• vom 28.06.2014, 14:00 Uhr

Geschichte


Erster Weltkrieg

Als er noch nicht "der Erste" war




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Von Rudolf Wojta

  • Aus sicherem Abstand gedenken wir heuer des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Wie aber wurde - u. a. in der "Wiener Zeitung" - zehn, zwanzig und fünfundzwanzig Jahre nach Sarajevo des Juni und Juli 1914 gedacht?

Das Attentat von Sarajevo, 1924 dargestellt in der Illustrierten "Das interessante Blatt". - © Bild: Archiv Wojta

Das Attentat von Sarajevo, 1924 dargestellt in der Illustrierten "Das interessante Blatt". © Bild: Archiv Wojta

Gedenken allüberall. Die bildgebenden Medien tun es mit unterschiedlich geglückten Dokumentationen und Dokudramen, der Hörfunk mit entsprechenden Features, und auch der Buchmarkt zollt dem Erinnerungsrausch Tribut und ergießt ein Füllhorn einschlägiger Werke über uns: Historiker heben zu neuen Deutungen an, zahllose Bildbände Sollen die Börsen der Lesefaulen öffnen.

Sarajevo, das meine Eltern noch als Zehnjährige wahrgenommen haben, steigt aus den Archiven auf: Bilder aus Illustrierten, die uns - hochdramatisch gemalt - die große Distanz zu den Ereignissen vor Augen führen, deren heutige Deutungen, selbst hundert Jahre danach, erstaunlicherweise immer noch um die gleichen Fragen kreisen, vor allem um jene nach dem Schuldigen.


Diese Frage stand auch im Mittelpunkt, als aus weniger glättender Distanz dieses Weltkriegs gedacht wurde, der damals noch nicht der Erste war. Vor allem 1924 war die in Zeitungen und Illustrierten heraufbeschworene Erinnerung naturgemäß ganz anderer Art als 1934 und 1939.

"Nie wieder Krieg!"
Sarajevo lag damals zwar zehn Jahre zurück, das Ende des Kriegs aber nur sechs. Die Folgen wirkten noch schmerzhaft nach, als wäre das "Große Völkerringen" gerade erst zu Ende gegangen.

Die "Arbeiter-Zeitung", Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, schilderte blutvoll die Schrecken des Krieges sowie des daraus entsprungenen Elends und führte drastisch vor Augen, dass eine Wiederkehr des Hauses Habsburg - an dessen Kriegsschuld kein Zweifel gelassen wird - nichts anderes bedeuten könne als wieder Krieg. Auch der "Arbeiterwille", das "Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten", sah den greisen Franz Joseph als Verursacher der Katastrophe, "weil die Schwarzgelben der Meinung waren, dass ein Bisserl Krieg die Herrschaft der Habsburger nur festigen könne".

"Die Rote Fahne" der Kommunisten relativierte die Schuld der Habsburger. "Wenn sie auch den Funken in das Pulverfass warfen, so ist es trotzdem eine Geschichtsfälschung", weil "die eigentlichen Urheber des Krieges, die Schwerindustrie, die Großagrarier des alten Österreichs, Frankreichs, Deutschlands, Englands, Russlands, bei der Schuldfrage an dem grauenhaften Morden umgangen werden."

Waren den Linken also vornehmlich Habsburg und der Kapitalismus die Bösewichte, so war allen rechten Blättern die Schuldzuweisung für den Kriegsausbruch an Serbien gemeinsam. Beim "Neuigkeits-Welt-Blatt" las sich das so: "Vor zehn Jahren ist in Belgrad die Entscheidung gefallen, die soviel Unheil über Europa gebracht, die alte Reiche zerstört, soviel Hunger und Not, Elend und Tod verursacht hat - jene Entscheidung, deren Wirkungen wir alle noch heute an Leib und Seele spüren." Und die "Reichspost" fand, es wäre entbehrlich, gegen den Krieg zu demonstrieren, da Österreich ohnehin nicht in der Lage sei, einen Krieg zu führen.

Darüber hinaus beschwor das "Unabhängige Tagblatt für das christliche Volk" "dunkle Schicksalstage" und bot Edmund Glaise von Horstenau auf, einen Angehörigen des Generalstabs. Mit der Schuldfrage wollte sich der Militärhistoriker gar nicht befassen.

"Was wir wollen, ist lediglich, aufzuzeigen, dass Österreich-Ungarn bei seinem Vorgehen gegen den die Existenz des Reiches bedrohenden großserbischen Irredentismus gar nicht so sehr über die Stränge schlug, wie heute gerne behauptet wird." Das kam einer Schuldzuweisung an Serbien gleich, und einer Befreiung Habsburgs vom Vorwurf, mit seinem unannehmbaren Ultimatum allen am Krieg Interessierten den Anlass zum Losschlagen geliefert zu haben. Denn - so der Grundton der Konservativen - hätte Serbien sich Habsburg gefügt, hätte die böse Entente keinen Grund gehabt, zu den Waffen zu greifen.

"Das interessante Blatt", ein buntes Allerlei, das es vermied, einzelne Gruppierungen zu düpieren, präsentierte am Titelbild vom 31. Juli 1924 aktuell die "Nie wieder Krieg!"-Demonstration vor dem Wiener Rathaus, im Übrigen aber waren in der heilen Illus- triertenwelt "Straußenrennen am Wiener Trabrennplatz" oder die "Aida"-Aufführung auf der Hohen Warte weitaus wichtiger.

Ähnlich, aber ganz nüchtern, gab sich die "Wiener Zeitung" der Gegenwart hin. Sie berichtete vom Ringen um die Reparationszahlungen bei der Londoner Konferenz, dem Aufstand in Brasilien, von der "elektrischen Erstfahrt auf der Salzkammergutbahn" sowie vom Gesundheitszustand des Kanzlers Ignaz Seipel, der am 1. Juni Opfer eines Schussattentats geworden war.

Wellen, wie sie das Jahrhundertgedenken derzeit am Buchmarkt schlägt, fehlten sechs Jahre nach Kriegsschluss weitgehend. Im Paul List Verlag, Leipzig, erschien von Lloyd George, dem Zyniker, "Ist wirklich Friede?" Der "Carl Stephenson Verlag" brachte als "glänzende Verulkung der Weltgeschichte" das Werk "Die Kanonen machten Bum! Bum! Nur lauter." Von Cletus Pichler, Feldmarschall-Leutnant d. R. stammte "Der Krieg in Tirol 1915|16", und belletristisch kam "Ein Roman aus der Zeit des Völkerringens" von Oswald Menghin daher, betitelt "Zerrissene Fahnen".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-06-26 17:17:20
Letzte Änderung am 2014-06-27 13:48:34


19. Dezember 1818
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