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Forschung

Update: 06.05.2018, 18:38 Uhr

Digitalisierung

"Niemand hat den Überblick"




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Von Walter Hämmerle

  • Der Philosoph Friedrich Stadler über das Mängelwesen Mensch und die Rolle der Logik für die Digitalisierung.


© Moritz Ziegler © Moritz Ziegler

Wien. Der Prozess der Digitalisierung baut auf Erkenntnissen auf, die im frühen 20. Jahrhundert das Verständnis von Logik auf eine neue Ebene hoben. "Die Rolle der Logik und Mathematik in einer digitalen Welt" ist auch der Titel einer Veranstaltung, zu der die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft und die "Wiener Zeitung" am 8. Mai um 19 Uhr in die Wienbibliothek im Rathaus einladen. Der Wiener Philosoph Friedrich Stadler hält den Eröffnungsvortrag, am Podium diskutieren Peter Weibel, Gabriele M. Mras und Karl Sigmund.

"Wiener Zeitung": Logik bedeutet "vernünftig schlussfolgern". Sie ist ein Mittel zum Zweck, um unsere Welt zu erfassen. In der Wissenschaft hat sich Logik nun so weit fortentwickelt, dass deren Erkenntnisse im Alltag kaum mehr verständlich sind. Also "versteht" heute nur eine kleine Elite, und der große Rest muss "glauben". Fast wie im Mittelalter, finden Sie nicht?


Friedrich Stadler: Es liegt auf der Hand, dass sich die Wissenschaften spezialisiert, ja überspezialisiert haben. Der Wissenszuwachs ist enorm, und diese Dynamik lässt sich kaum aufhalten. Das erzeugt den Eindruck, dass in unserer extrem arbeitsteiligen Welt die Wissenschaft Sache einer kleinen Elite ist. Und das führt uns zurück zum Ausgangspunkt der Aufklärung, bei der es darum ging, Wissen im Volk zu verbreiten und dessen Vorteile gegenüber Religion, Mythen und Aberglauben hervorzustreichen. Ob die Entwicklungen im Bereich der Logik hier eine besondere Rolle gespielt haben, kann man diskutieren. Seit der Antike ist sie ein Instrument, Wissen klarer zu machen, das Verständnis zu strukturieren und Schlussfolgerungen gültig zu konstruieren. Daran hat sich nichts geändert. Klar ist aber auch, dass Logik keine empirischen Wahrheiten produzieren kann.

Wissenschaft strebt nach einer einfachen Theorie. Mithilfe der Logik ist es gelungen, Information auf zwei Ziffern herunterzubrechen: 0 und 1. Das binäre Zahlensystem ist die Grundlage, auf der sich die Digitalisierung entwickeln konnte. Worin besteht für Sie der Durchbruch der Digitalisierung?

Die Digitalisierung hat die klassische Logik abgelöst. Sie hat das Denken neu gestaltet, es vereinfacht, gleichzeitig die Komplexität sichtbar gemacht und so die moderne Technologie der Computer ermöglicht. Das ist ein wesentlicher Durchbruch. Dass wir Denken auf das Wesentliche reduzieren können, ist eine entscheidende Weiterentwicklung des klassischen Denkens seit der Antike. Aber diese Geschichte ist nicht zu Ende, wir warten etwa auf die Entwicklung des Quantencomputers. Und gleichzeitig damit haben wir dank des vertriebenen Österreichers Kurt Gödel (1906-1978), dem wohl einflussreichsten Logiker des 20. Jahrhunderts, die Einsicht gewonnen, dass eine vollständige Rationalisierung und Automatisierung im Zusammenhang mit Wahrheit und Beweisbarkeit nicht möglich ist. Für den Menschen verbleibt also ein Bereich der Kreativität und Intuition jenseits dieser "Logisierung".

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Dokument erstellt am 2018-05-04 16:51:37
Letzte Änderung am 2018-05-06 18:38:05


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