• vom 19.07.2013, 14:00 Uhr

Forschung

Update: 19.07.2013, 16:56 Uhr

Mond

Woraus ist der Mond gemacht?




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Von Christian Pinter

  • Der Erdbegleiter scheint aus irdischem Material zu bestehen
  • Die Vorstellung, dass der Mond aus Käse sei, ist zwar altbekannt, aber wissenschaftlich leider nicht haltbar.

Der Mond ist nur fürs menschliche Auge grau. Titandioxid färbt vor allem das "Meer der Ruhe" blau, wie die Digitalfotografie deutlich zeigt. - © Foto: Christian Pinter

Der Mond ist nur fürs menschliche Auge grau. Titandioxid färbt vor allem das "Meer der Ruhe" blau, wie die Digitalfotografie deutlich zeigt. © Foto: Christian Pinter

Im Jahr 1989 spielte der britische Trickfilmer Nick Park in seinem Kurzfilm "A Grand Day Out" (deutscher Titel: "Alles Käse") mit einem alten Mythos: Weil daheim der Käse ausgegangen war, bastelten der Erfinder Wallace und dessen Hund Gromit flugs eine Mondrakete - und landeten auf dem "Käsemond".

Die Vorstellung, wonach der Mond aus Käse bestünde, ist viele Jahrhunderte alt. Der weiße Vollmond erinnert ja durchaus an einen runden Käselaib. Der Sage nach hetzte einst der schlaue Fuchs einen Wolf in den Tod: Er machte ihn glauben, das Spiegelbild des Mondes im Teich sei ein versunkener Laib Käse. Um an diesen heranzukommen, trank der gierige Wolf das Gewässer aus - und zerplatzte.


Mitte des 16. Jahrhunderts legte der englische Theaterautor und Lyriker John Heywood Sammlungen mit bekannten Redewendungen vor. Darin liest man Vertrautes wie "Aus den Augen, aus dem Sinn" oder "Er traf den Nagel auf den Kopf". Auch "Der Mond ist aus grünem Käse!" findet sich da, jedoch als ironisch-spöttische Antwort auf eine unglaubliche Behauptung. Etwa im Sinn von "...und Schweine können fliegen!" Mit dem Wörtchen "grün" meinte Heywood nicht die Farbe, sondern die Frische des Käses. Man denke bloß an die Ausdrücke "Greenhorn" (engl., Neuling, Anfänger), oder "Grünschnabel".

Das "fünfte Element"
Für Aristoteles bestand der Mond nicht aus Käse, obwohl sich der griechische Gelehrte auch mit der Milchverarbeitung befasste. Vielmehr sollten alle himmlischen Körper aus einem "fünften Element" geformt sein, ideal und unvergänglich. Nur die Erde wäre aus den vier klassischen, unvollkommenen Elementen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) aufgebaut, so der antike Philosoph.

Diesen vermeintlichen, grundlegenden Unterschied zwischen den Himmelskörpern und unserer Erde hob erst Galileo Galilei zweifelsfrei auf. Er studierte im Herbst 1609 den Mond im Fernrohr. Dieser zeigte nicht die allseits erwartete ideal-glatte Oberfläche - sondern das auch auf Erden vertraute Spiel von Bergen und Tälern. Von dieser "Erdähnlichkeit" inspiriert, stattete Johannes Kepler die Nachbarwelt im Roman "Mondtraum" gleich mit Sümpfen und Wasserflächen aus. Weil die weiten, dunkelgrauen Mondebenen im Fernrohr kaum Details zeigten, wurden sie zunächst für richtige Meere gehalten. Ab 1651 schenkte man ihnen fantasievolle Einzelnamen, wie "Meer der Fruchtbarkeit", "Wolkenmeer" oder "Ozean der Stürme". Die zerklüfteten Gebirgsregionen wurden hingegen "Hochländer" genannt.

Dank der Newtonschen Physik ließen sich Masse und Dichte des Mondes bestimmen. Während ein Kubikzentimeter "Erde" im Schnitt 5,5 Gramm auf die Waage bringt, wöge ein gleich großes Stückchen "Mond" hier bloß 3,3 Gramm. Wäre der Mond ein echter Zwilling der Erde, ließe sich der Dichteunterschied schlecht erklären. Es sei denn, der Mond wäre löchrig wie ein Emmentaler.

Charles Darwins zweiter Sohn hieß George und wurde Astronom. Er malte sich eine Erde aus, die anfangs viel zu schnell um ihre Achse wirbelte und dabei abflachte. In Randnähe bildete sich eine mutmaßliche Einschnürung, an der sich, so George Darwin, einst die Mondmasse abspaltete. Das ist so allerdings wenig plausibel. Auch das "Einfangen" einer zuvor anderswo geformten Mondwelt ist himmelsmechanisch kaum vorstellbar.

Die US-Amerikaner sind die größten Käseproduzenten der Welt. Als sie zwischen 1969 und 1972 auf dem Mond landeten, wussten sie nicht, wie ihr Reiseziel entstanden war. Die sechs geglückten Apollo-Missionen beförderten 382 Kilogramm Mondgestein in die Labors. Eher flüchtige Elemente wie Natrium, Kalium, Zink oder Blei (sie verdampfen schon bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen) fand man darin deutlich seltener als auf Erden; ebenso Eisen. Hingegen legten die Sauerstoff-Isotope eine sehr, sehr enge Verwandtschaft beider Himmelskörper nahe.

Der riesige Einschlag
Um die beiden gegensätzlichen Befunde unter einen Hut zu bringen, kreierten Mondforscher 1975 eine neue Theorie. Als die Erde vor 4,57 Milliarden Jahren geboren wurde, bildete sie in ihrem heißen Inneren einen eisenreichen Kern aus. Ein silikatreicher Mantel hüllte ihn ein. Soweit die Fakten. Nach der "Rieseneinschlagstheorie" soll die junge Erde im Alter von höchstens 200 Millionen Jahren von einem immerhin halb so großen Körper gerammt worden sein; streifend und in möglichst geringem Tempo.

Dieser hypothetische Irrläufer wird "Theia" genannt, nach der Mutter der griechischen Mondgöttin. Der katastrophale Einschlag sprengte Material der Theia und des recht eisenarmen Erdmantels ins All. Im Erdorbit ballten sich diese Trümmer, der flüchtigen Elemente während des Infernos beraubt, zum Mond zusammen.

So also die Theorie, an der die Gelehrtenwelt fast unisono Geschmack fand. Allerdings müsste der Erdtrabant dann zu etwa 40 Prozent aus Theia-Materie bestehen. Untersuchungen an den Apollo-Gesteinen ließen aber keine Spur von ihr erkennen. War Theias Zusammensetzung etwa identisch mit der irdischen? Dann müsste sie in direkter Nachbarschaft zur Erde entstanden sein, was wenig wahrscheinlich ist.

Der Mondmeteorit Dhofar 307 unterm Mikroskop. Ein heftiger Einschlag schleuderte ihn einst zur Erde.

Der Mondmeteorit Dhofar 307 unterm Mikroskop. Ein heftiger Einschlag schleuderte ihn einst zur Erde.© Foto: Christian Pinter Der Mondmeteorit Dhofar 307 unterm Mikroskop. Ein heftiger Einschlag schleuderte ihn einst zur Erde.© Foto: Christian Pinter

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Dokument erstellt am 2013-07-18 20:59:07
Letzte Änderung am 2013-07-19 16:56:32


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