• vom 28.10.2011, 15:00 Uhr

Geschichte

Update: 08.02.2012, 18:54 Uhr

Medien

Der Erfinder der Massenpresse




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Von Wolfgang Ludwig

  • Im 19. Jahrhundert begann manch eine Karriere mit Nächten auf einer Parkbank - auch jene des Zeitungsmagnaten Joseph Pulitzer, der vor 100 Jahren gestorben ist.

Joseph Pulitzer (1847-1911).

Joseph Pulitzer (1847-1911).© Valued Acer Customer Joseph Pulitzer (1847-1911).© Valued Acer Customer

Joseph Pulitzer, geboren 1847, stammte aus einer gut situierten jüdischen Handelsfamilie, die zuletzt in Budapest wohnte. Nach dem Tod des Vaters ging es aber rapide bergab und der damals siebzehnjährige Joseph Pulitzer sah 1864 keine andere Möglichkeit, als nach Amerika auszuwandern. Dort herrschte gerade Bürgerkrieg, und mittellose junge Männer aus Europa waren als Soldatennachschub höchst willkommen. Pulitzer kam mit einer hinter den Fronten arbeitenden Versorgungstruppe ganz gut durch den Krieg. Die Probleme begannen mit dem Ende des Krieges, im Frühsommer 1865.


Zusätzlich zu dem ständigen Einwandererstrom suchten plötzlich Zehntausende ehemalige Soldaten Arbeit, die meisten schlecht qualifiziert - zu viel für den amerikanischen Arbeitsmarkt. Auch Pulitzer hatte Probleme: Keine Englischkenntnisse und eine abgebrochene Gymnasiumausbildung sind heute wie damals nicht die besten Karrierevoraussetzungen. Da das Geld nach der Abmusterung schnell verbraucht war, dienten ihm die Parkbänke des City Hall Parks im südlichen Manhattan als Nachtquartier.

Karriere in St. Louis
Das Einzige, was Pulitzer wirklich gut konnte, war die deutsche Sprache, die er seit seiner frühen Jugend in Ungarn gelernt hatte. Es lag für ihn daher nahe, mit seinen allerletzten Dollars eine Fahrkarte nach St. Louis, Missouri, zu kaufen. Diese aufstrebende Stadt, damals immerhin die achtgrößte in den USA, war ein Zentrum der deutschsprachigen Einwanderer. Es gab dort "Kuchenbäcker", einen "Pfälzer Hof", Bierlokale, und sehr oft hörte man Leute Deutsch sprechen. Wenn Pulitzer lächelnd "Küss die Hand, gnädige Frau" sagte, punktete er bei den Damen der Gesellschaft.

Mit einer kleinen Schummelei wurde der Zwanzigjährige 1867 amerikanischer Staatsbürger. Er hatte behauptet, bereits fünf Jahre im Land zu sein, obwohl es genau genommen nur drei waren. Immerhin hatte er zuvor leidlich Englisch gelernt.

Kurze Zeit später machte er in einem Schachklub, in dem er sich gerne aufhielt, eine nützliche Bekanntschaft: Er lernte Emil Preetorius (1827 bei Mainz - 1905 St. Louis), Mitherausgeber der überregionalen deutschen Zeitung "Westliche Post", kennen und heuerte bald bei ihm an. Das war der glückliche Beginn einer großen Zeitungskarriere.

Aber Pulitzer musste den Job von der Pike auf lernen. Als Lokalreporter wichtigen Leuten nachzurennen, in Geschäften sich nach Stories umzuhören war alles andere als ein Vergnügen, noch dazu, wenn man wegen einer größeren Nase mit der Verballhornung "Pull-it-Sir" gehänselt wurde. Doch er machte seine Sache gut, wurde bald von Kollegen anerkannt und zum Liebkind von Preetorius. Durch den Kontakt zu den richtigen Leuten fand Pulitzer sehr schnell heraus, wie Politik im Land gemacht wurde: über und mit der Presse. Er sah, wie von der Zeitung gepushte Personen in Washington Karriere machten, und lernte, wie freundliche Berichterstattung über Parteien oder Personengruppen sich in Form von Inseratenaufträgen bezahlt machte - eine Erkenntnis, die im Übrigen auch heute noch gilt.

In den folgenden Jahren machte Pulitzer seine ersten politischen Gehversuche - als Unterstützer von Freunden des liberalen Flügels der Republikaner in St. Louis, aber auch auf bundesstaatlicher Ebene in Missouri. Durch einen Zufall - ein anderer Kandidat war erkrankt und Pulitzer war bei der Wahl zufällig anwesend - kam er auch kurzfristig ins Parlament von Missouri in Jacksonville. Politisch verfolgte er ein Hauptziel: den Kampf gegen die Korruption und Verschwendung von öffentlichen Geldern. Einer der Anlässe war der Bau eines Asyls für Geisteskranke in St. Louis, bei dem einiges schief gelaufen war.

Im Jahr 1872 stand die "Westliche Post" ziemlich schlecht da - sie hatte bei Wahlen die falschen Kandidaten unterstützt, und jetzt blieben Leser, Unterstützer und Inserate aus. Doch Pulitzer, inzwischen durch seine politische Tätigkeit zu bescheidenem Vermögen gekommen, half aus und erwarb einen Anteil an der Zeitung. Im September 1872, acht Jahre nach seiner Ankunft in den USA, war er zum Zeitungsbesitzer und Herausgeber geworden.

Doch bald kam es zu Unstimmigkeiten mit den Mitherausgebern. Pulitzer ließ sich ausbezahlen und erhielt ein Vielfaches seiner Einlagen zurück - über 30.000 Dollar. Plötzlich war er ein gemachter Mann, der nicht mehr regelmäßig arbeiten musste. Er reiste nach Europa, befasste sich privat ein wenig mit juristischen Studien, um im amerikanischen Rechtssystem sattelfest zu werden, passte Kleidung und Wohnadresse an die neuen finanziellen Verhältnisse an und war bereit für risikoreichere Investitionen.

So kaufte er eine bankrotte Zeitung auf, die aber einen lukrativen Anteil an einem Vertriebssystem hatte. Keine zwei Tage später verkaufte er sie wieder mit dem beachtlichen Gewinn von 20.000 Dollar. Aus einer risikoreichen Investition in den Bau eines Schifffahrtskanals zum Mississippi lukrierte er ebenfalls einige zehntausend Dollar.

Auch politisch orientierte sich Pulitzer neu: Nach Unstimmigkeiten mit seinen republikanisch orientierten Freunden und ehemaligen Förderern wechselte er die Seite und wurde im Herbst 1874 Demokrat. Die Demokratische Partei von Missouri umgarnte das neue Mitglied vorerst, doch zum Erfolg, von dem er insgeheim träumte - Abgeordneter in Washington zu werden -, reichte es bei weitem nicht. Auch seine jüdische Herkunft, die er zu verschleiern suchte, machte es ihm nicht leicht. Die "New York Times" schrieb 1876: "Pulitzer gehört zu der großen Gruppe unbeachteter Narren, die sich fälschlicherweise für bedeutende Männer halten". Auch er selbst kam Anfang 1877 zu der Erkenntnis, dass er zwar einiges an Geld beiseite legen konnte, sich aber weder beruflich etablieren noch privat Fuß fassen konnte. Immer noch wohnte er in einem Hotel in St. Louis - in keinem schlechten zwar - aber andere in seinem Alter (er war inzwischen dreißig) hatten bereits Familie mit Kindern.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-10-27 21:38:07
Letzte Änderung am 2012-02-08 18:54:07


20. Oktober 1818
20. Oktober 1818

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