• vom 02.11.2012, 13:30 Uhr

Geschichte

Update: 02.11.2012, 15:52 Uhr

Nationalsozialismus

"Heil Hitler! Wilhelm Frass"




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Immer wieder findet er Unterstützer, die für ihn bei Behörden intervenieren. So verwendet sich bereits am 6. Juli 1945 Künstlerhaus-Leiter Karl Maria May für ihn. Frass habe "trotz seiner Parteizugehörigkeit nie sein auch in künstlerischer Beziehung gezeigtes Österreichertum verleugnet", daher bitte der Verein darum, "Herrn Professor Frass, der zu den hervorragendsten Bildhauern unserer Stadt zählt, dem Wiederaufbau des kulturellen Lebens zu erhalten und ihn von der Registrierungspflicht zu entheben". Dennoch musste Frass als Minderbelasteter ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen, im Herbst 1945 wurde er aus dem Verein Künstlerhaus ausgeschlossen, nach langem Hin und Her musste er 1947 auch seine Wohnung in der Währingerstraße verlassen.

Seit dem Jahr 1919 war Frass zudem im Besitz eines Praterateliers. Im Februar 1939, also in der Hochblüte der NS-Herrschaft in Österreich, wurden drei anderen Bildhauern die Mietverträge gekündigt, von einem übernahm Frass selbst einige Räumlichkeiten, die er nach 1945 wieder abtreten musste. Im Raum stand lange Zeit, dass Frass gegen die jüdischen Kollegen intrigiert habe, was dieser stets bestritt. Einer der Geschädigten, der Bildhauer Anton Endstorfer, belastet Frass in einem Schreiben, auf das Paul Rachler, ehemaliger Archivar der Secession und nun im Künstlerhaus, hinweist, schwer: Nicht nur habe dieser ihm gegenüber erwähnt, dass er eine "Huldigungsadresse an Hitler" hinterlegt habe, auch habe er gegen mehrere "jüdisch versippte Kollegen gehetzt". In einer Aktennotiz von 1947, unterschrieben vom Bildhauer Gustav Gurschner heißt es, Frass sei "einstimmig als untragbar erklärt" worden. Gurschners Empörung über das Schreiben im "Toten Soldaten" ist in der Aktennotiz spürbar: "Wohl das Verwerflichste, was sich ein Österreicher vor dem Einzug der Nazi leisten konnte! Ebenso wegen gehässigem und brutalem Verhalten gegen Kollegen." Brutal dürfte Frass nicht nur gegenüber Kollegen gewesen sein: Im November 1945 beschreibt der "Mischling" Hans Porges, wie er gemeinsam mit zwei anderen "unentgeltlich" einen Bombentrichter vor Frass’ Prateratelier zuschütten musste - der Bildhauer hatte Zwangsarbeiter angefordert.

Schirachs Berater
Und dann ermittelte die Polizei gegen Frass. Im Ermittlungsbericht aus 1947 heißt es: "Der genannte war begeisterter NS, der noch, als schon die Rote Armee in Wien war, auf den ‚Heil Hitler‘ Gruss (sic!) und Handheben Wert legte . . . Laut vertraulicher Mitteilung war Frass Kulturberater beim Reichsleiter Baldur v. Schirach und sass (sic!) mit diesem in einem Zimmer."

Doch die Ermittlungen verlaufen im Sand. Immer wieder verbürgen sich Kollegen für Frass - er habe sich nie persönlich bereichert, auch nicht aus der Neuvergabe der Praterateliers ungerechtfertigten Profit gezogen, heißt es da. Ob er sein Atelier behalten konnte, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Ein Verfahren auf Berufssperre gegen Frass wurde 1948 eingestellt - von der generellen Amnestie für Minderbelastete profitierte auch er. Noch im Sommer 1948 wurde er "mit ergebener Hochachtung" wieder in der Secession aufgenommen, im Februar 1950 kehrte er zum Künstlerhaus zurück.

Dies nützte ihm vor allem in finanzieller Hinsicht - denn wie viele andere Künstler litt auch Frass nach dem Krieg unter ständiger Geldnot. Immer wieder finden sich in den Dokumenten Bettelbriefe, die sich nicht nur auf die Praterateliers oder seine Wohnung bezogen, sondern auch auf Geldleistungen. Zwar wurden ihm immer wieder öffentliche Aufträge erteilt - etwa fertigte er 1956 eine Reiher-Gruppe im Wiener Votivpark -, allerdings erhielt Frass in den Nachkriegsjahren auch zahlreiche Zuschüsse, zum Teil auch Kredite, die zur Überbrückung der Zeit bis zur Zuerkennung einer weiteren staatlichen Förderung dienen sollten.

Hohe Auszeichnungen
Das lag wohl auch daran, dass Frass’ Gesundheit damals schon angeschlagen war: Durch ein Leberleiden und zwei Herzinfarkte war er in der Ausübung seines Berufs schwer gehemmt. 1961 wurde Frass mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst vom Unterrichtsministerium ausgezeichnet, zwei Jahre später, 1963, bekam er den Ehrenring seiner Heimatstadt St. Pölten. Die Stadt, in der bis heute noch zahlreiche seiner Plastiken und Reliefs an Hauswänden zu finden sind, hatte Frass auch eine Leibrente zuerkannt - gegen Überlassung seines künstlerischen Nachlasses im Wert von geschätzten 850.000 Schilling.

Wilhelm Frass starb 82-jährig in Wien. In einer eigenen Parte würdigte das Künstlerhaus sein "prominentes Mitglied", das sich "bei allen Kollegen besonderer Wertschätzung" erfreut habe. Am 7. November 1968 wurde Frass in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sein Aufruf zur Wiedervereinigung "unseres herrlichen Volkes im Zeichen des Sonnenrads" ruhte noch fast 44 weitere Jahre unentdeckt in einem anderen Grab. Aber immerhin: Am heurigen Nationalfeiertag hat sich der Bundespräsident erstmals nicht vor dem Toten Soldaten am Heldenplatz verneigt.

Vielen Dank für die Hilfe bei der Recherche an Nadine Wille und Paul Rachler vom Verein Künstlerhaus, Astrid Steinbacher von der Secession und Karl Novak von der Berufsvereinigung der bildenden Künstler.

Katharina Schmidt, geboren 1983, ist Historikerin mit Schwerpunkt Zeitgeschichte und seit 2006 innenpolitische Redakteurin der "Wiener Zeitung"

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Dokument erstellt am 2012-11-01 16:29:17
Letzte Änderung am 2012-11-02 15:52:10



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