• vom 24.11.2018, 10:00 Uhr

Geschichte


100 Jahre Tagebuch

Der erste Urlaub: "Ich konnte mich nicht sattsehen"




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    Adolfine Schumann bei einem Spaziergang in Berlin 1942.

    Adolfine Schumann bei einem Spaziergang in Berlin 1942.© Doku Lebensgeschichten, Uni Wien. Adolfine Schumann bei einem Spaziergang in Berlin 1942.© Doku Lebensgeschichten, Uni Wien.

    Meinen ersten selbstfinanzierten Urlaub erlebte ich im Juli 1936. Von Aufenthalten in Kinderheimen abgesehen, war es das erste Mal, dass ich aus Wien herauskam. Mein Ziel war Goisern. Ich war von der Natur überwältigt. Wie eine Verrückte lief ich auf die Berge, konnte mich nicht sattsehen. Ich hatte in einem einfachen Gasthaus ein billiges Logis gefunden, Bett, Tisch, ein Stuhl und Nägel in der Holztüre. Aber vor dem Haus murmelte ein Brunnen, und die Berge sahen mir zum Fenster herein. Mit dem Geld musste ich sparsam umgehen. Meine tägliche Ration bestand aus zwanzig Deka feinst aufgeschnittener Extrawurst, drei Scheiben auf ein Stück Brot und Fallobst, höchstens ein Teller heißer Suppe oder Milch. Mit der Tochter des Wirts freundete ich mich an. Mit zwei Dorfburschen nahm sie mich zum Tanz mit. Anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Dollfuß war eine Amnestie für politische Häftlinge erlassen worden. Als der geschmückte Zug einfuhr, war die Bevölkerung außer Rand und Band. Tausende waren gekommen und schrien stundenlang: "Sieg Heil, Sieg Heil!" Ich dachte, das sei ein ländlicher Gruß. In manchen Fenstern brannten Kerzen für Dollfuß. Vor der Rückkehr nach Wien blieb ich eine Nacht in Salzburg. Nie im Leben hatte ich etwas so Zauberhaftes gesehen. In der Felsenreitschule gab man "Faust" mit Paula Wessely als Gretchen. Natürlich konnte ich mir keine Karte leisten, aber ich sah die Schauplätze. Tagsüber ruhte ich mich am Domplatz aus. Großzügig setzte ich mich in die erste Reihe vor der Bühne, auf der wenige Stunden später "Jedermann" sein Schicksal erleiden sollte. Abends trieb ich mich in der Nähe herum, sah das elegante Publikum und hörte den schauerlichen Ruf: "Jedermann!"

    Adolfine Schumann (1916-2014),


    ein Beitrag der "Doku Lebensgeschichten", Universität Wien




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    Dokument erstellt am 2018-11-23 12:34:25


    18. Dezember 1818
    18. Dezember 1818

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