• vom 19.04.2012, 13:19 Uhr

Geschichte

Update: 19.04.2012, 13:22 Uhr

Erstmals Fokus auf gesamtes Personal des KZ Mauthausen

Historiker analysieren den "Arbeitsplatz" KZ Mauthausen




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  • Wiener Wissenschafter wollen "Ort als Arbeitsplatz begreifen, ohne das KZ-Geschehen zu banalisieren".

Wien. Wer waren die Menschen, die tagtäglich für die Abläufe im Konzentrationslager Mauthausen verantwortlich waren? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Forschungsteam um Bertrand Perz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Die Wissenschafter betreten mit der umfassenden Auseinandersetzung mit Menschen, die ihren Arbeitsplatz im Konzentrationslager hatten, wissenschaftliches Neuland, wie es heute, Mittwoch, in einer Aussendung der Uni Wien heißt.

  "Im Rahmen des Forschungsprojekts interessieren wir uns für die Täter im KZ Mauthausen", wie der Projektleiter erklärt. "Um das Personal erforschen zu können, müssen wir den Ort als Arbeitsplatz begreifen, ohne das KZ-Geschehen zu banalisieren. Die Themen reichen daher von verschiedenen Formen der Gewaltausübung gegenüber Häftlingen bis hin zu Sozialkontakten zwischen dem SS-Personal und der lokalen Bevölkerung.

Neuer wissenschaftlicher Zugang  
Der Begriff "Lager-SS" sei im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts "weit gefasst". Neben der obersten Hierarchie der Lagerorganisation sowie den Wachmannschaften gehörten dazu beispielsweise auch Feuerschutzpolizisten, überstellte Wehrmachtsoldaten, weibliches Wachpersonal, ziviles Personal in der Lagerverwaltung sowie Personen, die bei der SS-Firma "Deutsche Erd-und Steinwerke GmbH" beschäftigt waren, die die Steinbrüche betrieb.

  Lange Zeit befasste sich die Täterforschung weitgehend damit, die Biographien einzelner Personen zu rekonstruieren. Mit dem Fokus auf das gesamte Personal und dessen komplexes Beziehungsgeflecht wollen die Wiener Forscher nun einen neuen wissenschaftlichen Zugang wählen. "Wir schauen uns unter anderem an, wie sich das Personal im Laufe der Jahre veränderte und was den Dienstalltag im Lager ausmachte", so Perz.

 
10.000 Beschäftigte und 85.000 Häftlinge
Die Personalveränderungen bei den Wachmannschaften sind in den Grundzügen bereits bekannt. Zu Beginn gehörten ihnen österreichische und deutsche SS-Leute an, von denen im Laufe des Kriegs aber viele an die Front versetzt wurden. Gleichzeitig wurde das Lager größer. Ab 1942 bewachten dann zunehmend deutschsprachige Minderheiten aus Südosteuropa das Lager und eine steigende Zahl von Außenlagern. Zwei Jahre später wurden Wehrmachtssoldaten rekrutiert.

  Im März 1945 waren rund 10.000 Personen in Mauthausen, Außenlagern und angelagerten Institutionen beschäftigt. Das waren mehr als doppelt so viele wie zu Höchstzeiten in Auschwitz. Ihnen standen zu dieser Zeit rund 85.000 Häftlinge gegenüber.


Eine Analyse der Herkunft
"Man sieht, dass es da enorme Veränderungen gibt. Wir beschäftigen uns im Detail damit, ob sich dadurch auch der Umgang mit den Häftlingen wandelt", so der Historiker. Im ideologisch geschulten Kommandaturstab gab es dagegen wenig Fluktuation, das habe offensichtlich sichergestellt, "dass das KZ-System funktionierte, unabhängig davon, wer es bewacht". Auch die Hierarchie zwischen der Leitung und den Wachmannschaften sei stark ausgeprägt gewesen.

  Kaum erforscht sei bisher auch, aus welchen Teilen der Gesellschaft die im KZ arbeitenden Personen kamen. Hier stehe die Frage im Zentrum, ob die Zusammensetzung des SS-Personals jene der damaligen Gesellschaft abbildete. Darüber hinaus wird sich das Team auch damit beschäftigen, wie das Personal in das regionale Umfeld eingebunden war und wie sich ihr weiterer Lebenslauf nach 1945 gestaltete. Im Rahmen der Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen sollen die Ergebnisse in eine nach 2013 geplante Ausstellung über die SS einfließen.



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Dokument erstellt am 2012-04-19 13:21:33
Letzte Änderung am 2012-04-19 13:22:10


16. November 1818
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