• vom 07.09.2012, 13:00 Uhr

Geschichte

Update: 07.09.2012, 14:29 Uhr

Wissenschaftsgeschichte

Mondforscher des Sonnenkönigs




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Von Christian Pinter

  • Vor dreihundert Jahren starb der Astronom Giovanni Cassini, der in Frankreich zum gefeierten Hofastronomen aufstieg und mehrere Saturnmonde entdeckte.

Zunächst ist es die Sterndeuterei, die den am 8. Juni 1625 im ligurischen Perinaldo geborenen Giovanni Cassini anregt, den Lauf von Sonne, Mond und Planeten zu erforschen. In Genua schenken ihm die Jesuiten das mathematische Rüstzeug. Der Senator Cornelio Malvasia erhofft sich "bessere" Horoskope und überlässt Giovanni seine neue Sternwarte. Dann schlagen jesuitische Astronomen - Francesco Grimaldi und Giovanni Riccioli - den 25-Jährigen sogar als neuen Astronomieprofessor vor.

Der Planet Saturn mit seinen Satelliten in einer Voyager-Aufnahme, 1980.

Der Planet Saturn mit seinen Satelliten in einer Voyager-Aufnahme, 1980.© Wikimedia/NASA Der Planet Saturn mit seinen Satelliten in einer Voyager-Aufnahme, 1980.© Wikimedia/NASA

Cassini lehrt nun an der Universität Bologna. Mittags mustert er das Sonnenbildchen, das auf den Boden der riesigen Basilika San Petronio fällt. Ein Loch in 27 Metern Höhe wirft es herab. So verfolgt Giovanni den Sonnenlauf und bestimmt die Ekliptikschiefe mit überragender Genauigkeit; das ist der Winkel zwischen der scheinbaren Sonnenbahn und dem Himmelsäquator. Kopernikus hat ihn 1543 mit der Neigung der Erdachse zur Erdbahnebene erklärt. Doch in Italien zieht die Erde noch keine Bahn und sie rotiert auch nicht um eine Achse. Die Lehre des Kopernikus ist 1616 ja vom Vatikan verboten worden.


Kosmische Zeitsignale
In Frankreich hat Ludwig XIV., Sohn der Anna von Österreich, den Thron bestiegen. Der "Sonnenkönig" wird 72 Jahre lang mit absoluter Herrschaft regieren, mit riesigem Hofstaat und barockem Pomp. In Bologna blickt Cassini derweil mit dem 1,5 Meter langen Teleskop des Optikers Giuseppe Campani auf Mars und Jupiter. Auf beiden Himmelskörpern macht er winzige Flecke aus, die langsam vorbei rotieren. Diese Planeten drehen sich also um ihre Achsen, genauso, wie es Kopernikus von der Erde gefordert hat! Giovanni bestimmt ihre Umdrehungszeiten auf wenige Minuten genau.

Er sieht, wie die vier von Galilei im Jahr 1610 entdeckten Monde winzige Schatten auf den Jupiter werfen. Dann wiederum verschwinden sie in dessen dickem Schatten. Beim innersten Jupitermond, Io, wiederholt sich dieses Spiel alle 42 Stunden. Der Zeitpunkt der Verfinsterung lässt sich grundsätzlich vorherberechnen und dann mit einem Fehler von ein oder zwei Minuten stoppen. Schon Galilei hatte daher vorgeschlagen, die fernen "Mondfinsternisse" als kosmische Zeitsignale zu nutzen: Solche wären dringend nötig, um Schiffen die Standortbestimmung auf hoher See zu ermöglichen oder neu entdeckte Gebiete zu beanspruchen.

Zur Festlegung der geografischen Länge braucht es, neben Sternhöhenmessungen, auch exakte Uhren. Doch die gibt es nicht. Vor allem deshalb studiert Cassini die Bahnen der vier Jupitermonde akribisch. 1668 legt er erstmals Tafeln vor, in denen die Zeitpunkte künftiger Verfinsterungen angeführt sind. Das Werk macht ihn über Italiens Grenzen hinweg bekannt.

Marquis Jean-Baptiste Colbert hat die Finanzen Frankreichs trotz der teuren Allüren seines Königs im Griff. Er wirbt um Fachleute aus dem Ausland, die beim Aufbau von Manufakturen helfen. Das verringert die Abhängigkeit von Einfuhren. Gleichzeitig forciert Colbert die Exportwirtschaft. Für den Fernhandel gründet er die Ost- und die Westin-dienkompanie. In Paris entstehen Gelehrtengesellschaften, darunter die Akademie der Wissenschaften. Ihre naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sollen den Ruhm des Königs mehren, Frankreich aber auch einen handfesten wirtschaftlichen Vorteil verschaffen. Aus den Niederlanden holt Colbert den Astronomen Christiaan Huygens an die Seine, aus Dänemark Olaus Römer.

Im Dienst Ludwigs XIV.
Ihre französischen Kollegen Adrien Auzout und Jean Picard haben den König schon darauf hingewiesen: Der rasch wachsenden Flotte fehlen immer noch sichere Verfahren zur Navigation. Um sie zu entwickeln, legt man 1667 den Grundstein für die neue Pariser Akademiesternwarte. Als Architekt fungiert Claude Perrault, der gleichzeitig auch die Ostfassade des Königspalasts Louvre entwirft. Als führenden Beo-bachter lädt Colbert den Jupitermond-Experten Cassini ein: Auch er logiert zunächst im Louvre.

Im April 1669, nur zwei Tage nach seiner Ankunft, verbeugt sich Giovanni schon vor dem Herrscher. Sofort kritisiert er die Architektur der schlossartigen Sternwarte mit ihren achteckigen Türmen: Sie bietet nur wenig Platz und Windschutz für die as-tronomischen Instrumente. Zum Wohnen wiederum sind die Räume zu hoch und daher schlecht zu heizen. Der in höfischen Belangen erfahrene Architekt Perrault setzt sich durch; er muss nur wenig ändern. 1672 geht das Observatorium in Betrieb. Bologna mahnt Cassini zur Rückkehr, doch der bittet lieber Ludwig XIV. um die französische Staatsbürgerschaft.

Der frischgebackene Franzose nennt sich nun "Jean" und heiratet die reiche, 18 Jahre jüngere Geneviève de Laistre. Das Paar wohnt in der Pariser Sternwarte. Jean wendet sich dem Mond zu und studiert das Auftauchen der lunaren Bergspitzen aus der Mondnacht. Wie er beteuert, könne dieses ferne, im Voraus kalkulierbare Alpenglühen ebenfalls als himmlischer Zeitgeber dienen. Diese Methode wird zwar scheitern, doch resultiert aus der jahrelangen Arbeit eine einzigartig detaillierte, 53 Zentimeter große Karte des Erdtrabanten.

Giovanni Cassini.

Giovanni Cassini.© Wikimedia Giovanni Cassini.© Wikimedia

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Dokument erstellt am 2012-09-06 19:00:15
Letzte Änderung am 2012-09-07 14:29:26



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