• vom 01.02.2013, 12:30 Uhr

Geschichte

Update: 01.02.2013, 14:45 Uhr

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"Als Athleten im Schützengraben"




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Von Thomas Karny

  • Die Ski-WM 1941 in Cortina d’Ampezzo war als machtvolles Symbol deutsch-italienischer Sportpolitik gedacht. Doch fünf Jahre später strich sie die FIS aus ihren Geschichtsbüchern.

Offiziell weist die "Fédéra-tion Internationale du Ski" (FIS) zwischen den Ski-Weltmeisterschaften in Zakopane 1939 und den ersten nach dem Krieg in St. Moritz 1948 keine weiteren aus. Nichtsdestotrotz hat es sie gegeben, die Ski-WM 1941, die vom 2. bis 9. Februar im italienischen Cortina d’Ampezzo stattfand. Als Kriegs-WM in die Geschichte eingegangen, wurde sie auf dem FIS-Kongress von 1946 annulliert. Die erfolgreichen Sportler verloren ihre Titel und Medaillen, die Namen der Teilnehmer findet man auf keiner offiziellen Ergebnisliste.

Reichssportführer von Tschammer und Osten (l.) begrüßt den aus St. Anton am Arlberg gebürtigen Josef Jennewein, den erfolgreichsten männlichen Teilnehmer an der Ski-WM 1941.

Reichssportführer von Tschammer und Osten (l.) begrüßt den aus St. Anton am Arlberg gebürtigen Josef Jennewein, den erfolgreichsten männlichen Teilnehmer an der Ski-WM 1941.© Foto: L. Rübelt/ÖNB Bildarchiv Reichssportführer von Tschammer und Osten (l.) begrüßt den aus St. Anton am Arlberg gebürtigen Josef Jennewein, den erfolgreichsten männlichen Teilnehmer an der Ski-WM 1941.© Foto: L. Rübelt/ÖNB Bildarchiv

Die zeitlichen Umstände jener Weltmeisterschaften waren gezeichnet von den gewaltigen Hegemoniebestrebungen des Deutschen Reichs, das sich am Beginn eines riesigen Beutezuges wähnte, an dessen Ende die Vorsehung den ganzen Kontinent unter der Kuratel germanischer Führerschaft ausgemacht haben wollte.


Und tatsächlich hatte die Strategie des Blitzkrieges zu Beginn des zweiten Kriegsjahres fast ganz Europa den braunen Horden unterworfen. Der Glanz der guten Stimmung, die im deutschen Volk und seiner Führungselite herrschte, übertrug sich auch auf den Sport. Gemeinsam mit dem Verbündeten Italien zeigte man der ganzen Welt, dass die internationalen Großveranstaltungen jenes Winters gänzlich unter der Ägide der beiden "Achsen-Mächte" standen. Denn auf die Weltmeisterschaften in Cortina wird mehr oder weniger nahtlos die 5. Internationale Wintersportwoche in Garmisch-Partenkirchen folgen.

Information

Die Zitate stammen aus dem Buch:
Harald Oelrich: "Sportgeltung - Weltgeltung". Sport im Spannungsfeld der
deutsch-italienischen Außenpolitik. LIT-Verlag, Münster 2003, 651
Seiten.

Dass an dieser WM neben Italien und Deutschland nur eine Handvoll anderer Nationen teilnahm, störte den Gastgeber nicht, und Deutschland schon gar nicht. Seine Wirkung als machtvolles Symbol der Stärke verfehlte der Sport dennoch nicht, und die deutsche Sportpolitik unter der Führung ihres Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten machte ihren Einfluss auch auf die FIS geltend. Dies gelang umso leichter, da der im April 1940 nach England geflohene amtierende FIS-Präsident, der Norweger Nicolai Ramm Østgaard, ein Machtvakuum hinterließ, das sein Vizepräsident, Graf Carl-Gustav Hamilton, nur unter dem realpolitischen Druck jener Zeit füllen konnte. Ergo gab es von Tschammer und Osten Lob für den Schweden, der bemüht sei, die Tätigkeit des Verbandes "in der günstigen Atmosphäre der Achse" fortzuführen.

