• vom 26.08.2011, 14:00 Uhr

Geschichte

Update: 06.04.2012, 14:38 Uhr

USA

Wolkenkratzer und Tiller-Girls




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Von Anton Holzer

  • In den 1920er Jahren entdeckte Österreich Amerika als faszinierendes Gegenbild zur eigenen Kultur. Die Geschichte einer ambivalenten Annäherung.

Die berühmte Skyline von Manhattan war um 1930 für viele Europäer das unerreichbare Wunschbild einer wirklich modernen Stadt. - © Foto: Archiv Anton Holzer

Die berühmte Skyline von Manhattan war um 1930 für viele Europäer das unerreichbare Wunschbild einer wirklich modernen Stadt. © Foto: Archiv Anton Holzer

Amerikanismus in Wien: Hier der Bau des ersten Hochhauses in der Herrengasse. Ein Foto von Otto Skall, 1932. .

Amerikanismus in Wien: Hier der Bau des ersten Hochhauses in der Herrengasse. Ein Foto von Otto Skall, 1932. .© Foto: Archiv Anton Holzer Amerikanismus in Wien: Hier der Bau des ersten Hochhauses in der Herrengasse. Ein Foto von Otto Skall, 1932. .© Foto: Archiv Anton Holzer

Ganz Österreich blickt nach Amerika. Ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein junges Wiener Mädchen, zwanzig Jahre alt, hat den sagenhaften Aufstieg über Nacht geschafft. Ihr Name: Lisl Goldarbeiter. Ihre Geschichte ist schnell erzählt: Die Tochter eines Wiener Ledergalanteriewarenhändlers, geboren 1909, Absolventin eines Realgymnasiums, entschließt sich in den späten 1920er Jahren auf Zureden eines Freundes, sich bei einem Wiener Schönheitswettbewerb zu beteiligen. Sie wird eingeladen und gewinnt die Miss-Wahl. Als Siegerin fährt sie nach Paris und wird dort Zweite.

Dann kommt die Einladung nach Galveston, Texas, USA. Hier findet im Juni 1929 die Wahl zur Miss Universe statt. Elf Konkurrentinnen aus aller Welt sind versammelt. Von sieben Preisrichtern stimmen sechs für die Österreicherin. Sie ist die erste Ausländerin, die den Preis gewinnt. Mit einem Schlag ist die junge Wienerin ein begehrtes Fotomodell - und weltberühmt.


Gegenbild zur Realität
1929 ist die Amerika-Faszina- tion in Österreich auf einem Höhepunkt angekommen. Amerika, das ist in diesen Jahren ein traumhaftes Gegenbild zur harten Realität im eigenen Land. Sehnsüchtig blickt man aus dem verarmten Kleinstaat, der gerade die Monarchie abgeschüttelt hat, in die unerreichbare Ferne, wo Unmögliches möglich erscheint. In Gestalt von Lisl Goldarbeiter ist dieser Traum für einen Augenblick Wirklichkeit geworden. Im Oktober 1929, wenige Monate nach dem österreichischen Triumph in Galveston, kommt es in New York zum Börsenkrach. Der amerikanische Traum hat Risse bekommen. Die Schockwellen machen sich bald auch in Österreich bemerkbar.

Amerikanische Studentinnen nach der Feldarbeit, Ötz in Tirol, 1935.

Amerikanische Studentinnen nach der Feldarbeit, Ötz in Tirol, 1935.© Foto: Archiv Anton Holzer Amerikanische Studentinnen nach der Feldarbeit, Ötz in Tirol, 1935.© Foto: Archiv Anton Holzer

Die Amerikafaszination der späten zwanziger Jahre ist ein spannendes Kapitel österreichischer Kulturgeschichte. Amerika galt als gelobtes Land des Wohlstands, Forschritts und der Freiheit.

Importiert wurde alles, was noch wenige Jahre zuvor hierzulande unbekannt oder gar geächtet war: Luftgefüllte Autoreifen und leicht bekleidete Tiller-Girls, Jazz und Boxkämpfe, imposante Hollywoodstreifen und in den Himmel wachsende Hochhäuser, also vor allem Populärkultur.

