• vom 01.03.2013, 14:00 Uhr

Geschichte


Extra

Als die Männer fliegen lernten




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Von Anton Holzer

  • Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Traum Wirklichkeit
  • 1909 ging in Wien vor 200.000 Schaulustigen die erste Maschine in die Luft.

- © Archiv Holzer

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Spektakel vor 200.000 Schaulustigen: Blériots Maschine über der Simmeringer Haide. Archiv Holzer

Spektakel vor 200.000 Schaulustigen: Blériots Maschine über der Simmeringer Haide. Archiv Holzer© Archiv Holzer Spektakel vor 200.000 Schaulustigen: Blériots Maschine über der Simmeringer Haide. Archiv Holzer© Archiv Holzer

Für gewöhnlich ist die Forschungsarbeit in Zeitungsarchiven, die mich seit einigen Jahren umtreibt, eine ruhige, der Welt ein wenig entrückte Tätigkeit. Ich lege mir, um in der Fülle des Materials nicht zu ersticken und den Überblick zu wahren, einen Blick der schwebenden Aufmerksamkeit zu, überblättere vieles, um hin und wieder an einzelnen Bildern und Texten hängen zu bleiben. Dann vertiefe ich mich für eine Weile intensiver in eine Geschichte, mache mir Notizen und blättere weiter.

Kühne Aufstiege

Information

Anton Holzer, geb. 1964 in Südtirol, Fotohistoriker und Ausstellungskurator, Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte", lebt in Wien. Zuletzt erschienen die
Bücher "Ganz Wien in 7 Tagen. Ein Zeitreiseführer in die k.u.k. Monarchie" und "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg" (beide im Primus Verlag, Darmstadt).


Vor einiger Zeit steuerte ich bei meinen Zeitungsrecherchen ohne größere Erschütterungen über das magische Jahr 1900 hinweg und glitt hinein in die Epoche des 20. Jahrhunderts, ohne dass mir sonderlich Aufregendes ins Auge sprang. Dann, beim Jahr 1909, schlug mich ein Thema in seinen Bann, das mir bisher in den österreichischen Blättern noch nicht begegnet war. In diesem Jahr, also 1909, gingen die ersten motorgetriebenen Flugzeuge von Wien aus in die Luft. Und in den illus-trierten Wochenzeitungen erschienen zahlreiche Bildstrecken und Berichte zum Thema.

12. April 1914, Wien-Aspern: Vorbereitungen für den Flug von Alfred Lemoine und Jean Bourhis, welcher mit einem bösen Unfall endete . . .

12. April 1914, Wien-Aspern: Vorbereitungen für den Flug von Alfred Lemoine und Jean Bourhis, welcher mit einem bösen Unfall endete . . .© Archiv Holzer 12. April 1914, Wien-Aspern: Vorbereitungen für den Flug von Alfred Lemoine und Jean Bourhis, welcher mit einem bösen Unfall endete . . .© Archiv Holzer

Mich packte die Neugierde, ja geradezu eine Erregung. Ich stöberte weiter, las alle Berichte, die ich nur finden konnte. Gebannt folgte ich den ersten Schritten der heimischen Flugpioniere und fieberte mit bei ihren kühnen Aufstiegen und halsbrecherischen Manövern in der Luft. Im Handumdrehen hatte ich die Haltung des distanzierten Forschers abgelegt und war zum glühenden Augenzeugen geworden. Genauso wie die Zeitgenossen war ich elektrisiert von den Ereignissen rund um die ersten Flieger, von ihren atemberaubenden Kunststücken. Einige Wochen dauerte diese Faszination an, lesend war ich schon deutlich in die 1910er Jahre vorgedrungen, als sich das Fieber allmählich legte. Die Journalisten wandten sich anderen Schaustücken zu. Und auch ich kehrte wieder zu meiner ruhigen, gemächlichen Routine des Sichtens zurück.

Pilot Karl Illner vor dem Start des Flugs Wien-Horn, Oktober 1910.

