• vom 29.06.2012, 14:00 Uhr

Forschung


Astronomie

Zwischen Hafen und Himmel




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Vor 100 Jahren, am 6. Juli 1912, ging die einst hochgerühmte Sternwarte Hamburg-Bergedorf in Betrieb. Heute dient sie in erster Linie als Ausbildungs- und Besucherzentrum.

Eine 14 Meter weite Kuppel beherbergt den Großen Refraktor im Observatorium der Sternwarte Hamburg-Bergedorf.

Eine 14 Meter weite Kuppel beherbergt den Großen Refraktor im Observatorium der Sternwarte Hamburg-Bergedorf.© Christian Pinter Eine 14 Meter weite Kuppel beherbergt den Großen Refraktor im Observatorium der Sternwarte Hamburg-Bergedorf.© Christian Pinter

"Schiffer, Packknechte und eine Unzahl von Freudenmädchen" - so sieht Johann Sajnovics 1768 Hamburg. Der Jesuitenpater besucht es gemeinsam mit Maximilian Hell, dem Gründungsdirektor der ersten Wiener Universitätssternwarte. Alles könne man hier kaufen, Waren aus den fernsten Gegenden der Erde; dennoch stünden den Kaufleuten Geldgier und Handlungssorgen ins Gesicht geschrieben, urteilt Sajnovics. Gerade wegen des Fernhandels sollte diese Hafenstadt ein offizielles Observatorium besitzen. Die Seefahrer brauchen astronomische Tabellen zum Navigieren. Doch es bleibt lange Zeit bloß bei privaten Initiativen, wie dem um 1721 eingerichteten Steerenkiker-Huus: Der erfindungsreiche Tischler Johann Bey-er betreibt es am Baumwall, nahe dem Binnenhafen.


"Meridiankreis"
1798 ernennt Hamburg den Geometer und Wassertechniker Johann Georg Repsold zum Spritzenmeister. Ihm unterstehen hunderte Feuerwehrleute. Zur Wartung der Löschgeräte betreibt Repsold eine Werkstatt, die er auch für andere Projekte nutzt. Er beweist außergewöhnliches Geschick beim Bau feinmechanischer Geräte: 1802 richtet er seine Fernrohre auf der Bastion Albertus zum Himmel, oberhalb der Landungsbrücken von St. Pauli.

Um die Lage der Sterne an der Himmelskugel exakt zu vermessen, setzt Repsold auf einen Meridiankreis: Dieses Spezialteleskop lässt sich nur in Nord-Süd-Richtung bewegen; dafür aber sehr exakt. Mit Hilfe der selbstgebauten Pendeluhr stoppt Repsold jene Zeitpunkte, zu denen Sterne durch die Mitte des Gesichtsfelds laufen. Das verrät die erste Sternkoordinate. Die zweite liest er an der fein gravierten, vertikalen Kreisskala ab. Wird hingegen der Durchgang von Sternen mit schon bekannter Position mitverfolgt, verrät der Meridiankreis die aktuelle Uhrzeit.

Der mächtige Einstellkreis des 1-Meter-Spiegelteleskops.

Der mächtige Einstellkreis des 1-Meter-Spiegelteleskops.© Christian Pinter Der mächtige Einstellkreis des 1-Meter-Spiegelteleskops.© Christian Pinter

Napoleons Soldaten zerstören das private Observatorium 1812, doch als Vorstand der Feuerwehr bleibt Repsold im Amt. Nach dem Wiener Kongress drängt er den Stadtsenat zur Errichtung einer öffentlichen Sternwarte - und betont deren Nutzen für die Handelsschifffahrt. Mit Erfolg: 1826 ist dieses Institut, ein zweiflügeliger Bau am Millerntor, fertig. Repsold steuert die Feinmechanik bei, muss die Kosten für die Ins-trumente aber aus eigener Tasche oder mit Hilfe von Gönnern begleichen. Der frischgebackene Sternwartedirektor verunglückt nur vier Jahre später bei einem Löscheinsatz.

