• vom 09.11.2012, 13:30 Uhr

Forschung

Update: 09.11.2012, 13:37 Uhr

Meteorite

Ein Gott aus Himmelsstoff




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Der "Eisenmann", eine kleine religiöse Statue aus Tibet, gibt der Wissenschaft Rätsel auf. Denn sie ist aus einem ungewöhnlichen Material gefertigt - aus einem Meteoriten.

Ab dem 14. November 2012 steht der weltberühmte, nun umgestaltete Meteoritensaal des Naturhistorischen Museums in Wien (NHM) wieder den Besuchern offen. Als besondere Attraktion lockt der Steinmeteorit Tissint, der einst vom Mars in Richtung Erde geschleudert wurde. Eine ganz andere Geschichte ist jedoch mit dem Eisenmeteoriten Chinga verknüpft, wie deutsche Wissenschafter jetzt gemeinsam mit Mitarbeitern des NHM herausfanden.

Der "Eisenmann" mit der Swastika am Schuppenpanzer.

Der "Eisenmann" mit der Swastika am Schuppenpanzer.© Elmar Buchner Der "Eisenmann" mit der Swastika am Schuppenpanzer.© Elmar Buchner

Vor 10.000 bis 20.000 Jahren rast ein Bruchstück eines zwischen Mars und Jupiter kreisenden, eisernen Kleinplaneten auf die Erde zu. Niemand weiß, wie groß dieser Irrläufer ist. Nach Millionen Jahre währender Reise durchs All taucht das Geschoss mit über 43.000 km/h in die Erdatmosphäre ein. Die Luft vor ihm gerät zur "Wand". Dank seiner soliden Konsistenz zerreißt es den Eisenboliden erst ein paar Kilometer über Grund. Die Trümmer regnen beim Tannu-Gebirge herab, an der Grenze zwischen Sibirien und der Mongolei. Ob Menschen das Schauspiel mitansehen, ist unklar. Eis bedeckt die Region damals. Gletscher und das Schmelzwasser zu Ende der Kaltzeit nehmen die Meteorite mit, setzen sie anderswo ab. Später decken Gestein, Ablagerungen und schließlich Vegetation die Eisenbrocken zu.


Goldrausch am Chinga
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts treffen russische Goldwäscher in Urjanchai ein. Sie fahnden in Flusssedimenten nach Goldpartikeln. Gelegentlich stoßen sie sogar auf richtige Klumpen des begehrten Edelmetalls. Fündig werden sie vor allem in den Schwemmböden des Chinga (Tschinge) und des Argolik. Deren Wasser ergießt sich weiter nördlich in den Jenissei.

Der Ingenieur Nikolai Tschernewitsch macht ein Vermögen mit diesem Gold. Seinen Arbeitern gehen aber auch seltsame Eisenbrocken ins Netz. Tschernewitsch sammelt diese Fundstücke, deren größtes immerhin 20,5 kg wiegt. Er glaubt an einen kosmischen Ursprung. 1912 bringt er etliche Eisenstücke vom Chinga nach St. Petersburg. Doch die Gelehrten der Russischen Akademie der Wissenschaften bezweifeln einen meteoritischen Charakter der Proben.

Tschernewitsch kehrt nach Urjanchai zurück. 1917 nutzen Verbrecher die Wirren des russischen Bürgerkriegs und überfallen ihn. Da er sich hartnäckig weigert, seine Goldverstecke zu nennen, foltert man ihn, schneidet ihm die Ohren ab und bringt ihn schließlich um.

Die Chinga-Eisen sind längst als Meteorite anerkannt, als sowjetische Wissenschafter das Fundgebiet im Jahr 1963 durchkämmen. Sie suchen nach Kratern, wie sie Jahre zuvor beim Meteoriteneinschlag in Sikhote-Alin entstanden sind - vergeblich. Mit Metalldetektoren fördert man später aber weitere Chinga-Fragmente zutage: In Summe werden mindestens 250 geborgen. Sie liegen oft 2,5 bis 3 Meter tief in den Schwemmböden vergraben. Dies lässt, zusammen mit der Geologie des eiszeitlichen Tales, wenigstens eine grobe Altersbestimmung zu.