Und dennoch: Der reale Kulturimport hat weit weniger Spuren hinterlassen als der vorgestellte. Amerika war in diesen Jahren in erster Linie eine große Projektionsfläche, die weit mehr über die kollektiven Sehnsüchte und Ängste im eigenen Land erzählt als über die Wirklichkeit am anderen Ende des Ozeans. Faszination und Widerwillen, Amerikataumel und Amerikatadel gingen in diesen Jahren Hand in Hand. Ja, man kann sogar sagen, dass der Amerikafetischismus im Kern den Antiamerikanismus in sich trägt.

American-Style-Girls in der Revue "Wien lacht wieder" von Fritz Grünbaum und Karl Farkas mit Musik von Ralph Benatzky.

American-Style-Girls in der Revue "Wien lacht wieder" von Fritz Grünbaum und Karl Farkas mit Musik von Ralph Benatzky.© Foto: Archiv Anton Holzer American-Style-Girls in der Revue "Wien lacht wieder" von Fritz Grünbaum und Karl Farkas mit Musik von Ralph Benatzky.© Foto: Archiv Anton Holzer

Der eine ist ein verzerrtes Spiegelbild des anderen. Es lohnt sich, diese Projektionen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, denn sie haben sich als haltbar erwiesen: Den amerikanischen Traum gibt es, in aktualisierter und veränderter Form, noch immer. Und auch heute geht mit diesem Traumbild das Schattenbild des Antiamerikanismus einher. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Umbruchs- und Krisenzeit macht sich jenes wieder deutlicher bemerkbar.

Auswanderungsland
Bis zum Ersten Weltkrieg war Amerika aus österreichischer Sicht weit entfernt. Man hatte zwar von den ersten spektakulären Hochausbauten in New York gehört, aber wenige hatten diese mit eigenen Augen gesehen. Amerika war das unbekannte Wunderland, ein begehrtes Auswanderungsziel, in das hunderttausende verarmte Menschen aus dem Osten der Monarchie reisten, um ein besseres Leben aufzubauen.

Nach dem Krieg änderte sich die Situation sehr schnell. Amerika, vor Kurzem noch übermächtiger Kriegsgegner, war den Österreichern mit einem Schlag nahe gerückt: 1919 begann die amerikanische Kinderhilfsaktion ihre Arbeit in Österreich. Sie bot über 200.000, vor allem Wiener Kindern kostenlose Ausspeisungen an. 1922 eröffnete sie die Kinderheilanstalt am Tivoli in Wien-Meidling. Bald danach zogen sich die amerikanischen Spender zurück. Das öffentliche Sozialfürsorgenetz funktionierte wieder einigermaßen, der junge Staat war dabei, sich zu erholen.

Shows und Filme
Mitte der 1920er Jahre war das karitative Bild Amerikas schon wieder vergessen. Nun war man an ganz anderen Dingen interessiert, an amerikanischen Shows, an Musik und vor allem an Filmen. Die großen Hollywoodproduktionen hielten unaufhaltsam Einzug in den Wiener Kinos. Die Marken Paramount, MGM, Fox oder Goldwyn Meyer garantierten flotte Unterhaltung.

Im Herbst 1929 rüstete das Wiener Apollo als erstes Wiener Großkino auf den Tonfilm um. Am Tag der Wiedereröffnung des Etablissements trafen, gewiss nicht zufällig, Wiener Tradition und amerikanische Gegenwart direkt aufeinander: Vor den 1500 Besuchern wurde ein Festmarsch von Richard Strauss gespielt - und danach der amerikanische Monumentalstreifen "Lady Hamilton" gezeigt.

Amerika-Bilder generierten sich in Österreich vor allem über Kinosäle. Es waren populäre, leicht verdauliche Hollywoodproduktionen, die den Nerv der Zeit trafen. Aber auch amerikanische Dokumentationen stießen auf großes Interesse. 1927 etwa zeigte die Wiener Urania den Streifen "Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten", in dem die USA als Land der Superlative vorgestellt werden. Neben kalifornischen Goldwäschern, die es im Handumdrehen zu Reichtum bringen, war ein New Yorker Hochhaushotel mit 3000 Zimmern zu sehen.

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Schlagwörter

USA, Extra, Kulturleben

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Dokument erstellt am 2011-08-25 21:24:22
Letzte Änderung am 2012-04-06 14:38:36


18. Dezember 1818
18. Dezember 1818

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