• vom 10.05.2013, 14:30 Uhr

Geschichte

Update: 10.05.2013, 17:27 Uhr

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Die vergessene "Insel des Islam"




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Von Thomas Schmidinger

  • Die Österreichisch-Ungarische Monarchie annektierte vor hundert Jahren die osmanische Donauinsel Ada Kaleh, die 1971 in den Fluten des Donaukraftwerks am Eisernen Tor versank.

Nur 1,7 km lang: die Donauinsel Ada Kaleh; ungarische Ansichtskarte, 1908.

Nur 1,7 km lang: die Donauinsel Ada Kaleh; ungarische Ansichtskarte, 1908.© Privatarchiv Schmidinger Nur 1,7 km lang: die Donauinsel Ada Kaleh; ungarische Ansichtskarte, 1908.© Privatarchiv Schmidinger

"Dort, wo Ungarn, Serbien und Rumänien zusammenstoßen, ist ein Stückchen türkischster Türkei unversehrt übriggeblieben. Im Strome des Christentums liegt sie da, eine Insel des Islam." So beschrieb Egon Erwin Kisch die Insel Ada Kaleh während des Ersten Weltkriegs, als siebenundfünfzig ungarische Landstürmer über fünfzehn Monate lang gegen die am gegenüberliegenden Ufer stationierten Serben Wacht hielten.

Dass ungarische Soldaten, die auf Kaiser Franz Josef I. vereidigt waren, eine "Insel des Islam" gegen die Serben verteidigten, war einem Zufall der Geschichte, einer kleinen Unachtsamkeit zu verdanken.


Seit 1699 stand die Insel, auf der bereits zuvor eine Festung existierte, unter der Herrschaft des osmanischen Sultans, nur unterbrochen von kurzen österreichischen Besatzungen von 1716 bis 1738 und noch einmal kurz um 1789. Als Insel über dem Eisernen Tor an einer Donaubiegung gelegen, bildete der nur 1,7 km lange Landstrich, dessen türkischer Namen als "Festungsinsel" übersetzt werden könnte, im 17. und 18. Jahrhundert einen bedeutenden strategischen Bereich zur Kontrolle dieses Donauabschnitts.

"Caroline-Insel"
Neben einer militärischen Festung gab es auf der Insel, die von den Österreichern auch als "Caroline-Insel" oder "Neu-Orschowa" bezeichnet wurde, auch ein Dorf, das von Muslimen aus allen Teilen des Reiches bewohnt war, die osmanisches Türkisch als Umgangssprache verwendeten. Die Bewohner der engen Gassen mit kleinen Häusern und schattigen Innenhöfen lebten von Handel, Schmuggel, Fischerei, Tabakanbau und der Herstellung von Lokum, einer im Osmanischen Reich verbreiteten Süßigkeit.

Der ungarische Schriftsteller Mór Jókai hatte sich bereits 1872 in seinem Roman "Der Goldmensch" von Ada Kaleh inspirieren lassen. Er schildert darin eine "Niemandsinsel", die einen von zwei Reichen erteilten Freibrief erhalten habe, "der diesem Gebiet eine Existenz außerhalb aller Grenzen erlaubt". Die Insel wird bei ihm zu einem utopischen Paradies jenseits von Zeit und Raum, insbesondere aber jenseits von Krieg und Nationalismus.

Die kleine Unachtsamkeit, der Ada Kaleh ein Fortleben dieser osmanischen Tradition verdankte, geschah nach dem Türkisch-Russischen Krieg von 1877-1878, der Rumänien die Unabhängigkeit und dem Osmanischen Reich den Verlust ihrer Besitzungen nördlich der Donau brachte. Im Berliner Kongress wurde in diesem Abschnitt die Donau als Grenze zwischen Serbien und Rumänien festgelegt. Die kleine Insel inmitten des Stromes wurde einfach vergessen.

So entstand eine Enklave des Osmanischen Reiches weit ab vom sich immer weiter nach Südosten zurückziehenden Rest der Untertanen der Hohen Pforte. Zwar war Österreich-Ungarn bereits seit 1877 militärisch präsent, die Bewohner blieben aber de jure weiterhin Untertanen des Sultans. Auf der Insel gab es weiterhin einen eigenen Mudir (Bürgermeister), einen Kadi (Richter), und einen Imam. Sultan Abdulhamid II. spendete den Teppich für die 1903 errichtete Moschee.

Als man in Ungarn 1896 in nationalistischem Überschwang die "tausendjährige Landnahme" der Ungarn in Form einer "Milleniumsausstellung" feierte, wurde im von Julius Laurencic herausgegebenen Katalog "Das tausendjährige Ungarn und die Milleniums-ausstellung" auch Ada Kaleh erwähnt: "Einen romantischen Überrest der einstigen Türkenherrschaft an der unteren Donau bildet diese, an der ungarisch-rumänisch-serbischen Grenze, unmittelbar unterhalb Orsova gelegene kleine Donau-Insel, deren geringzahlige, ausschließlich türkische Bewohner zwar noch Unterthanen des Sultans sind, das Inselterritorium selbst steht jedoch auf Grund eines Beschlusses des Berliner Congresses bis zur endgültigen Regelung der politischen Lage desselben, jetzt noch interimistisch unter der militärischen Oberherrschaft der österr.-ungarischen Monarchie."

Die steuerfreie Insel wurde bald zur Touristenattraktion. Ihr Status blieb so lange ungeklärt, bis Ungarn im Vorfeld des Ersten Weltkrieges die Insel am 12. Mai 1913 annektierte und damit Österreich-Ungarn noch einen letzten kleinen Gebietsgewinn bescherte, ehe es an den Folgen des Krieges zerbrechen sollte.

Die Ereignisse des "Großen Krieges" - wie der Erste Weltkrieg in der Zeit, als man noch hoffte, von einem zweiten verschont zu werden, bezeichnet wurde - schilderte der legendäre "rasende Reporter" und Schriftsteller Egon Erwin Kisch in seinem Artikel "Auf der Wacht gegen die Serben" über die Insel während des Krieges. Nachdem die 57 ungarischen Landstürmer die Insel 15 Monate gegen die serbischen Stellungen am südlichen Donauufer verteidigt und sich mit einem Kartoffelacker und einem Kuhstall weitgehend selbst versorgt hatten, kamen ab Oktober 1915 ruhigere Zeiten auf die Insel und ihre Verteidiger zu. Nachdem die bulgarische Armee und eine deutsch-österreichische Heeresgruppe unter dem später von den Nazis erfolgreich hofierten Generalfeldmarschall August Mackensen Serbien erobert hatten, wurde die Insel wieder Ziel von Kurgästen und Reisenden.

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Dokument erstellt am 2013-05-09 16:29:07
Letzte Änderung am 2013-05-10 17:27:49


21. November 1818
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