• vom 11.12.2016, 12:00 Uhr

Geschichte

Update: 12.12.2016, 09:18 Uhr

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Die unerklärliche Kriegserklärung




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Von Christoph Rella

  • Als Adolf Hitler am 8. Dezember 1941 vom Angriff der Japaner auf Pearl Harbor erfuhr, reagierte er erfreut. Drei Tage später erklärte er den USA den Krieg. Warum? Versuch einer Antwort.



11. Dezember 1941: Hitler erklärt im Reichstag den USA den Krieg.

11. Dezember 1941: Hitler erklärt im Reichstag den USA den Krieg.© Dt. Bundesarchiv/Bild 183-B06278 11. Dezember 1941: Hitler erklärt im Reichstag den USA den Krieg.© Dt. Bundesarchiv/Bild 183-B06278

Information

Christoph Rella, geboren 1979, ist Historiker und arbeitet als Redakteur bei der "Wiener Zeitung".

Berlin, 11. Dezember 1941. Hitler hatte den Reichstag zu einer Sitzung einberufen. Das kam selten vor, folglich wussten die Abgeordneten nicht recht, was sie erwartete. Tatsächlich waren nur wenige - Außenminister Joachim Ribbentrop, Propagandachef Josef Goebbels - über Hitlers Vorhaben informiert. Die Rede zur Kriegserklärung selbst zog sich über eineinhalb Stunden hin. Vom Kampf um Deutschland und das Überleben der europäischen Zivilisation und Kulturgemeinschaft war die Rede, von der "Vorsehung" und den schweren Entscheidungen, die Deutschland aufgezwungen wurden - namentlich von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, dem Hitler Kriegshetze, Wortbruch und Geisteskrankheit unterstellte. Den größten Jubel empfing er aber, als er gegen Ende die entscheidenden Worte sprach: "Ich habe daher heute dem amerikanischen Geschäftsträger die Pässe zustellen lassen."

Während Hitler im Reichstag unter "Sieg Heil"-Rufen vom Podium abtrat, reagierten andere Angehörige des NS-Regimes mit blankem Entsetzen. Wehrmachtskommandeure, Politiker und Diplomaten waren über die Kriegserklärung fassungslos, sprachen von einem schweren Fehler. Hatte man nicht aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges gelernt, als man die Feindschaft der USA auf sich gezogen und den Krieg verloren hatte? Wie töricht konnte man sein und ausgerechnet jetzt, wo die allgemeine Lage ohnehin schlecht war, die wirtschaftlich wie militärisch stärkste Nation der Welt zum Feind erwählen?

Dreimächtepakt

Tatsächlich muss man den Moment des deutsch-italienischen Kriegseintrittes gegen die USA als die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg bezeichnen. Über die Motive, die Hitler dazu veranlassten, lässt sich nur mutmaßen. Sicher ist: Die Kriegserklärung erfolgte aus freien Stücken und war weder politisch noch militärisch zwingend.

Darüber hinaus tat der Diktator dem Präsidenten Roosevelt, der bereits am 8. Dezember Japan den Krieg erklärt hatte, einen großen Gefallen. Statt die US-Bürger von einem unpopulären Waffengang gegen Deutschland selbst überzeugen zu müssen, nahm ihm Hitler diese Verantwortung ab und ermöglichte es Amerika, sein Rüstungsprogramm voll zur Entfaltung zu bringen und den Alliierten in Europa zu Hilfe zu eilen. Wie lassen sich also die Ereignisse vom 11. Dezember 1941 erklären?

Deutschland, Italien und Japan waren seit September 1940 durch den sogenannten Dreimächtepakt zur gegenseitigen Waffenhilfe verpflichtet. Allerdings handelte es sich bei dem Vertrag um ein Defensivbündnis, das nur für den Fall eines Angriffs von außen galt (wovon bei der Attacke auf Pearl Harbor freilich keine Rede sein konnte). In der Literatur ist oft die Behauptung zu lesen, Japan habe sich die deutsche Waffenhilfe mit der Zusicherung erkauft, im Gegenzug von China aus einen Entlastungsangriff gegen die UdSSR führen zu wollen.

Diese Darstellung ist nicht richtig. Denn tatsächlich dachten die Japaner, deren Interessen ja in Südostasien lagen, nicht im Traum daran, für die Nazis die Kastanien aus dem russischen Feuer zu holen. Das gab man auch offen zu, zumindest verlor Tokio in dem nach Berlin gekabelten Waffenvertrag kein einziges Wort darüber. Hitler unterzeichnete den Text nach einigen Tagen Bedenkzeit trotzdem. Nicht aus Nibelungentreue, sondern aus Staatsräson. "Wenn wir nicht auf Japans Seite treten, ist der Pakt politisch tot", sagte er zu Ribbentrop. "Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, dass die USA bereits auf unsere Schiffe schießen."

Atlantikschlacht

Womit bereits das zweite Motiv für Hitlers Handeln angesprochen ist, befanden sich doch Amerika und Deutschland schon lange vor dem 11. Dezember de facto im Kriegszustand. Die Ursache lag in der großzügigen Auslegung der US-Neutralitätspolitik Washingtons im Allgemeinen und seiner zunehmenden Hilfe für England im Besonderen. Was mit Waffenlieferungen (Pacht- und Leihgesetz) und Hilfestellungen bei der U-Boot-Aufklärung begann, artete im Lauf der Zeit zu einem "bewaffneten Nicht-Krieg" im Atlantik aus. Die Torpedierung von US-Geleitzügen stand ebenso auf der Tagesordnung wie der Beschuss deutscher U-Boote mit Wasserbomben.

Genau genommen hätte Hitler also schon im Sommer 1941 jedes Recht gehabt, den USA den Krieg zu erklären, allerdings kam ihm der verspätete Angriffskrieg gegen die Sowjetunion dazwischen. Erst als Roosevelt Island besetzen ließ und seine Marine anwies, auf deutsche Schiffe zu schießen, erwog der Diktator den Kriegseintritt - und setzte dieses Vorhaben auch um.

Ein weiterer Beweggrund für die Kriegserklärung ist gewiss in der militärischen Krise, in der die Achsenmächte im Dezember 1941 steckten, zu suchen. Am 28. November 1941 hatte die italienische Ostafrika-Armee in Äthiopien kapituliert, und auch in Libyen stand das deutsche Afrikakorps unter Erwin Rommel davor, von den Engländern aus Ägypten und der Cyrenaika vertrieben zu werden.

Am schlimmsten stellte sich aber die Situation in Russland dar, wo die Wehrmacht mit dem Scheitern des Angriffs auf Moskau ihre erste Niederlage eingestehen und angesichts des einsetzenden Winters den Rückzug antreten musste. So gesehen kam für Hitler die Nachricht vom japanischen Angriff auf Pearl Harbor gerade richtig. Mit keiner Rechtfertigung hätten sich wohl die Verluste günstiger überdecken, mit keinem Appell die eigene Stärke besser demonstrieren lassen, als durch den spektakulären Akt einer Kriegserklärung.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:32:14
Letzte Änderung am 2016-12-12 09:18:47



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