• vom 05.06.2015, 14:00 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Gnadenlose Aussiedelung




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Von Niklas Perzi

  • 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, jagte die wieder gegründete Tschechoslowakei ihre deutschen Bewohner aus dem Land - unter unmenschlichen Begleitumständen.

Vertriebene warten in Melk auf ihre Weiterfahrt nach Deutschland.

Vertriebene warten in Melk auf ihre Weiterfahrt nach Deutschland.© Heimatkreis Neubistritz, Repro: W. Kunerth/Niederösterreichisches Landesarchiv Vertriebene warten in Melk auf ihre Weiterfahrt nach Deutschland.© Heimatkreis Neubistritz, Repro: W. Kunerth/Niederösterreichisches Landesarchiv

Altstadt (Staré Mesto), 13. Mai 1945, fünf Tage nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Marktplatz dieses südböhmischen, unweit der österreichischen Grenze gelegenen Ortes ist voll von Menschen. In der Mitte stehen einige Männer in Uniform, hoch zu Ross verliest ein Uniformierter die Proklamation von der Wiedereingliederung des Sudetenlandes in die Tschechoslowakei. Der Mann ist Tscheche, seine Zuhörer sprechen nur deutsch. Einige von ihnen klatschen in die Hände, andere rufen "Bravo". Da bricht es aus dem Mann hervor: "Ihr deutschen Schweine, vor ein paar Tagen habt Ihr noch Heil Hitler geschrien, jetzt wollt Ihr hier Bravo rufen!"

Das ist ein Moment, in dem sich die Dramatik von Geschichte fokussiert. Der Proklamateur hatte 1938, nach dem Einmarsch der Wehrmacht, den Ort verlassen müssen, begleitet von Schmährufen und Prügeln vieler deutscher Mitbewohner, und war jetzt gekommen, um sich zu rächen.


Willkür und Gewalt
Nur zwei Wochen nach dem Auftritt am Platz werden die deutschen Altstädter über die Grenze nach Österreich getrieben. Die meisten jungen Männer sind entweder gefallen oder in Kriegsgefangenschaft, so trifft es vor allem Ältere, Frauen und Kinder. Wer nicht mehr mitkommt, wird liegen gelassen. An der Grenze wird das in aller Eile eingepackte Hab und Gut perlustriert; Schmuck, Wertgegenstände, aber auch Spielzeug werden abgenommen und die Menschen dann ihrem Schicksal überlassen. Sechs Männer (darunter die Ortsfunktionäre der NSDAP) werden zurückgehalten und später, nach grausamen Folterszenen, ohne Gerichtsurteil erschossen. Das deutsche Altstadt war innerhalb weniger Stunden Geschichte geworden.

Was in den tschechischen Sprachgebrauch mit einem Terminus aus der altösterreichischen Behördensprache als odsun, "Abschub", bezeichnet, und im Deutschen meist "Vertreibung" genannt wird, war eine der größten "ethnischen Säuberungen" im Nachkriegseuropa, wenn auch bei weitem nicht die einzige. Innerhalb eines Jahres mussten an die drei Millionen Einwohner deutscher Muttersprache die wieder errichtete Tschechoslowakei verlassen. Etwa 800.000 davon traf wie in Altstadt das Schicksal der "wilden Vertreibung": Sie wurden innerhalb weniger Stunden mit 30 Kilogramm Gepäck aus ihren Häusern und Höfen über die Grenze nach Österreich oder in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands gejagt, ohne Rechtsgrundlage und oft unter grausamen Begleitumständen.

Die Zahl der Todesopfer im Rahmen von Vertreibung und "revolutionärer Gerechtigkeit" ist bis heute ungeklärt - und wird es wohl auch bleiben. Während Vertriebenenverbände von 240.000 Toten sprechen, schätzen deutsche und tschechische Historiker die Zahl auf 30.000. Tatsache ist, dass die ersten Monate nach dem Ende des NS-Regimes von einer Reihe von Gewalttaten begleitet waren. Im nordböhmischen Pos-telberg (Postoloprty) etwa waren es 763 Hingerichtete, das Massaker in Aussig (Ustí nad Labem), forderte an die 100 Tote, infolge der Fußmärsche aus den Sprachinseln von Brünn (Brno) und Iglau (Ihlava) über mehr als fünfzig Kilometer zur österreichischen Grenze kamen etwa 2000 Menschen ums Leben.

Die Aussiedlung war der letzte Akt im fast 700-jährigen Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in den historischen Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien, das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Vorzeichen eines mit zunehmend weniger Empathie für den jeweils anderen ausgetragenen "Volkstumskampfes" stand. Sie war aber auch Teil der neuen europäischen Nachkriegsordnung und Folge der nationalsozialistischen Herrschaft über Zentral- und Osteuropa, die bekanntlich erst nach einem grausamen Krieg gestürzt hatte werden können.

Ein Blick zurück
Nach dem Zerfall der großen Imperien infolge des Ersten Weltkrieges verstanden sich die neu gebildeten Länder zwischen Deutschland und der Sowjetunion als Nationalstaaten, hatten jedoch auf ihren Gebieten so starke Minderheiten, dass sich Anspruch und Realität nicht deckten. Dies galt besonders für die Tschechoslowakei, die als Vereinigung zwischen den alten böhmischen Ländern und der Ungarn entrissenen Slowakei ein völlig neuartiges Geschöpf darstellte. Neben sechs Millionen Tschechen und knapp zwei Millionen Slowaken wohnten in ihren Grenzen fast 3,5 Millionen (Sudeten-)Deutsche, die zwar die völlige bürgerliche Gleichberechtigung und einigermaßen (in den Pariser Vorortverträgen garantierte) brauchbare Minderheitenrechte genossen, jedoch nicht als Teil der neuen tschechoslowakischen Staatsnation galten.

Als in den 1930er Jahren die Weltwirtschaftskrise auf die Tschechoslowakei überschwappte, waren es die hochindustrialisierten Regionen in Nord- und Westböhmen, die davon besonders betroffen waren - samt Hungersnöten und Toten. Prag reagierte nicht und trieb so die Deutschen in die Hände des Konrad Henlein. Dieser Funktionär des Deutschen Turnverbands hatte als Exponent des unter den böhmischen Deutschen traditionell starken deutschnationalen, "völkischen" Milieus 1933 die "Sudetendeutsche Heimatfront" (später Sudetendeutsche Partei, SdP) gegründet und 1935 bei den Parlamentswahlen 70 Prozent der deutschen Stimmen gewonnen.

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Dokument erstellt am 2015-06-03 16:50:05


23. Oktober 1818
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