• vom 20.07.2012, 13:00 Uhr

Geschichte

Update: 20.07.2012, 14:14 Uhr

Zeitgeschichte

Irrfahrt einer toten Heldin




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Von Ulrich Zander

  • Vor 60 Jahren, am 26. Juli 1952, starb Evita Perón. Die argentinische Militärjunta fürchtete den Einfluss der "Nationalheiligen" so sehr, dass sie ihren einbalsamierten Leichnam verschwinden ließ. Die makabre Odyssee der Mumie endete erst nach mehr als 20 Jahren.

Der einbalsamierte Leichnam von Evita Perón, bevor er verschwand. - © Foto: wikipedia

Der einbalsamierte Leichnam von Evita Perón, bevor er verschwand. © Foto: wikipedia

Eva wurde als eines von fünf Kindern der Juana Ibarguren am 7. Mai 1919 in Los Toldos, Provinz Buenos Aires, geboren. Ihr Vater war der mit einer anderen Frau verheiratete Großgrundbesitzer Juan Duarte. Im Alter von 15 Jahren zog es das brünette Mädchen in die Hauptstadt. Es wollte Schauspielerin werden, hatte aber zunächst keinen Erfolg und hauste in billigen Absteigen, modelte, ließ sich aushalten. Schließlich machte Eva dank ihrer rauchigen Stimme in kitschigen Radio-Seifenopern Karriere.

María Eva Duarte de Perón im Jahr 1947.

María Eva Duarte de Perón im Jahr 1947.© Foto: wikipedia María Eva Duarte de Perón im Jahr 1947.© Foto: wikipedia

Am 22. Jänner 1944 trifft das zierliche Starlett bei einer Benefiz-Veranstaltung den stattlichen Oberstleutnant Juan Perón. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Er ist Minister für Arbeit und Wohlfahrt in der rechtsgerichteten Militärjunta und wird wenig später zum Kriegsminister und Vizepräsidenten aufsteigen. Der 48-jährige Witwer mit Neigung zum europäischen Faschismus löst umgehend die Beziehung zu seiner 16-jährigen Freundin, die er zärtlich "Piranha" nennt. Und schon ist Eva die Nummer eins an der Seite Peróns. Fortan sammelt sie im Auftrag des Sozialministeriums Geld und Kleidung für die "Descamisados", die "Hemdlosen", die bitterarmen Massen aus den Elendsvierteln. Ihr Einfluss steigt, sie wird vorwitzig und schanzt ihren Freunden hochdotierte Jobs zu. Das missfällt den Militärs. Juan Perón fällt in Ungnade, wird verhaftet und landet hinter Gittern.


"Tag der Hemdlosen"
Im Herbst 1945 kommt es nach Aufrufen der Gewerkschaftsbewegung zu Massenprotesten und zum Generalstreik, der, so heißt es, von der inzwischen erblondeten Eva organisiert ist. Dieser 19. Oktober ist als "Tag der Hemdlosen", später auch als "Santa Evita-Tag" in die Geschichte Argentiniens eingegangen. Der Druck der Straße (sowie die Angst der Militärs vor einem Bürgerkrieg) führten schließlich zur Freilassung Peróns. Das Paar hatte mittlerweile geheiratet und Eva war offiziell drei Jahre jünger geworden. Sie unterstützte ihren Gemahl im folgenden Wahlkampf massiv und gekonnt, hielt flammende Reden, betonte stets ihre Verbundenheit mit den Armen und herzte Babys. Mit Erfolg. Am 24. Februar 1946 wurde Juan Perón zum Staatspräsidenten gewählt.

Die "Presidenta" widmete sich fortan der Sozialarbeit, gründete ein soziales Hilfswerk, ein Kinderdorf, eine Studentenstadt und Frauenhäuser. 1947 setzte sie in der militärhörigen Macho-Gesellschaft das Frauenwahlrecht durch und zog sich zunehmend den Hass der Oberschicht zu. Eva, die immer wieder ihre einfache Herkunft betonte, residierte nun in einem riesigen Palast, voll gestellt mit edlem Inventar (und mehr und mehr auch mit gespendeten Möbeln und Kleidern für die Descamisados).

Wieder verschaffte sie ihren Günstlingen hohe Regierungsposten und gab Unsummen für Kleidung aus. Allein ihr Schmuck hatte 1950 einen Wert von rund 70 Millionen US-Dollar (selbst Stalin schickte der Sozialreformerin eine sündhaft teure Kette aus Platin, Edelsteinen und Perlen). Der "Blonde Engel" zeigte sich dem darbenden Volk ungeniert in Schmuck und Pelzen. "Die Armen lieben es, mich hübsch zu sehen", sagte sie. Und tatsächlich. Ihre Beliebtheit schien grenzenlos, ihr Name und Bild waren allgegenwärtig am Rio de la Plata. Sie übte einen beinah hypnotischen Einfluss auf die Arbeiterschaft aus.

Sie war Kult - obwohl sie nie vergaß, auf "das wahre Genie Argentiniens" hinzuweisen - auf Juan Perón. Von ihm gehe all ihre Inspiration aus. Die Regierung bewegte sich derweil in Richtung Diktatur. Politische Gegner wurden verfolgt, die Presse zensiert.

Im Jänner 1950 fiel die Prima Dama plötzlich in Ohnmacht. Ärzte diagnostizierten wenig später Gebärmutterhalskrebs. Nach langem Leiden starb Evita, die "kleine Eva", am 26. Juli 1952 - wie Christus im Alter von 33 Jahren.

Der Mythos der zur Heiligen Stilisierten war nun lebendiger denn je. Wohl auch weil ihre Leiche einbalsamiert und in einem Sarg mit gläsernem Deckel zur Schau gestellt wurde. Aus dem vorgeblichen Aschenputtel war Schneewittchen geworden. Doch mit Evitas Tod begann der Stern des Präsidenten zu sinken, zumal Argentinien durch eine galoppierende Inflation an den Rand des Ruins geraten war . . .

Jagd nach Leichnam
Im September 1955 putschte das Militär. Perón gelang es mit knapper Not, seinen Häschern nach Spanien zu entkommen. Evitas Leiche aber war noch immer öffentlich aufgebahrt. Die Generäle befürchteten, dass die Ausstrahlung selbst der toten Evita die Gefahr eines Wiederaufkeimens des Perónismus birgt. Alles, was an das populäre Ehepaar erinnerte, sollte aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen werden. Die Leiche musste also weg. Sie zu vernichten ging allerdings gegen das Ehrgefühl der Junta.

Vier Wochen nach dem Staatsstreich stürmte ein Kommando des Militärischen Abschirmdienstes unter dem Oberst Carlos Moori-Koenig das Leichenhaus und verschwand mit der Mumie in der Nacht. Evita solle "eine würdige Bestattung bekommen", hatte der Entführer noch gesagt.

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Dokument erstellt am 2012-07-19 15:50:10
Letzte Änderung am 2012-07-20 14:14:11