• vom 25.03.2017, 06:01 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Beginn einer Erfolgsgeschichte




  • Artikel
  • Video
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief





Frankreich forderte damals eine Sonderrolle als Atom- und Kolonialmacht und zudem die Harmonisierung der Sozialleistungen in den potentiellen Beitrittsländern. Diese Forderung empfand Erhard als geradezu absurd. Manche befürchteten bereits ein Scheitern des Projekts und sprachen von Krise.

Diese wurde aber überwunden. Zwei Gründe waren dafür ausschlaggebend: Das von den USA und der Sowjetunion erzwungene Ende des Suez-Krieges, bei dem Frankreich mitgemacht hatte, und die Niederschlagung des Ungarnaufstandes durch die Sowjets Anfang November 1956. Beide Ereignisse verstärkten das Gefühl für die Notwendigkeit der europäischen Einigung. Frankreichs Ministerpräsident Guy Mollet, ein überzeugter Europäer, nutzte diese Stimmung, um die Verhandlungen durch größere französische Konzessionsbereitschaft zu beschleunigen.

Am 25. März 1957 wurden die Verträge unterzeichnet. Durch die Gründung der EWG sollte ein gemeinsamer Wirtschaftsmarkt geschaffen werden, dessen Kennzeichen eine Zollunion war. Sie sollte den freien Warenverkehr, die Freizügigkeit, den freien Dienstleistungs- und Kapitalverkehr sowie die Ausarbeitung gemeinsamer Richtlinien insbesondere für die Landwirtschaft und den Verkehr ermöglichen.

Die Verträge konnten als Grundlage für eine Weiterentwicklung dienen, bargen zugleich aber auch das Risiko eines Abgleitens in bloße Verwaltung. Die gleichzeitige Gründung von Euratom sah einen gemeinsamen Markt zur friedlichen Nutzung der Kernenergie vor. Die Gemeinschaften stellten so eine Herausforderung dar, an der sich Kreativität und Mut der Europäer bewähren konnten.

2017 blickt die Europäische Gemeinschaft einer ungewissen Zukunft entgegen . . .

2017 blickt die Europäische Gemeinschaft einer ungewissen Zukunft entgegen . . .© Jugoslav Vlahovic 2017 blickt die Europäische Gemeinschaft einer ungewissen Zukunft entgegen . . .© Jugoslav Vlahovic

Spaak meinte damals: "Wenn wir Erfolg haben, wird dieser Tag als einer der wichtigsten in die Geschichte Europas eingehen." Adenauer äußerte sich dazu in einem seiner berühmten "Teegespräche" vor ausgewählten Journalisten: "Man kann, meine Herren, sehr schwer geschichtliche Urteile aussprechen, wenn alles noch in Bewegung ist, aber vielleicht ist dieser Zusammenschluss das wichtigste Ereignis der Nachkriegszeit."

In den folgenden Jahren gab es zwar immer wieder Krisen, aber irgendwie wurden sie überwunden. Die erste Krise gab es 1963, als der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den Beitritt Großbritanniens zur EWG durch sein Veto verhinderte. Großbritannien hatte es 1950 abgelehnt, Mitglied der EGKS zu werden. Es wollte nicht im "Club der besiegten Nationen" mitmachen und auch keine souveränen Rechte abgeben. Deshalb war es nur konsequent, dass es auch an den Verhandlungen zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nicht teilnahm.

Stattdessen pflegte London die Beziehungen zu den USA ("special relationship") und gründete 1960 als Gegengewicht zur EWG die Europäische Freihandelszone (EFTA) mit Norwegen, Dänemark, Portugal, Schweden, Schweiz und Österreich. Die EWG hatte die wirtschaftliche und politische Integration zum Ziel, die EFTA nur eine wirtschaftliche Freihandelszone. Angesichts der großen Erfolge der EWG stellte Großbritannien 1961 dann aber doch den Antrag auf Mitgliedschaft in der Gemeinschaft. Zwei Jahre wurde verhandelt, dann kam das Non vom französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle - zur großen Enttäuschung von Premierminister Macmillan. Seine Ablehnung begründete de Gaulle so: "England ist in der Tat eine Insel, es ist maritim.[. . .] Es hat in allem, was es tut, sehr eigene Gewohnheiten und Traditionen. Kurz gesagt, die Natur, die Struktur und die Konjunktur, die England eigen sind, unterscheiden sich zutiefst von denen der Länder auf dem Kontinent."

Erst mit dem Rücktritt de Gaulles im Jahr 1969 kam wieder Bewegung in die europäische Entwicklung. Großbritannien stellte erneut einen Antrag auf Mitgliedschaft. Ende 1971 stimmte das britische Unterhaus dem Verhandlungsergebnis zu. Es war ein historischer Moment. Auf den Klippen von Dover hatte Macmillan auf das Abstimmungsergebnis gewartet, um ein Freudenfeuer anzuzünden, das - Symbol genug - mit einem ebensolchen Freudenfeuer auf der anderen Seite des Kanals am Pas de Calais beantwortet wurde. Die Erweiterung von sechs auf neun Staaten erfolgte dann Anfang 1973 durch den Beitritt Großbritanniens, Irlands und Dänemarks.

Maastricht & die Folgen

Zwei Jahre nach dem Beitritt Großbritanniens stand dessen Mitgliedschaft wieder zur Disposition. Die neue Labour-Regierung hatte der Bevölkerung ein Referendum zugesichert. Am 5. Juni 1975 sprachen sich 67,2 Prozent der Briten für den Verbleib in der Gemeinschaft aus. Neun Jahre später gab es wieder Probleme: 1984 wollte die konservative Premierministerin Margaret Thatcher - sehr zum Ärger von Bundeskanzler Helmut Schmidt - ihr Geld zurück ("I want my money back!") und erzwang den "Briten-Rabatt": Das Land erhielt einen Rabatt in der Höhe von etwa zwei Drittel seiner Nettozahlungen, der von den übrigen Mitgliedstaaten aufgebracht wurde.

Es gab weitere Erweiterungen: 1981 Griechenland, 1986 Spanien und Portugal. Der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein italienischer Kollege Giulio Andreotti gaben das Startsignal für einen großen Reformschritt innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Im Winter 1985/86 einigte man sich auf die Einheitliche Europäische Akte. Zu den wichtigsten Inhalten dieses Dokuments gehörten die verbindliche Festlegung des Stichtags 1. Jänner 1992 für die Vollendung des Europäischen Binnenmarktes, die Einführung von qualifizierten Mehrheitsentscheidungen im Ministerrat über Angelegenheiten des Binnenmarktes sowie die Stärkung des europäischen Parlaments.




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-23 16:09:20
Letzte Änderung am 2017-03-24 19:54:57


23. September 1818
23. September 1818

Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wenn der Computer macht, was er will
  2. Cholesterin lüftet Geheimnis
  3. Alma Mahlers Dichter-Onkel
  4. Ende der Fruchtbarkeit
  5. "Jede Haut ist wie ein Buch"
Meistkommentiert
  1. Tauende Böden
  2. Wenn der Computer macht, was er will
  3. Wie wir zwischen Sprachen wechseln
  4. Endlose Gier
  5. Singvögel bleiben auch bei voller Schüssel schlank



Werbung