Ohne Struktur
Die meisten bekannten Eisenmeteorite präsentieren, einmal angeätzt, die eigentümliche "Widmanstätten-Struktur". Sie ist nach dem Grazer Alois von Widman-stätten benannt und entsteht durch das Zusammenspiel zweier Minerale: Der damals in Wien lebende Stuttgarter Karl von Reichenbach taufte diese im Jahr 1861 "Kamazit" und "Taenit". Der Chinga-Meteorit kann kein derartiges Muster ausbilden, denn er besteht fast nur aus dem Nickel-Eisen-Mineral Taenit. Für diese seltenen Meteorite ersann Gustav Tschermak, einst Leiter des k.k. Mineralogischen Hof-Cabinets in Wien, den Klassennamen "Ataxite" - was so viel wie "ohne Struktur" bedeutet. Ataxite zeichnen sich durch besonders hohen Nickelgehalt aus. Beim Chinga sind es immerhin 16 Prozent.

Heute teilt man die Eisenmeteorite, je nach dem Verhältnis bestimmter Spurenelemente, außerdem einem guten Dutzend chemischer Gruppen zu. Der Chinga will sich nicht einordnen lassen. Er ist "ungruppiert", wie Fachleute sagen. Urjanchai, sein Fundgebiet, gehört jetzt zur Republik Tuwa: die zählt zur Russischen Föderation, ist fast doppelt so groß wie Österreich, aber von nur 310.000 Menschen bevölkert. Die Mehrzahl der Tuwiner hängt dem tibetischen Buddhismus an.

1938 reist der Zoologe Ernst Schäfer zum dritten Mal nach Tibet, diesmal als SS-Untersturmführer. Seine Expedition wird von der "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" finanziert und steht unter der Schirmherrschaft des "Reichsführers SS", Heinrich Himmler. Die Nazis fahnden in der Abgeschiedenheit des tibetischen Hochlands nach Nachkommen "arischer" Vorfahren. Sie suchen in alten Schriften nach Hinweisen auf eine "arische" Urreligion. Bruno Beger misst die Schädelproportionen von Hunderten Tibetern. Später wird er ähnliche Messungen im KZ Auschwitz anstellen: 86 seiner dortigen Probanden werden kurz danach im Lager Natzweiler für eine geplante Skelettsammlung ermordet. Eines der Opfer ist die Wienerin Elisabeth Klein.

Ein Teil der 1938 und 1939 in Tibet gesammelten Exponate kommt ins "Haus der Natur", das damals ebenfalls dem "Ahnenerbe" untersteht. Das Salzburger Museum ist berühmt für seine dreidimensionalen Dioramen: Modellfiguren und naturalistische Modelllandschaften werden vor einem stimmig gemalten Hintergrund gezeigt. Hände und Gesichter der Figuren sind nach Abformungen Begers angefertigt worden. Später wird sich das Museum vom nationalsozialistischen Entstehungszusammenhang der vier Tibet-Dioramen distanzieren.

Die Oberfläche eines polierten Chinga-Meteoriten.

Die Oberfläche eines polierten Chinga-Meteoriten.© Christian Pinter Die Oberfläche eines polierten Chinga-Meteoriten.© Christian Pinter

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Meteorite, Extra, Astronomie, Tibet

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-11-08 17:36:22
Letzte Änderung am 2012-11-09 13:37:53


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Rhein bildet ein Delta aus
  2. Auf das Flutschen kommt es an
  3. Geglückter Neustart in Ephesos
  4. Wikingerschiff in den Fjorden
  5. Der rätselhafte Merkur
Meistkommentiert
  1. Die Erderwärmung ist real und menschengemacht
  2. Das rätselhafte Ich
  3. Ein Algorithmus für Fantasie
  4. Auf das Flutschen kommt es an
  5. Hubble streikt

Werbung





Werbung