• vom 08.08.2016, 16:26 Uhr

Geschichte


Geschichtsdarstellung

Wunder der Verwandlungen




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Von Edwin Baumgartner

  • Carnuntum feierte ein Fest der Spätantike - ein viertägiges Reenactment mit Darstellern aus ganz Europa.

Geschichtsdarsteller in Carnuntum: Jeder entwickelt jene Gestalt, die sich für ihn richtig anfühlt, so lange, bis er sich mit ihr identifiziert.

Geschichtsdarsteller in Carnuntum: Jeder entwickelt jene Gestalt, die sich für ihn richtig anfühlt, so lange, bis er sich mit ihr identifiziert.© Edwin Baumgartner Geschichtsdarsteller in Carnuntum: Jeder entwickelt jene Gestalt, die sich für ihn richtig anfühlt, so lange, bis er sich mit ihr identifiziert.© Edwin Baumgartner

Die Morgenluft umwickelt einen wie ein feuchter Lappen. Sie sagt die Schwüle des Tages voraus. Ruhig atmet die Colonia Septima Aurelia Antoniniana Carnuntum. Ein Storch zieht zwei Kreise, dann fliegt er weiter zum Schloss Petronell. Dort lässt er sich auf einem Schornstein nieder. Mit seinem Klappern zerreißt er die Stille.

Als habe ihn das Geräusch aus Morgenträumen geholt, tritt ein Römer in den Eingang der Thermen. Er lehnt sich gegen eine Säule. Eine Frau zückt den Fotoapparat. Der Römer unterbricht sein Gähnen, hebt den Schild vor die Brust, wirft sich in Pose. Jetzt ist er ganz Soldat der Armee des bis heute erfolgreichsten europäischen Staates: Rom. Ein multikultureller Staat übrigens, in dem jeder, der den Gesetzen folgte, unbehelligt seinen Traditionen nachgehen und seine eigenen Götter verehren konnte.


Nicht die Stadt, nicht das Reich sind an einem Tag errichtet worden. So blasen zu Beginn von "333", dem Fest der Spätantike in Carnuntum, keine Tubae die Eröffnungsfanfaren. Carnuntum aufersteht sanft und verschlafen, wie im Morgengrauen, wenn eine Stadt erwacht.

Der Besucher kann dem spätrömischen Treiben zuschauen, kann fragen, Teilnehmer ist er nicht. Seine Anwesenheit ist überflüssig. Das Geschehen würde genauso vonstattengehen, gäbe es keinen einzigen Zuschauer. Keine Hitze, kein Kälteeinbruch, kein Regen und kein Wind könnte eine Unterbrechung bewirken, das alles gab es auch im Jahr 333 nach Christus im Römischen Reich. Konnte man damals damit zurechtkommen, kann man es zu gleichen Bedingungen auch heute - und gewinnt Erkenntnisse: Wie gut erträgt man in dieser Kleidung schwüle Hitze? Schützt sie vor Kälte? Vor Nässe?

Rund um die Uhr in der Rolle
Reenactment nennt man solches Nachleben von Geschichte. Vier Tage lang, von Donnerstag bis Sonntag, bleiben die Geschichtsdarsteller, die Reenactors, zu allen Zeiten in ihren Rollen. Ein dünner Roter Faden bindet das Geschehen: Kaiser Konstantin der Große hat in eine der wichtigsten Donaumetropolen, eben Carnuntum, einen Dux entsandt, er möge das Zivilleben ordnen und die Truppen auf Vordermann bringen.

Am Morgen des ersten Tages also sammelt der Dux die Soldaten. Er staunt wohl, wie wenige es sind. Alle Reenactors sind unbezahlte Freiwillige. Man kann keinem vorwerfen, wenn Ferien mit der Familie oder berufliche Verpflichtungen dazwischengekommen sind. Carnuntum veranstaltet das große Reenactment zum ersten Mal, in Zukunft soll alle zwei Jahre etwas Entsprechendes stattfinden. Bei einem ersten Mal kann nicht alles glatt verlaufen.

Die Akteure kommen aus den Niederlanden, aus Frankreich, Deutsche sind dabei, Ungarn, Österreicher und manch andere. Es ist eine bunte Mischung der Nationen - sehr römisch; oder: sehr europäisch? Der Reenactor entwickelt jene Gestalt, die sich für ihn richtig anfühlt, so lange, bis er sich mit ihr identifiziert. Das kann ein Bogenbauer sein, ein Senator, ein Legionär - oder vielleicht gar ein Kaiser oder, am anderen Ende, ein Sklave. Die geschichtliche Wahrheit steht höher als emanzipatorische Begehrlichkeiten, damit sind Frauen nur in den untergeordneten Rollen zu finden, die ihnen die römische Gesellschaft zugewiesen hat. Die Reenactors bleiben in ihrer Rolle während des Tages, wenn sie trotz der schwülen Hitze die Gewänder mit vielen Stofflagen oder gar Kettenhemden anbehalten, und bei Einbruch der Nacht, wenn die Räume mit Öllämpchen erleuchtet werden, deren Licht so diffus ist, dass Lesen höchste Augenarbeit verlangt und eine Wahrnehmung der Dunkelheit entsteht, die im Zeitalter des Kippschalters längst verloren gegangen ist.

Ein Sklave wird verkauft
Den Zuschauer verblüfft das Aussehen dieser Römer: Nur noch der Senator trägt, konservativ, die Toga, und den Schnitt der Frauenkleider dominiert die altrömische Eleganz der Schlichtheit. Sonst gehören bei den Männern Hosen zur Kleidung, die Soldaten haben individuelles Gewand, schützen sich mit Rundschilden und führen Langschwerter. Keine Spur von den Legionären, die Obelix verprügelt. Diese römischen Soldaten ähneln dem Bild, das wir von Rittern haben. Die Spätantike - sie ist das frühe Mittelalter.

In dieser Zeit des Umbruchs bleibt die verfeinerte Lebensweise der reichen Schichten noch erhalten, auch Grundmuster des römischen Alltagslebens wie der Besuch der Thermen überdauern vorerst. Anders steht es um die Gladiatorenkämpfe. Der Kaiser hängt einem neuen Gott an, einem gewissen Jesus Christus. So sitzen in einer Ecke drei Römer beisammen, einer liest die Psalmen vor, die zum Inventar dieser neuen Religion gehören. Psalmen statt Gladiatoren? Was Christus lehrt, geht mit den heidnischen Spielen nicht zusammen.

Zwei Tage später ist die Tristesse des ersten Tages vergessen. Schon stolpere ich vor der Therme in einen Handel. Verkauft wird ein Sklave. Er ritzt seinen Namen in ein Wachstäfelchen und beweist so, dass er schreiben kann. Seine Zähne sind in Ordnung, er ist zwar nicht sehr kräftig, aber er kann römische Dichter rezitieren. Nach einigem Feilschen werden die beiden Herren handelseins. Die erste Aufgabe des Sklaven unter seinem neuen Dominus ist, Mulsum zu holen, verdünnten honiggesüßten Wein.

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Dokument erstellt am 2016-08-08 16:29:06



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