• vom 04.01.2013, 12:04 Uhr

Geschichte

Update: 04.01.2013, 12:13 Uhr

"Schneeballeffekt" auf internationale Forschung

Wiener Forscher datierten zweites Jahrtausend vor Christus neu




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  • Spezialforschungsbereich der Uni Wien und des ÖAW widmete sich zwölf Jahre lang der Chronologie der östlichen Mittelmeerraums

 Wien. Den genauen Zeitpunkt einschneidender historischer Ereignisse wie etwa des verheerenden Vulkanausbruchs auf der griechischen Insel Santorin kann die Wissenschaft bis heute nicht genau festmachen. Der Chronologie des zweiten vorchristlichen Jahrtausends im östlichen Mittelmeerraum widmete sich daher in den vergangenen zwölf Jahren der Wiener Spezialforschungsbereich "SCIEM 2000". In enger Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftern konnten die Archäologen die bisher genaueste Einschätzung der zeitlichen Abfolgen im Alten Ägypten und benachbarter Räume wie Israel, Syrien, Zypern oder der Ägäis erstellen.

  Die Erkenntnisse hätten international einen "Schneeballeffekt" für weitere Forschungsvorhaben ausgelöst, erklärte Forschungsleiter Manfred Bietak vom Institut für Mediterrane Archäologie und Prähistorischer Archäologie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und vom Institut für Ägyptologie der Uni Wien.


Ein riesengroßes Mosaik 
"Die Chronologie ist aus unzähligen Mosaiksteinen aufgebaut. Früher war die Wissenschaft zu regional orientiert und man hat sich zu wenig darum gekümmert, die vielen lokalen Chronologien des ostmediterranen Raumes mit Präzision unter einen Hut zu bringen", so der Forscher zur APA. Um die zeitlichen Abläufe vor Tausenden von Jahren zu ordnen, geht man von der neu überprüften historischen Chronologie Altägyptens aus. Dabei greift die Wissenschaft auf verschiedenste Quellen zurück. Im Falle der altägyptischen Chronologie geben etwa Königslisten oder Aufzeichnungen von Regierungsdaten Hinweise, aufgrund derer man "ein Gerüst erstellen" kann. Für eine genaue zeitliche Zuordnung brauche man aber zusätzliche Informationsquellen.

  Oft dienten alte Beschreibungen astronomischer Begebenheiten als Referenzpunkte. Doch auch diese zeitlichen Verortungen seien unsicher, da die Beobachtungen möglicherweise ungenau waren. "Wir haben daher meist von fixen historischen Daten des ersten Jahrtausends v. Chr. zurückgerechnet", erklärte Bietak.

Die wichtigen Eckpfeiler  
Dabei spielen Synchronismen zwischen der ägyptischen mit der assyrischen oder babylonischen Chronologie eine wichtige Rolle. "Spricht ein Text dafür, dass das erste Jahr der Regentschaft des ägyptischen Königs Haremhab mit dem 8. Jahr des hethitischen Königs Mursilis II. zusammenfällt und kann man diesen Synchronismus mit einer in hethitischen Texten überlieferten Sonnenfinsternis anhängen, so ist es möglich, ein Gebäude der ägyptischen Chronologie des Neuen Reiches zu errichten, das auf ungefähr 15 Jahre plus-minus korrekt ist", so Bietak.

  Die neue ägyptische Chronologie diente als Grundlage einer überregionalen Zeitabfolge des ostmediterranen Raumes. Die Forscher erstellten mit Hilfe von Funden von Importen nach Ägypten bzw. ägyptischen Exporten in den ostmediterranen Bereich genaue synchrone Zeitverhältnisse für die gesamte Region. Dabei könne man Einblicke in die frühen Wirtschaftsbeziehungen gewinnen und zeitliche Brücken in die Levante oder nach Griechenland schlagen. Um den wahren Daten nahe zu kommen, führten die Forscher die verschiedenen Hinweise aus allen Quellen statistisch zusammen.

  Gemeinsam mit Naturwissenschaftern der Uni Wien und dem Oxforder Research Laboratory analysierte man beispielsweise Keramikfunde aus dieser Epoche. Die Ergebnisse der dabei verwendeten Radiocarbonmethode passen jedoch nicht zu den historischen Daten. Bietak: "Unsere Ansicht nach sind die Datierungen durchgehend um etwa 120 Jahre zu hoch."

  So zeigte sich etwa, dass der Ausbruch des Vulkans von Santorin laut den historisch-archäologischen Daten der Wiener Forscher nicht zwischen 1.600 und 1.650 v. Chr., sondern ca. 1.530 v Chr. stattgefunden haben muss. Das gleiche gilt für die Daten aus dem ägyptischen Ostdelta. Hier liegt scheinbar ein systemisches Problem vor, dessen Lösung in den nächsten Jahren gefunden werden müsse. Trotzdem habe gerade die Kombination verschiedenster historischer Informationen mit naturwissenschaftlichen Methoden die neuen Erkenntnisse ermöglicht.

  Mittlerweile sind rund um "SCIEM 2000" über 40 wissenschaftliche Bände im Verlag der ÖAW erschienen. Auch wenn der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Forschungsbereich jetzt abgeschlossen ist, werde die Arbeit noch lange weitergehen.



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Dokument erstellt am 2013-01-04 12:06:48
Letzte Änderung am 2013-01-04 12:13:13



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