• vom 08.10.2014, 16:01 Uhr

Geschichte


Dommuseum

Abendland und Morgenland im Angesicht des Todes




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • In seiner Umbauphase weisen Diskurse am Durchgang Wollzeile/Stephansplatz auf die Neupositionierung des Wiener Dommuseums hin.

Johanna Kandl vor ihrem Kunstwerk "Nah am Text".

Johanna Kandl vor ihrem Kunstwerk "Nah am Text".© bbb Johanna Kandl vor ihrem Kunstwerk "Nah am Text".© bbb

Wien. Für Direktorin Johanna Schwanberg ist es ein Wunschprojekt: Malerei und Text Johanna Kandls am Bauzaun im Zwettlerhof und auf einer Lünette am Durchgang vom Stephansplatz zur Wollzeile. Denn diese Interventionen verweisen auf die Eckdaten ihrer Neupositionierung des Dommuseums nach dem Umbau 2015. Auf 800 Quadratmeter werden in neuester Technik die mittelalterlichen Exponate des Domschatzes und der Diözese mit der Nachkriegsavantgarde aus der Sammlung Otto Mauers, einer Galerie der Gegenwart und einem Sonderausstellungsraum in Dialog treten. Kunstgeschichte trifft auf zeitgenössische Kunst, doch nicht willkürlich gemischt, sondern in spannungsreichen Bezug gesetzt, auch für junge Besucher. Schon während des Umbaus durch Architekt Boris Podrecca wird man auf die Neuorientierung eines Museums zwischen Kunst, Kirche und Gesellschaft eingestimmt.

Themen wie Migration, Identität, Konsumkritik und ein weitläufiger Blick von Wien aus in den Osten, dabei einbezogen die ökonomischen Verhältnisse der post-sozialistischen Staaten, sind wichtig für die in vielen Medien und als Team mit ihrem Mann Helmut tätige Malerin Johanna Kandl. Themen wie private Frömmigkeit, Wallfahrt und Errichtung von "Marterln" durch Pilger waren schon Teil ihrer Arbeit im öffentlichen Raum. Kandl ist wie Schwanberg am wissenschaftlichen Sektor mit der Auffindung von Schnittstellen sozialer und politischer Phänomene durch künstlerische Recherche beschäftigt. Dabei reiste sie bereits in Länder des "Ostblocks" und zeichnet bis heute auf Augenhöhe mit den ihr begegnenden Menschen Alltagsgeschichte auf. Alte und neue Kunst begegnen sich da konfliktlos.


Die Künstlerin unterzog das Leichentuch von Herzog Rudolf IV. ihrer speziellen Transformierung in den öffentlichen Raum. Sie interessiert sich besonders für den weiten und rätselhaften Weg des Exponats nach Europa und die Intention, die zur Verwendung eines kostbaren Seidenstoffs aus dem Orient mit Weiheinschrift für einen muslimischen Sultan für einen christlichen Herzog geführt hat. Dabei ist auch die Modernität seines berühmten Porträts Ausgang für Spekulationen, ob eine spezifische Toleranz des Gründers der Wiener Universität gegenüber dem Orient vorlag oder nur ein allgemeiner, auch bei anderen Fürsten vorhandener Brauch, Morgenland und Abendland angesichts des Todes zu verbinden.

Aktuelle Rätsel
Wie aktuell diese Rätsel sind, zeigte die interessante Reaktion der Passanten aus vielen verschiedenen Staaten während ihrer Arbeit an 20 Meter Grobspanplatten, die dem historischen Dialog den menschlichen zur Seite stellte. Kandl nahm einen Ausschnitt der Umzeichnung Markus Ritters nach dem mit Goldfäden durchwirkten Seidenstoff aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts und übertrug Schriftzeichen und Ornamentteile exakt mit Holzbeize. Diese Stofffarbe kommt der Erscheinung von Indigo in aquarellhafter Wirkung nahe. Dabei ist der Zuschnitt des Tuchs nach dem Körper des Toten nicht mehr ersichtlich, die Teile mit dem Schriftband an den Rändern und Tierfriesabschluss werden vergrößert hervorgehoben. Natürlich waren es Frauen aus dem Orient, die jene Schriftzüge zum Ruhme Gottes und des iranischen Sultans auch entziffern konnten und Kandl mit Fragen dazu konfrontierten. In Erstaunen setzt es uns jedoch alle und weist in besonders gelungener Form vom Ausbau des Stephansdoms durch den Initiator Rudolf auf das zukünftige Museum in Blickachse hin.




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Dokument erstellt am 2014-10-08 16:05:05



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