In Cortina d’Ampezzo indes hatte der Kampf um Titel und Medaillen begonnen. Von den Me-dien war er zur Heerschau juveniler Athletik im Dienste des Vaterlandes hochgejubelt worden, für die der "Duce" Benitto Mussolini den Leitspruch ausgegeben hatte: "Vergesst nicht, ihr Athleten, dass ihr vor allem Soldaten seid, kampfbereite Soldaten, heute wie nie, im Schützengraben des Sports!"

Die Kampfbereitschaft konnte man den italienischen und deutschen Teilnehmern nicht absprechen, aber in den traditionellen nordischen Konkurrenzen war an der Vorherrschaft der Finnen und Schweden nicht zu rütteln. Sie gewannen vier der fünf zu vergebenden WM-Titel und insgesamt 12 Medaillen. Den einzigen Titel für die "Achsen-Mächte" holte der Deutsche Gustav Berauer in der Nordischen Kombination. Prestigeträchtig, wenn auch nicht zum offiziellen WM-Programm gehörig, war der Militärpatrouillenlauf, da er doch am augenscheinlichsten den Wettbewerb "im Schützengraben des Sports" repräsentierte.

Die Patrouille bestand aus einem Offizier, einem Unteroffizier sowie zwei Mannschaftssoldaten, die einen Skilanglauf mit Schießbewerben zu absolvieren hatten. Hinter den Schweden belegten Deutschland und Italien die Ränge zwei und drei. Heute noch ist der Biathlon, der sich aus dem Militärpatrouillenlauf entwickelt hat, hauptsächlich eine Angelegenheit zwischen deutschen und skandinavischen Athleten.

Zwei-Nationen-Show
Die alpinen Bewerbe allerdings, die erst 1931 in den WM-Status erhoben wurden, gerieten zu einer Zwei-Nationen-Show: Deutschland und Italien teilten sich sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen sämtliche Medaillen in den zur Austragung gekommenen Konkurrenzen Abfahrt, Slalom und Kombination untereinander auf. Am Ende stellten die beiden Länder in sechs Bewerben sieben Weltmeister: Deutschland fünf, Italien zwei, im Slalom der Herren war es zu einer Ex-aequo-Wertung gekommen.

Erfolgreichster männlicher Teilnehmer war der 1919 in St. Anton am Arlberg geborene Josef Jennewein. Trainiert von Rudolph Matt, dem Slalom-Weltmeister von Innsbruck 1936, gewann er bei der WM in Zakopane 1939 die Kombination und jeweils Silber in Abfahrt und Slalom. In Cortina verteidigte er seinen Kombinationstitel und holte zudem Gold in der Abfahrt. Außerdem belegte er im Springen, das damals nur von der Großschanze ausgetragen wurde, den beachtlichen 14. Rang. Seine letzten Erfolge feierte Jennewein im selben Jahr beim in seinem Heimatort ausgetragenen Tschammer-Pokal, als er ebenfalls die Abfahrt und die Kombination für sich entscheiden konnte. Wenig später musste er als Jagdflieger in den Krieg.

Den Slalom gewann sein gleichaltriger Landsmann Albert Pfeifer. Er stammte wie Jennewein aus St. Anton am Arlberg, war wie er auf Grund der Zeitläufte dem deutschen Ski-Kader zugehörig und hatte bei der Wintersportwoche in Garmisch-Partenkirchen 1939 drei Mal den dritten Platz belegt. Den WM-Titel von Cortina musste er sich nach einer kuriosen Entscheidung der Wettkampfleitung mit dem Italiener Vittorio Chierroni teilen. Die Jury folgte der Argumentation der italienischen Mannschaftsleitung, wonach der um sechs Hundertstel langsamere Chierroni unter schlechteren Pistenbedingungen fahren musste und entsprach dem Protest mit der salomonischen Lösung einer Ex-aequo-Platzierung. Nach dem "Anschluss" Österreichs war Pfeifer Mitglied der NS-Ordensburg Sonthofen geworden, einer Eliteeinrichtung für zukünftige NSDAP-Kader. Noch 1941 wurde er zur Luftwaffe abkommandiert.

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Dokument erstellt am 2013-02-01 10:32:08
Letzte Änderung am 2013-02-01 14:45:48


14. Dezember 1818
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