Repsolds Nachfahren betreiben die feinmechanische Werkstatt weiter, beliefern renommierte Observatorien in Europa. Auch die Mechanik der Teleskope in Wien-Ottakring wird von "Repsold & Söhne" stammen: Dort gründet der Industrielle Moritz von Kuffner eine Privatsternwarte, die unter anderem mit dem größten Meridiankreis der Donaumonarchie aufwartet.

Ein Seemann als Leiter
Die Hamburger Sternwarte beherbergt auch eine Navigationsschule. Direktor Charles Rümker kommt bei den Schülern sehr gut an. Er ist einst selbst zur See gefahren, hat dann in Australien als Astronom und als Farmer gearbeitet. Sogar einen der Bounty-Meuterer kennt er persönlich. Nachts vermisst Rümker die Koordinaten von 12.000 Fixsternen.

Sein Sohn George übernimmt 1866 die Nachfolge. Zum Einstand spendieren ihm Hamburger Kaufleute ein neues Teleskop aus dem Hause "Repsold": das Äquatorial. Dessen große Teilkreise dienen ebenfalls zur Bestimmung von Stern- oder Kometenkoordinaten. Anders als der Meridiankreis lässt sich das drei Meter lange Instrument aber in jede beliebige Richtung schwenken. Damit der Beobachter im Dunkeln nicht ständig mit Leitern hantieren muss, um zum Okulareinblick zu gelangen, kann er seinen höhenverstellbaren Sitz um das ganze Gerät herum bewegen - ohne dabei aufzustehen.

Ab 1876 stürzt eine schwarze Kugel vom Turm eines Speichers am Kaiserkai herab. Ihr drei Meter tiefer Fall dient Schiffern als weithin sichtbares Signal zum Einstellen der Bordchronometer, die zur Bestimmung des Längengrads auf See unentbehrlich sind. Ausgelöst wird der Zeitball von den Präzisionspendeluhren der Sternwarte; diese Uhren überwacht man nachts mit Beobachtungen am Meridiankreis.

Um die Örter von letztlich 200.000 Sternen abzustecken, teilt die internationale Astronomische Gesellschaft das Firmament in Zonen auf. Diese werden 19 Observatorien überantwortet. Die Kuffner-Sternwarte ist dabei, Hamburg noch nicht. In Wien-Ottakring studiert man außerdem jene rätselhaften, winzigen Schwankungen der geografischen Breite, die der Deutsche Karl Friedrich Küstner 1885 entdeckt hat. In Hamburg beklagt sich Küstner nach dem Blick durch das Äquatorial über störende Vi-brationen, die vom lebhaften Wagenverkehr herrühren. Auch der Dampf der Schiffe, der Qualm der Fabriken und die Beleuchtung von St. Pauli geraten immer mehr zum Ärgernis.

Ein wüstes Stück Land
Also sucht man einen neuen Flecken Land - für gewöhnliche Zeitgenossen "ziemlich wertlos" und für Astronomen daher "außerordentlich geeignet". Gefunden wird er südöstlich der Stadt auf einem 40 Meter hohen Hügel in Bergedorf. Um Baukosten zu sparen und gegenseitige Störungen zu vermeiden, werden die Teleskope dort in getrennten Kuppelgebäuden aufgestellt. Das alte Äquato-rial übersiedelt samt dem hölzernen Beobachterstuhl.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Astronomie, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-06-28 18:21:00
Letzte Änderung am 2012-06-29 13:47:29


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wertlose Wissenschaft
  2. Der Feindfreund
  3. Forscher steuern Drohnen mit dem Körper
  4. Sieg über Aids in Gefahr
  5. Sand gibt es nicht wie Sand am Meer
Meistkommentiert
  1. Sieg über Aids in Gefahr
  2. Böse Tiere
  3. Sand gibt es nicht wie Sand am Meer
  4. Wie uns Fast-Food depressiv macht
  5. Wirkung von Medizinalhanf vielfach nicht ausreichend belegt

Werbung





Werbung