• vom 08.06.2012, 13:00 Uhr

Geschichte

Update: 08.06.2012, 14:31 Uhr

Zeitgeschichte

Die Gräber der Gruppe 40




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Von Arthur Fürnhammer

  • Der Historiker Willi Weinert hat die Schicksale der österreichischen Widerstandskämpfer dokumentiert, die in Wien während der NS-Zeit hingerichtet worden sind.

Einst waren die Gräber der Opfer anonym, heute liegen sie in einem Ehrenhain. - © Fürnhammer

Einst waren die Gräber der Opfer anonym, heute liegen sie in einem Ehrenhain. © Fürnhammer

"Mit einer 1 Meter langen Stahlkette am linken Fuß und an der rechten Hand mit einer langen Stahlkette gefesselt, schreibe ich diesen meinen letzten Brief, denn ich weiß, es geht mit mir zu Ende. Nur weil ich für den Sozialismus bin und für die Armen, für ein schöneres Leben, für Recht und Freiheit stets mein kleines Opfer gebracht habe, werde ich bald nicht mehr sein. Ich will und werde aufrecht sterben, so wie ich gelebt habe."

Robert Kurz, Mitglied der verbotenen KPÖ und von Beruf Schneider, schrieb diese Zeilen in seinem Abschiedsbrief, bevor er am 28. 1. 1943 am Wiener Landesgericht hingerichtet wurde.


Kurz war einer von rund 600 Widerstandskämpfern, die von der NS-Justiz wegen Hochverrat und wehrkraftzersetzender Tätigkeiten guillotiniert wurden. An ihren Mut, ihre Opferbereitschaft erinnert heute, 70 Jahre später, nur wenig. Manche erhielten von ihrer Partei eine Gedenktafel. Welche bleibende Spuren ihr Kampf für die Freiheit Österreichs aber im kollektiven Gedächtnis der Republik hinterlassen hat, bleibt fraglich. Nicht nur ihre Namen und Biographien sind der Allgemeinheit weitgehend unbekannt, sondern auch, wo sie begraben sind - nämlich in der Gruppe 40 des Zentralfriedhofs.

Information

Willi Weinert: "Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer". Ein Führer durch den Ehrenhain der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof. Stern-Verlag Wien 2012, 192 Seiten, 24,- Euro.

Eine aktuelle Ausstellung am Wiener Landesgericht widmet sich historischen Prozessen, unter anderem aus der NS-Zeit. Am 30. Juni findet eine Gedenkfeier statt: www.justiz.gv.at

Dem Historiker Willi Weinert gebührt das Verdienst, das Schicksal dieser NS-Opfer ans Tageslicht geholt und einen Führer durch den Ehrenhain der Gruppe 40 verfasst zu haben. Das Buch gibt Auskunft über Lage der Gräber und persönliche Daten der Widerstandskämpfer, beleuchtet in einem einleitenden Kapitel den tristen Gefängnisalltag und die von Hoffen und bangem Warten erfüllte Zeit zwischen Verhaftung und Hinrichtung. Ein weiteres Kapitel ist der Tatsache gewidmet, dass die Leichen der Hingerichteten geheim an das Anatomische Institut der Uni Wien geliefert wurden.

Der Zukunftsfonds
Weinerts Buch ist eine von zahlreichen Publikationen, die vom "Zukunftsfonds der Republik" gefördert werden. 2004 gegründet, hat der Zukunftsfonds das Ziel, Projekte zu unterstützen, die "den Interessen und dem Gedenken der Opfer des nationalsozialistischen Regimes, der Erinnerung an die Bedrohung durch totalitäre Systeme und Gewaltherrschaft, sowie der internationalen Zusammenarbeit dienen und zu einer Förderung der Achtung der Menschenrechte und der gegenseitigen Toleranz auf diesen Gebieten beitragen." In laufenden "Werkstattgesprächen", die der Zukunftsfonds gemeinsam mit der Diplomatischen Akademie in deren Räumlichkeiten durchführt, werden ausgewählte Projekte vorgestellt, so kürzlich auch das aktuelle Projekt Weinerts.

