafür, dass Hahn bewusst plagiiert und nicht einfach nur schlampig zitiert hat, sieht Weber darin, dass die inkriminierten Texte teilweise leicht umgeschrieben wurden.

Offizielles Gutachten wird für Herbst erwartet
Auch, dass 1987 die Zitierregeln weniger streng waren als heute, kann Weber nicht bestätigen. Dem widerspreche die damals aktuelle Literatur zum wissenschaftlichen Arbeiten. Weber legt Hahn nun nahe, seinen Doktortitel freiwillig zurückzulegen, sonst wäre ihm dieser ohnehin abzuerkennen, meint er. Pilz, der Webers Gutachten am Montag Kommissionpräsident José Manuel Barroso und der Uni Wien übermittelt hat, erwartet sich, dass Hahn nun "mit Anstand" als Kommissar zurücktritt. Der Uni Wien warf er vor, den ehemaligen Minister zu "decken" und kündigte parlamentarische Anfragen auch zur Rolle von Hahns Doktorvater Kampits an.

Der nahms gelassen: Er will das offizielle Gutachten abwarten, das die Uni Wien bei der Agentur für wissenschaftliche Integrität in Auftrag gegeben hat. "Wenn das da ist, können wir weiter reden", sagte Kampits. Die Expertise eines ausländischen Gutachters soll im Herbst vorliegen.

Frage nach Rücktritt stellt sich für Hahn nicht
Auch Hahn selbst will dieses Gutachten abwarten. Er verwies auch auf Schulthess Meinung und jene des Urheberrechtsexperten Gottfried Korn, der keinen Verstoß gegen das Urheberrecht sieht. Webers Studie nannte Hahn eine "politisch motivierte Auftragsarbeit". Die Vorwürfe seien "haltlos", daher stelle sich auch die Frage nach einem Rücktritt nicht, hieß es aus seinem Büro.

Im Büro von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle will man ebenfalls das Ergebnis des offiziellen Gutachtens abwarten. Mitte Juni beraten Vertreter von Fachhochschulen, Unis und der Wissenschaft über den generellen Umgang mit Plagiaten in Österreich.



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Dokument erstellt am 2011-05-23 19:17:00
Letzte Änderung am 2011-06-15 15:11:20


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