• vom 04.07.2015, 09:30 Uhr

Forschung


Astronomie

Neue Architektur des Kosmos




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Von Christian Pinter

  • Vor 475 Jahren machte der Vorarlberger Rheticus mit seinem Druckwerk "Narratio prima" erstmals die Grundzüge der kopernikanischen Lehre publik.

"De revolutionibus orbium coelestium": Diesem epochalen Werk seines Lehrers Nikolaus Kopernikus ebnete Georg Joachim Rheticus mit seiner "Narratio prima" den Weg.Foto: Christian Pinter

"De revolutionibus orbium coelestium": Diesem epochalen Werk seines Lehrers Nikolaus Kopernikus ebnete Georg Joachim Rheticus mit seiner "Narratio prima" den Weg.Foto: Christian Pinter

Georg Joachim Rheticus, geboren am 16. Februar 1514 in Feldkirch, hat eine schwierige Aufgabe vor sich. Er will den Menschen klarmachen, dass sie beim Blick zum Himmel ihren Augen nicht mehr trauen dürfen. Er möchte den Gelehrten zeigen, dass die bestehenden Modelle vom Aufbau des Universums schon im Ansatz falsch sind. Und er sucht seine protestantischen Glaubensbrüder davon zu überzeugen, dass auch ein alternativer Kosmos nicht gegen die Theologie verstoßen muss. Einer größeren Herausforderung könnte sich der 25-jährige Mathematikprofessor kaum stellen.

Der Vorarlberger beginnt seine Schrift im Sommer 1539, voller Überzeugung und sogar mit einer gewissen Leichtherzigkeit. Womöglich, so räumt er ein, leitet ihn bei manchem Wort auch "etwas jugendliche Hitze". Um Berühmtheit geht es Rheticus nicht. Er will vielmehr einem anderen Mann die Bahn ebnen: Nikolaus Kopernikus. Der im polnischen Frombork wirkende Astronom zögert nämlich seit gut drei Jahrzehnten, an die Öffentlichkeit zu treten.


Der Domherr hat seine unerhörten Vorstellungen über den Aufbau des Universums bisher nur wenigen, ausgewählten Gelehrten anvertraut - und auch das nur handschriftlich. Ein gedrucktes Werk könnte einen viel größeren Leserkreis erreichen. Doch Kopernikus will nicht publizieren. Er weiß, dass ihm die Beweise für seine neue Architektur des Kosmos fehlen. Angesichts dieses hartnäckigen Zauderns seines "Herrn Lehrers" greift nun Rheticus zur Feder. Er verfasst die "Narratio prima" - den Ersten Bericht - über dessen Weltsicht. Dabei ist er stets bemüht, Kopernikus als legitimen Nachfolger der anerkannten Autoritäten vorzustellen - und ja nicht als deren Konkurrenten.

Zwiebelschalenmodell
Noch hängen die Menschen dem naiven Augenschein an. Sterne gehen im Osten auf und im Westen unter. Also dreht sich, vermeintlich, der ganze Kosmos jeden Tag aufs Neue um die Erde herum: mit all seinen Sternen, der Sonne und den Planeten. Die Erde ist in diesem altbekannten Weltbild kein Planet, sondern das unbewegte Zentrum des Universums.

Kreis und Kugel gelten seit der Antike als ideale geometrische Figuren. Die hehren Gestirne sollen beim Lauf um die Erde daher Kreisbahnen folgen, mit unveränderlichem Tempo. Doch am irdischen Himmel wechseln Sonne und Mond sehr wohl ihren Schritt. Die Planeten halten zeitweilig sogar inne, kehren um, stoppen abermals und schlagen dann wieder die vertraute Richtung ein. Kurz: Sie ziehen Schleifen vor dem Fixsternhintergrund.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, hat Aristoteles ein "Zwiebelschalenmodell" propagiert. Der griechische Philosoph wähnte die Erde von kristallenen Kugelschalen unterschiedlicher Größe umgeben. Sie sollen die Sterne, die Sonne und die Planeten tragen. Der Schwung der fernen Fixsternsphäre wird dabei nach und nach auf die darunter liegenden Sphären der Wandelgestirne transformiert.

Doch Georg Joachim Rheticus schürt Zweifel. Schließlich weiß niemand, wie diese vorgebliche Schwungübertragung vonstatten gehen soll. Die Reihenfolge der Sphären von Sonne, Merkur und Venus ist überdies umstritten. Und einen Beweis für die Existenz seiner Kristallschalen ist Aristoteles sowieso schuldig geblieben.

Im 2. Jh. n. Chr. hat Claudius Ptolemäus das astronomische Wissen der Antike in einem mehrbändigen Werk zusammengefasst. Bei ihm rollen die Wandelgestirne auf Kreisen dahin, deren Mittelpunkte erst auf weiteren Kreisen um die Erde ziehen. Mit einigen zusätzlichen Kunstgriffen kann Ptolemäus die Planetenschleifen am irdischen Himmel plausibel erklären - nicht jedoch die Helligkeitsschwankungen des Planeten Mars. Also rät Rheticus auch hier zu besonderer Vorsicht.

Berechnungen nach dem ptolemäischen Modell geben den Himmelsanblick im 16. Jh. nur noch mit irritierenden Abweichungen wieder. Das Ansehen der Astronomie hat dadurch gelitten. Jetzt gelte es, so der Vorarlberger, diese "Königin der Wissenschaften" endlich wieder auf ihren verdienten Thron zu setzen! Mit dem Modell seines Lehrers würde dies gelingen, versichert er.

Bei Kopernikus steht der Kosmos still. Dafür wird die Erde in mehrfache Bewegung versetzt. Ihre Rotation ist es, die den täglichen Umschwung aller Gestirne vortäuscht. Ihr jährlicher Lauf macht uns wiederum glauben, die Sonne zöge durch die Sternbilder des Tierkreises. Der Mensch steht bei Kopernikus nicht mehr auf einer festgenagelten Beobachtungsplattform, sondern auf einer mobilen. Erst ihre Bewegung erzeugt die beobachteten Schleifenbahnen der Planeten am Nachthimmel: Sie sind als Spiel der Perspektive entlarvt.

Sonne und Erde tauschen bei Kopernikus Platz. Anstelle unserer eigenen Welt hätte sich nun die Sonne im Mittelpunkt des Kosmos "festgesetzt", so Rheticus. Dieser zentrale Ort stünde ihr auch zu, fungiere sie doch gleichsam als Gottes "Statthalter" im Universum.

Kopernikus macht die Erde erstmals zu einem Planeten. Auf engeren Bahnen kreisen Merkur und Venus, auf weiteren Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne. Die Geschwindigkeit der Planeten nimmt mit wachsender Sonnendistanz ab. "Wie es sich gehört", urteilt Rheticus: Für ihn geht nämlich die planetare Bewegungskraft, ähnlich wie das Licht, von der Sonne aus.

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Dokument erstellt am 2015-07-03 14:47:05


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