• vom 05.09.2018, 17:02 Uhr

Forschung


Interview

"Schritte, nicht Schrittchen"




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Von Eva Stanzl

  • FWF-Chef Klement Tockner fordert neue Prioritäten in der Forschungsförderung.

Tockner ; Neuer Pfad für Grund-lagenforschung.

Tockner ; Neuer Pfad für Grund-lagenforschung.© apa/fohringer Tockner ; Neuer Pfad für Grund-lagenforschung.© apa/fohringer

"Wiener Zeitung": Was hat Österreichs größte Förderagentur für Grundlagenforschung seit ihrer Gründung an Wissenschaft made in Austria verändert?

Klement Tockner: Österreichs Grundlagenforschung war 1968 weniger international und die Hierarchien in den Forschungseinrichtungen waren stärker ausgeprägt. Damals erschien es für Professoren fast unvorstellbar, für Forschungsgelder Anträge stellen zu müssen, in denen sie begründeten, was sie erforschen wollen. Es wurde vom FWF hauptsächlich in Infrastruktur investiert. Heute sind mehr als 50 Prozent unserer Fördernehmer zwischen 26 und 35 Jahre alt - es geht um die besten Talente. Die Hierarchien sind flacher, die Forschungslandschaft internationaler und vielfältiger, der Wettbewerb stärker. Zu Beginn lag unsere Bewilligungsrate bei 90 Prozent, jetzt sind es 27 Prozent. Eine Wettbewerbskultur nach den Prinzipien Unabhängigkeit, Gleichbehandlung aller Disziplinen und Qualität musste sich erst aufbauen - und wir sind immer noch dabei.


Wissenschafter managen heute Gruppen, müssen ihre eigenen Mittel einwerben und werden nach Zitationen in Publikationen bewertet. Wie viel Wettbewerb ist gesund und ab wann ist es zu viel?

Ich würde sagen, Forscher wollen sich dem Wettbewerb stellen. Das Schreiben eines Antrags ist keine Last, sondern eine intellektuelle Herausforderung und ein Training. Ein Marathonläufer, der trainiert, erreicht das Ziel. Ein fairer, transparenter Wettbewerb nach höchsten Standards führt zu größerer Zufriedenheit, unterstützt Kooperation und schafft Qualität. Deswegen ist unsere Eintrittshürde hoch. Wer sie aber überschreiten kann, hat für drei bis fünf Jahre größten Freiraum, um zu forschen. Frustrierend wird es aber dann, wenn man ausschließlich aus budgetären Gründen hervorragende Ideen nicht fördern kann.

Mit dem FWF wird nicht nur exzellente Grundlagenforschung verbunden, sondern auch "chronische Unterdotierung". Laut Forschungsrat fehlt eine jährliche Bewilligungssumme von 90 Millionen Euro. Wie viel fehlt Ihnen?

Derzeit können wir exzellente Projekte im Umfang von 80 Millionen Euro nicht fördern. Ein OECD-Bericht wird demnächst empfehlen, dass Österreich vorrangig den FWF stärken muss, wenn es die Spitzenforschung weiter voranbringen will. Gefragt sind dann die politischen Entscheidungsträger. Sie kennen die Dimension.

Welche Vorstellungen haben Sie für die geplante Exzellenzinitiative? Wie viel Geld wäre das Minimum?

Es muss sich eine Kultur entwickeln, die Spitzenforschung, Leistung und Wettbewerb stimuliert und einfordert. Das Exzellenzprogramm soll neue Ansätze und -kooperationen ermöglichen, die den internationalen Wettbewerb unterstützen. Wie immer kommt zuerst die Strategie und dann die Zahl: Wir müssen ein überzeugendes Konzept ausarbeiten und dann die Mittel festlegen. Bei monetären Steigerungen muss man die Prioritäten überdenken und den wettbewerblichen Anteil im Verhältnis zur Basisfinanzierung erhöhen. In Innovationsländern weiß man, dass Durchbrüche aus der Grundlagenforschung hervorgehen - daher investieren die Schweiz oder Holland knapp ein Drittel der öffentlichen Forschungsgelder in die Grundlagen. Bei uns ist es weniger als ein Fünftel. Wir müssen einen Pfad festlegen, wie wir diese Relation verändern - und zwar in Schritten, nicht in Schrittchen.




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Dokument erstellt am 2018-09-05 17:11:58


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