• vom 06.04.2014, 14:00 Uhr

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Medizin im Zwielicht




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1930 wurde Franz Hamburger, seit 1934 Mitglied der NSDAP und - wohl aus karrieretechnischen Gründen - damals auch bei der Heimwehr, Leiter der Kinderklinik - mit weitreichenden Folgen. So war Hamburger in politischen und gesundheitspolitischen Fragen klar positioniert: Er attackierte die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin und orientierte sich an der deutsch-völkischen Medizinkritik, rückte von Forschung ab und betrieb eine auf spekulativer Biologie basierende Lehre mit Schwerpunkt auf der Ausbildung von Ärzten. Nach dem "Anschluss" im März 1938 wurden unter Hamburger erb- und "rassenbiologische" Lehren offiziell in den Lehr- und Forschungsbetrieb eingegliedert.

Es war unter Hamburgers Führung, dass Asperger 1935 die Leitung der heilpädagogischen Abteilung übertragen bekam. Als in den 1960er Jahren Hans Asperger in seiner Antrittsrede als neuer Vorstand der Kinderklinik über seinen damaligen Förderer Hamburger sprach, war er voll des Lobes. Dessen Zusammenarbeit mit dem NS-Regime, die Wissenschaftsfeindlichkeit Hamburgers und die Selektionen erwähnte er darin mit keinem Wort.

Asperger begann nach seinem Medizin-Studium 1931 fast gleichzeitig mit dem späteren Spiegelgrund-Leiter Erwin Jekelius an der Wiener Universitätskinderklinik zu arbeiten. Jekelius war wie Hamburger der evangelischen Kirche zugehörig, Asperger hingegen kam aus der Jugendbewegung der "fahrenden Scholaren", einer Untergruppe der katholischen "Neulandbewegung", damals Teil des rechten deutschnationalen Randes des österreichischen politischen Katholizismus.

Zwar war Asperger nie Mitglied der NSDAP, er trat aber einer Reihe von Vorfeldorganisationen der Partei bei. Darunter zum Beispiel 1938 der deutschen Arbeitsfront sowie der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). "Hegte man damals Karrierepläne in der Medizin, kam man um die NSV nur schwer herum. Asperger verschaffte sich einige Mitgliedschaften, ohne sich deshalb besonders zu engagieren. Seine politischen Beurteilungen über ihn in den Gauakten zeigen, dass seinem beruflichen Fortkommen keine Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Man hielt ihm zugute, dass er mit dem rassenhygienischen Programm konform ging, gleichzeitig galt er politisch als nicht besonders engagiert", so Historiker Czech.

Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen "Kinderfachabteilung".

Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen "Kinderfachabteilung".© Wikicommons/Haeferl Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen "Kinderfachabteilung".© Wikicommons/Haeferl

Neben seiner Tätigkeit an der Universität war Asperger als Heilpädagoge und Gutachter für die Stadt Wien und für die NSV tätig. "Asperger selbst erwähnt seine Gutachtertätigkeit in verschiedenen Lebensläufen, aber es ist leider nicht klar, wie viel er konkret gemacht hat. Sicher ist, dass die NSV Gutachter brauchte, weil sie eine Reihe von Heimen und Einrichtungen übernommen hatte und förderungsunwürdige, rassisch nicht tragbare, bildungsunfähige Kinder und Jugendliche ausschloss und auf den Spiegelgrund schickte. Das war ein ziemlich breiter Selektionsprozess. Aber es gibt keine konkreten Belege, ob Asperger damit direkt etwas zu tun hatte."

Als sich 1942 Asperger in einem Aufsatz über den Spiegelgrund äußerte, erwähnte er ihn in einem Atemzug mit seiner eigenen Abteilung; die tatsächliche Funktion der Tötungsanstalt verschwieg er: "Das wäre in dieser Publikation auch nicht möglich gewesen. Aber es ist schon interessant, dass er diese Fassade der Wissenschaftlichkeit und der medizinischen Behandlung, die vor dieser Tötungsanstalt errichtet worden ist, ein Stück weit aufrecht erhält und öffentlich verteidigt", so Czech.

Tödliche Gutachten
Ein Aspekt, der bisher noch völlig unbekannt war: Asperger begutachtete als zuständiger Facharzt der Stadt Wien in einer Kommission in Gugging Kinder, um ihre Schulpflicht festzustellen. Gugging war damals eine große psychiatrische Anstalt mit einer eigenen Kinderanstalt. Von dort wurden schon sehr früh im Rahmen der "T4" mehr als hundert Personen nach Hartheim abtransportiert und dort vergast. Anfang 1942 waren noch 220 Kinder in der Anstalt in Gugging. Diese wurden im Februar 1942 begutachtet, um sie in "noch förderungswürdig" und "nicht mehr förderungswürdig" einzuteilen. 35 wurden als "förderungsunwürdig" eingestuft. "Es war im Auftrag der Kommission explizit die Rede davon, dass man die nichtbildungsfähigen der Aktion Jekelius, also der Euthanasie am Spiegelgrund zuführt", erklärt der Historiker Czech. "Asperger war als Gutachter direkt in diesen insgesamt gesehen natürlich vielstufigen und arbeitsteiligen Prozess der Selektion involviert, der letztlich zum Tod aller betroffenen Kinder am Spiegelgrund führte." 

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Dokument erstellt am 2014-04-04 10:02:05
Letzte Änderung am 2014-04-04 13:11:27


19. September 1818
19. September 1818

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