• vom 18.06.2016, 16:00 Uhr

Geschichte

Update: 20.06.2016, 11:32 Uhr

Zweiter Weltkrieg

"Nur ein Sandkastenspiel"




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Von Gerald Wolf

  • Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Hitler glaubte an einen schnellen Sieg.



Auf dem Vormarsch besetzten deutsche Truppen 1941 auch die Stadt Kiew.

Auf dem Vormarsch besetzten deutsche Truppen 1941 auch die Stadt Kiew.© Ullstein Bild/Getty Images Auf dem Vormarsch besetzten deutsche Truppen 1941 auch die Stadt Kiew.© Ullstein Bild/Getty Images

Es war nach Hitlers Worten der "größte Kampf der Weltgeschichte", der am 22. Juni 1941 begonnen hatte. Rund drei Millionen deutsche und 690.000 Soldaten verbündeter Staaten fielen an diesem Tag ab drei Uhr früh in die Sowjetunion ein. Den 150 Divisionen der deutschen Angreifer standen allein in den westlichen Militärbezirken der UdSSR vier Heeresgruppen mit 2,9 Millionen Rotarmisten und mindestens 10.000 Panzern gegenüber. Von einer quantitativen Überlegenheit, wie sie von den deutschen Kriegsplanern vorausgesetzt worden war, konnte angesichts dieser Zahlenverhältnisse allenfalls bedingt die Rede sein. Dennoch war sich die Führung sicher, dass ein weiterer militärischer Triumph zu erwarten war.

Nachdem der Feldzug gegen Frankreich selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen hatte, glaubten weder Hitler noch seine führenden Militärs daran, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion ihre vermeintlich stärkste und bestgerüstete Armee der Welt vor ernste Herausforderungen stellen könnte. Kurz nach seinem Paris-Besuch (Ende Juni 1940) hatte der bestens gelaunte "Führer" seinen beiden Spitzenmilitärs Wilhelm Keitel und Alfred Jodl versichert, dass ein solcher Kriegszug im Vergleich zum soeben triumphal beendeten Westfeldzug "nur ein Sandkastenspiel" darstellen würde; und Anfang Dezember 1940 hatte er einem bulgarischen Gesandten erklärt, dass die Rote Armee "nicht mehr als ein Witz" sei.

Information

Literatur:
Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. Ch. Links Verlag, Berlin 2011.

Gerald Wolf ist Historiker und lebt in Wien.

Hitlers Krieg

Das Unternehmen Barbarossa - so der Deckname für den Einmarsch in die UdSSR - war fraglos Hitlers Krieg. Seit seinem Machtantritt hatte er darauf hingearbeitet. Dazu war es aber zunächst nötig gewesen, für das Deutsche Reich neue außenpolitische Spielräume zu schaffen. In einem ersten Schritt hatte Hitler schon 1933 den 1922 abgeschlossenen Vertrag von Rapallo mit der Sowjetunion aufgekündigt. Damit war nicht nur das Ende der Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr der Weimarer Republik und der Roten Armee gekommen, sondern auch eine außenpolitische Wende eingeleitet worden.

Bekanntlich hatte das Reich und die UdSSR auch eine gewisse antipolnische Stoßrichtung geeint. Die Deutschen hatten eine Rückgewinnung der nach dem Ersten Weltkrieg an Polen verlorenen Gebiete angestrebt, die Sowjets wiederum hatten wegen des 1920 verlorenen Krieges gegen Polen auf Revanche gesonnen.

Durch den am 26. Jänner 1934 mit Polen abgeschlossenen Nichtangriffspakt schuf Hitler eine wesentliche Voraussetzung für einen Krieg mit der UdSSR. Diesem Pakt misst der deutsche Historiker Rolf-Dieter Müller eine ähnlich große Bedeutung wie dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bei. Mit seiner 2011 veröffentlichten Studie "Der Feind steht im Osten" unterzog er die gesamte Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Krieges einer Neuinterpretation.

Zentral ist dabei seine Einschätzung, dass die angeblich strikt antipolnische Haltung Hitlers auf einer sehr fragwürdigen Quelle beruht, nämlich den ominösen "Gesprächen", die der Danziger Senatspräsident Hermann Rauschning mit Hitler geführt haben will. Sie galten lange als eine "Schlüsselquelle" für Hitlers Haltung zu Polen, werden aber von Müller (und nicht nur von ihm) für ein Machwerk gehalten. Auf diesen "Gesprächen" beruhte die lange Zeit unangefochtene These eines "Stufenplans" Hitlers zur Erringung der Weltherrschaft. Demnach habe er nach der Niederwerfung Polens die Westmächte bezwingen wollen, um für seinen "Lebensraum-Krieg" gegen die UdSSR "den Rücken frei" zu haben. Gestützt auf die Beherrschung der russischen Landmasse habe er danach mit den USA und Großbritannien den Kampf um die Beherrschung der Welt aufnehmen wollen.

Polen als Partner?

Was nicht so recht zu diesem "Plan" passte, waren die intensiven diplomatischen Beziehungen, die das Deutsche Reich 1934 bis 1939 zu Polen unterhielt. Müller erklärt diese nicht mit diplomatischen Finten, sondern damit, dass Polen als Partner für einen künftigen Krieg gegen die UdSSR gewonnen werden sollte. Dazu sollte Polen Danzig und den sogenannten "Korridor" zwischen Pommern und Ostpreußen dem Reich als Aufmarschgebiet für einen Ostkrieg überlassen. Als Kompensation sollte Polen Territorium in der Ukraine erhalten.

Erst als sich Polen dem deutschen Werben endgültig verweigerte und den Westmächten zuwandte, wurde aus Hitlers Sicht ein Krieg unvermeidlich. Dabei zog er auch die Option in Erwägung, nach einem siegreichen Polenfeldzug sofort in die UdSSR einzufallen. Deren militärische Stärke schätzten die deutschen Militärs als gering ein. Sie fürchteten vor allem die Stärke Frankreichs. Als Großbritannien und Frankreich nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 Deutschland den Krieg erklärten, war der in Aussicht genommene sofortige Ostfeldzug vereitelt. Einen Zweifrontenkrieg wollten weder Hitler noch seine Militärs riskieren.

Der Ostfeldzug - so wie er 1941 schließlich realisiert wurde - beruhte auf höchst fragwürdigen Annahmen. Hitlers Militärs glaubten, die Masse der sowjetischen Streitkräfte noch im westrussischen Raum vernichten zu können. Den Faktor des schwierigen russischen Geländes vernachlässigten sie dabei ebenso, wie sie es verabsäumten, ausreichende Reserven bereitzustellen.


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Dokument erstellt am 2016-06-17 14:32:07
Letzte Änderung am 2016-06-20 11:32:44


21. November 1818
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