• vom 10.11.2018, 14:00 Uhr

Geschichte


Kriminalgeschichte

Vom Outlaw zum Mörder




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Von Thomas Karny

  • Im Jahr 1988 wurde ein Räuber mit Reagan-Maske und Schrotflinte zum Schrecken der Wiener Banken: Johann Kastenberger alias "Pumpgun-Ronnie". Seine Flucht verlief spektakulär.



Ein Läufer auf Abwegen: Johann Kastenberger.

Ein Läufer auf Abwegen: Johann Kastenberger.© Votava/Imagno/picturedesk.com Ein Läufer auf Abwegen: Johann Kastenberger.© Votava/Imagno/picturedesk.com

"Heute war wohl mein größter Erfolg", keuchte Johann Kastenberger dem Reporter ins Mikrofon, nachdem er am 11. September 1988 den Willi-Haase-Lauf im steirischen Kainach gewonnen hatte. Den anspruchsvollen Bergmarathon über 1800 Höhenmeter hatte er in der fulminanten Bestzeit von 3:16:07 Stunden absolviert, die eigentlich Grund für ausgelassenen Jubel geben hätte müssen. Aber jene, die dabei waren, erinnern sich an einen zurückhaltenden, nahezu schüchternen jungen Mann, an sein verhaltenes Lächeln im Spätsommerlicht. Zwei Monate später wird der sympathisch wirkende Sieger von Kainach einen ganz anderen Lauf zeigen. Seinen letzten, und eine ganze Nation wird dabei zusehen.

Ein halbes Jahr war es her, als eine Bankraubserie Wien und Niederösterreich erschüttert hatte. Ein Räuber, der sein Gesicht hinter einer Ronald-Reagan-Faschingsmaske verbarg und seinen Forderungen mit einer Schrotflinte Nachdruck verlieh, hatte nicht weniger als sieben Geldinstitute überfallen: Am 20. November 1987 eine Raiffeisenkasse in Groß-Sierning bei St. Pölten, am 19. Februar 1988 drei Banken in Wien an einem Tag, und zwischen 21. und 23. März 1988 jeweils eine Bank täglich.

Den letzten Überfall erlebte Volksopernsänger Alfred Kainz, als er sich mit seiner Mutter in der CA-Filiale Dornbacher Straße befand, hautnah mit. Mutig sprang er in ein Taxi und forderte den Fahrer auf, den in einem VW Passat fliehenden Räuber zu verfolgen. Eine Tramway bremste die Verfolger aus. Als die Polizei das Fluchtauto entdeckte, war der trainierte Läufer über alle Berge. Wieder einmal. Wie immer.

Suche nach Halt

Die Boulevard-Presse hob ihn als "Pumpgun-Ronnie" auf die Titelseiten. Er agierte entschlossen, war so kaltblütig, dass er noch im Kassenraum das Geld nachzählte, und der Polizei immer um mindestens einen Sprint voraus.

Information

Thomas Karny, geboren 1964, ist
Sozialpädagoge, Autor und Journalist. Mehrere Buchveröffentlichungen zur Zeit- und Motorsportgeschichte. Lebt in Graz.

"Masken-Räuber wird zum Albtraum der Banken" - diese Schlagzeile kam schon fast einer Auszeichnung gleich. Ein gewisses Amüsement war nicht zu verbergen, das da ein Einzelner mit seiner Dreistigkeit, dem ganzen Exekutivapparat auf der Nase herumzutanzen, auslöste. Und: Bei den Überfällen war zumindest physisch kein Mensch zu Schaden gekommen. Das machte den Räuber beinahe sympathisch.

Der Mann hinter der Maske war Johann Kastenberger. Umgerechnet 500.000 Euro hat er insgesamt erbeutet. Nur einen geringen Teil dieser Summe hat er ausgegeben: für die Anschaffung eines Nissan Prairie, für Zahnbehandlungen seiner Freundin und für sportmedizinische Untersuchungen. Der Rest des Geldes wurde angelegt. Er bezog Arbeitslosengeld und füllte wöchentlich einen Lottoschein aus. Gegenüber Bekannten und Nachbarn gab er an, in der Sportartikelbranche tätig zu sein. Kastenberger führte nicht das Leben eines Ganoven, im Gegenteil: Das Geld ermöglichte ihm den Rückzug in die Unauffälligkeit des Kleinbürgertums.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-08 16:19:15
Letzte Änderung am 2018-11-08 17:48:43


16. Dezember 1818
16. Dezember 1818

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