• vom 19.02.2013, 12:15 Uhr

Geschichte

Update: 28.05.2013, 20:06 Uhr

Österreich

Der Spion, der aus dem Kaffeehaus kam




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Ein Franzose war es auch, der die Blaupause für die Organisation künftiger Geheimdienste lieferte. Joseph Fouchés Geheimpolizei war im Zuge der Französischen Revolution entstanden und nach einem klaren strategischen Konzept als eigenständiger Apparat aufgebaut, seine Informanten bekamen sogar ein regelmäßiges Gehalt. Fouché gelang es ferner, sich wie ein Aal durch die Jahre zu mäandern: zuerst als  Revolutionär und Freund Robespierres, dann als Unterstützer und Widersacher Napoleons und zum Schluss als Polizeiminister unter Ludwig XVIII. Allerdings galt er zum Schluss aufgrund seiner Wendungen als politisch unglaubwürdig und landete als Günstling von Kanzler Metternich schließlich in Triest, wo er 1820 im Alter von 61 Jahren starb.

Totengräber der Monarchie?

Spione in den eigenen Reihen, noch dazu so ranghohe wie Redl, das war eine schwere Niederlage für das pedantische Geheimdienstwesen Österreich-Ungarns. Doch war Redl wirklich der Totengräber der Monarchie, wie es das kollektive Gedächtnis bis heute tradiert? Fest steht: Redls Spionage verursachte weniger Verrat als bisher angenommen. Seine weitergeleiteten Informationen umfassten unter anderem Mobilisierungsanweisungen für Italien und Russland aus den Jahren 1912/13 sowie die Schlachtordnung für den Balkan 1913/14 im Falle eines Krieges. Russland hatte dadurch sicherlich einen ungeheuren Wissensvorsprung, vor allem was die Konzentration der österreich-ungarischen Armee und der k.u.k. Korps in einem möglichen Krieg anging. Viele Informationen gingen auch an Frankreich und Italien.

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-© J. Kerviel -© J. Kerviel

Aber dass der Russland-Feldzug wegen Redls sogenannter Meisterspionage gescheitert wäre, ist schlichtweg falsch. Denn spätestens Ende 1913, Anfang 1914 hatten sich die Parameter der Kriegskalkulationen des Generalstabes wieder geändert, vor allem vor dem Hintergrund neuer militärischer Überlegungen. Dass es für die Donaumonarchie während des Kriegs ganz und gar nicht nach Wunsch verlief, lag vor allem aber an der verspäteten Operationsbereitschaft sowie an der langsamen Mobilisierung von Teilen der in Serbien stationierten Truppen Richtung Russland.

Am frühen Nachmittag des 28. Mai fand bei hochsommerlichen Temperaturen und unter Anwesenheit von Familienangehörigen Redls Begräbnis statt. Als wenige Tage später die Öffentlichkeit davon erfuhr, machte sich eine wütende Menge zum Zentralfriedhof auf und verwüstete sein Grab. "Der gehört auf einen Misthaufen und nicht in ein ehrliches Grab", riefen die aufgebrachten Friedhofsbesucher.

Der Mythos Redl allerdings lebt weiter, Oberst Redls Verrat wurde viel Aufmerksamkeit und Hysterie geschenkt, wohl auch wegen der Geheimnistuerei der österreichischen Behörden: Er war natürlich nicht der einzige Spion und die "Spionitis" grassierte nicht nur zur Beginn des 20. Jahrhunderts in der Donaumonarchie.

Und aufgebauscht wurden auch andere Agentengeschichten, wie die Legenden  rund um den mutigen Türkisch-Dolmetscher Georg Franz Kolschitzky zeigen. Seinen Sprachkenntnissen hatte dieser es wohl zu verdanken, dass er ab Juli 1683 während der Belagerung durch die osmanische Armee den Kontakt zwischen Wien und der Außenwelt aufrecht hielt und nicht nur so ganz nebenbei durch sein Hin und Her nachrichtendienstliche Tätigkeit ausübte. Kolschitzky wusste seine Person auch geschickt zu vermarkten, nannte sich gar der zweite Kolumbus, indem er seine Taten für Wien mit der Entdeckung Amerikas verglich.

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Dokument erstellt am 2013-02-19 12:18:03
Letzte Änderung am 2013-05-28 20:06:20


17. November 1818
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