Dem Historiker war durch die Unterstützung die Drucklegung der dritten Auflage möglich, zudem ausführliche Recherchen im Berliner Bundesarchiv, womit er die schon bisher erfassten Biographien erweitern, um Fotos ergänzen und ihnen dadurch "ein Gesicht geben" konnte. In seinem Vortrag behandelte Weinert die Zeit zwischen Verhaftung und Hinrichtung und gab einen Einblick in die Unmenschlichkeit der NS-Justiz. Am Beginn standen die oft tagelangen Verhöre durch die Gestapo.

Vom Morzinplatz, dem Hauptquartier der Gestapo, wurden die Verdächtigen dem Haftrichter vorgeführt, der die Untersuchungshaft verhängte. Monate vergingen, bis die Anklageschrift übermittelt wurde; bis manche zum ersten Mal mit Familienangehörigen sprechen durften, vergingen Monate in quälender Einzelhaft. In der Untersuchungshaft bestand Lese- und Schreibverbot. Das umgingen viele aber, indem sie Geheimbriefe, Kassiber genannt, verfassten. Diese Kassiber - einige davon sind in Weinerts Publikation abgedruckt - sind berührende Dokumente, die Einblick in den tristen Gefängnisalltag geben, aber auch von der Hoffnung getragen sind, dass das Regime bald zu Ende und der Kampf nicht umsonst gewesen sei.

Bemerkenswert ist, wie diese Kassiber entstanden; dazu schreibt Weinert in seinem Buch: "Der Bleistift war eine dünne Mine, die man sich im Gefängnis beschaffte oder mit der Wäsche ins Gefängnis einschmuggeln ließ. Die Schreibunterlage bestand aus Papier, das man sich im Gefängnis durch Beziehungen organisiert, aus Zigarettenpapier, oder aus dünnem Stoff (z. B. einem Taschentuch), auf dem man (. . . ) schrieb und der dann im Kragen eines Hemdes eingenäht und mit der Schmutzwäsche, die von den nächsten Angehörigen abgeholt werden musste, aus dem Gefängnis gelangte."

Die Untersuchungshaft endete mit der Hauptverhandlung, bei der das Todesurteil verhängt wurde. Danach begann zwar ein Gnadenverfahren, zu einer Begnadigung kam es aber nur in den seltensten Fällen. Per Erlass wurde vom Reichsjustizminister die Vollstreckbarkeit des Todesurteils ausgesprochen. Daraufhin wurden die Häftlinge in die Abgangszellen - auch "Armesünderzellen" genannt - gebracht, wo es ihnen erlaubt war, Abschiedsbriefe zu schreiben. Täglich um 18 Uhr begannen die Hinrichtungen, die im Drei-Minuten-Takt ausgeführt wurden. An manchen Tagen wurden 30 Personen exekutiert.

"Bleibe fest und stark"
Berührender "Höhepunkt" von Weinerts Schilderungen war der Abschiedsbrief eines KP-Funktionärs, der dem Historiker während seiner aktuellen Recherchen in die Hände fiel und den er in Auszügen vorlas: "Liebe Hanni (Namen geändert)! Nur noch wenige Stunden und ich sterbe in dem Bewusstsein, seit meiner frühesten Jugend meine Pflicht erfüllt zu haben. In meinen letzten Stunden bin ich im Geiste noch bei dir und Heinz und nehme von euch im Geiste herzlichen Abschied. Bleibe fest und stark und nehme Heinz als mein heiliges Vermächtnis von mir und erziehe ihn so, dass auch er in Erfüllung der Pflicht für die Menschlichkeit seine höchste Lebensaufgabe sieht. Ich bemühe mich, bis zur letzten Sekunde stark und fest zu sein, und sage der Regierung meines Landes, dass ich mir keine Schande gemacht habe. (. . .) "

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Dokument erstellt am 2012-06-07 17:09:13
Letzte Änderung am 2012-06-08 14:31:36


16. November 1818
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