Pilot Karl Illner vor dem Start des Flugs Wien-Horn, Oktober 1910.© Archiv Holzer Pilot Karl Illner vor dem Start des Flugs Wien-Horn, Oktober 1910.© Archiv Holzer

Vielleicht hat mich diese Leidenschaft für die frühe Aviatik mit solcher Wucht gepackt, weil ich in jugendlichem Alter selbst Flugzeugbauer war: Aus federleichtem Balsaholz fertigte ich fliegende Apparate, versah sie im Winter mit Kufen, um sie am Schneehang unweit unseres Hauses auf Fahrt zu schicken. Meine gleitenden Wunderwerke zeigten zwar einigen guten Willen, indem sie sich leicht vom Boden abhoben, nach wenigen Metern aber gerieten sie ins Trudeln, neigten sich zur Seite und sanken in den Schnee. Warum die kleinen Flieger nicht länger in der Luft blieben, verstehe ich bis heute nicht. Unermüdlich reparierte ich die Fluggeräte und probierte es wieder und immer wieder, freilich ohne jemals zu besseren Ergebnissen zu gelangen. Möglicherweise war ich auf die Flugzeugbauerei durch den Film "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" gekommen, den ich mir, zusammen mit den Nachbarbuben, im Fernsehen ansah.

Kehren wir zurück in die Jahre nach 1900. Der erste Flug der Brüder Wright im Prototyp eines Aeroplans im Jahr 1903 ist noch wenig viel versprechend. Unsicher hoppelt das Gerät über den Boden. Gezählte zwölf Sekunden hebt es ab, nach 36 Metern ist es wieder am Boden. Die Flugzeugbauer arbeiten aber unermüdlich an ihren Geräten. Im Gegensatz zu meinen bescheiden gebliebenen Bemühungen zeigen sich bald Erfolge. Die neuen Apparate fliegen immer weitere Distanzen.

Die ersten Flüge
Als die Brüder Wright sich 1908 entschließen, ihre Erfindung in Form von Flugshows öffentlichkeitswirksam zu bewerben, geht es Schlag auf Schlag. Am 13. Jänner 1908 gelingt es dem französischen Flugpionier Henry Farman als erstem Menschen, einen ganzen Kilometer im motorgetriebenen Flugzeug zurückzulegen. Er erhält 50.000 Francs Preisgeld. Als Wilbur Wright am 31. Dezember desselben Jahres eine Strecke von 124 Kilometern in zwei Stunden und zwanzig Minuten zurücklegt, zweifelt niemand mehr an der Zukunft der motorgetriebenen Luftfahrt.

Im Oktober 1909 ist es auch in Wien so weit. Der erste motorgetriebene Flieger geht in die Luft. Gesteuert wird er von Louis Blé-riot, der Monate zuvor mit seiner spektakulären Ärmelkanalüberquerung weltberühmt geworden war. In euphorischen Worten beschreibt ein Journalist und Augenzeuge dessen triumphalen Auftritt in Wien: "Endlich haben auch wir ihn gesehen, den fliegenden Menschen, der als ein moderner Ikarus einfach zwei Flügel ausbreitet, um dem Kerker der Erdenschwere durch die Lüfte zu entfliehen."

Hinter der Wiener Veranstaltung steht der umtriebige Theaterbesitzer Leopold Müller. Er ist Direktor des Wiener Carl-Theaters in der Leopoldstadt und gründet 1908 das Johann-Strauß-Theater in der Favoritenstraße. Müller hat im Oktober 1908 in Reims den ersten Überlandflug Henry Farmans gesehen und begeistert sich schnell für diese neue Form der Aviatik. Im April 1909 lädt er Blériot für Herbst nach Wien ein. Er zieht die Flugschau als Spektakel für die große Masse der Bevölkerung auf, rührt kräftig die Werbetrommel und entfacht auf diese Weise ein mediales Feuerwerk rund um Blériots Auftritt. Ohne Eigennutz ist sein Engagement freilich nicht: Der Impresario verdient gut an der Veranstaltung.

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Schlagwörter

Extra, Flugzeuge, Flugpioniere

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Dokument erstellt am 2013-02-28 19:02:12
Letzte Änderung am 2013-03-01 09:24:49


14. Dezember 1818
14. Dezember 1818

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