• vom 17.10.2017, 17:00 Uhr

Geschichte


Ägypten

Klimawandel bringt Konflikte




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  • Weltweite Vulkanausbrüche lösten im antiken Ägypten Kriege aus.

Eine Häufung von Vulkanausbrüchen soll mit dem Untergang des letzten Pharaonenreichs einhergegangen sein: Detail aus dem Mosaik "Alexanderschlacht" in Pompeji.

Eine Häufung von Vulkanausbrüchen soll mit dem Untergang des letzten Pharaonenreichs einhergegangen sein: Detail aus dem Mosaik "Alexanderschlacht" in Pompeji.© Archäologisches Nationalmuseum Neapel/Berthold Werner Eine Häufung von Vulkanausbrüchen soll mit dem Untergang des letzten Pharaonenreichs einhergegangen sein: Detail aus dem Mosaik "Alexanderschlacht" in Pompeji.© Archäologisches Nationalmuseum Neapel/Berthold Werner

Zürich/Bern. (est/sda) Führt der Klimawandel zu Konflikt und Krieg? Das Paul Scherrer Institut in Zürich findet: Ja. Forschende um den Umweltchemiker Michael Sigl haben den Einfluss von großen Vulkanausbrüchen auf das antike Ägypten untersucht. Diese führten zu Volksaufständen und entschieden über Kriege, berichtet Sigl zusammen mit Kollegen aus den USA und Irland im Fachblatt "Nature Communications".

Die Forschenden konzentrierten sich auf die Zeit der Ptolemäer 330 bis 305 vor Christus. Die makedonisch-griechische Dynastie herrschte vom frühen Hellenismus bis zur Eroberung durch das Römische Reich über Ägypten. Die makedonische Phase begann mit der Eroberung durch Alexander den Großen 332 vor Christus, der die Herrschaft der Perser in Ägypten beendete, und endete mit Kleopatra als letzter Königin des Ptolemäerreichs.


Bereits im Jahr 2015 hatte Sigl die großen Vulkanausbrüche der vergangenen 2500 Jahre anhand von Schwefelablagerungen in Eisbohrkernen fast aufs Jahr genau datiert. Nun hat er diese Daten mit direkten Messungen verglichen. Das Islamische Nilometer ist ein langfristiger Maßstab für Klimaveränderungen: Es zeichnete den Wasserstand in den Jahren 622 bis 1902 auf. Die Zahlen verglichen die Forscher mit historischen Beschreibungen von Überflutungen auf ptolemäischen Papyri und Inschriften. Das Fazit: Nach Vulkanausbrüchen führte der Nil weniger Wasser, trat nicht über die Ufer und sommerliche Überflutungen blieben aus.

Die sommerlichen Nil-Überflutungen kommen zustande, weil der Monsun normalerweise die Quellen des Flusses erreicht und diesen über die Ufer treten lässt. Die Überschwemmungen machen das sonst trockene Land fruchtbar und ermöglichten den Ackerbau. Bei großen Vulkanausbrüchen gelangte allerdings Schwefel in die Atmosphäre und veränderte vorübergehend das Klima. Dabei verschoben sich auch die Windsysteme - und damit der Monsun, der daraufhin nicht mehr die Quellen des Nils erreichte. Das Hochwasser blieb aus und es folgten Dürren und Hungersnöte.

Laut den Forschern herrschte in Jahren mit Vulkanausbrüchen mehr Unruhe im Land: Es gab mehr Volksaufstände und mehr priesterliche Dekrete. Kriege mit Nachbarstaaten endeten häufiger in diesen Jahren, brachen jedoch umgekehrt auch nicht häufiger aus. In den Folgejahren kam es zudem zu mehr Landverkäufen. Eine Häufung von Vulkanausbrüchen ging laut den Forschern gar mir dem Untergang des letzten Pharaonenreichs durch die römische Eroberung einher.

"Wir denken, dass die Herrscher in Dürrejahren Kriege beendeten, weil die Volksaufstände und die Not im eigenen Land deren Weiterführung behinderten", erklärt Sigl. Die priesterlichen Dekrete sollten wohl für mehr Ordnung sorgen. Und Familien, die unter den Langzeitfolgen der Dürre litten, mussten in weiterer Folge ihr Land verkaufen.

"Wir sind die Ersten, die wirklich geschaut haben, was für Auswirkungen Vulkanausbrüche auf die Geschichte des Alten Ägypten hatten", betont Sigl.

Zuvor waren Historiker der Ansicht gewesen, dass "schlechte Jahre" auf schlechte Entscheidungen der ägyptischen Herrscher zurückgingen. Schuld an vielen dieser schlechten Jahre seien aber Vulkanausbrüche gewesen, die die antike Hochkultur indirekt zu spüren bekam. Die Studie habe auch für die heutige Zeit Relevanz. Unter dem Begriff "Geo-Engineering" diskutieren Forscher nämlich über Möglichkeiten, die klimakühlenden Effekte von Vulkanausbrüchen künstlich zur Milderung des Klimawandels zu nutzen.

Wasserknappheit heute
Der menschengemachte Klimawandel wirkt sich zudem bereits jetzt auf den Süßwasserhaushalt Europas aus. Das ist das Fazit einer Studie der ETH Zürich, die in "Nature Climate Change" erschienen ist. Die Tatsache, dass es im Süden Europas trockener geworden ist, hängt laut den Forschenden mit Treibhausgasemissionen zusammen. Die Wissenschafter um Lukas Gudmundsson und Sonia Seneviratne von der ETH verglichen Daten über den Abfluss aus mehreren hundert kleinen Flüssen von 1956 bis 2005 mit Klimamodell-Simulationen. Mit diesen berechneten sie, wie sich der Wasserhaushalt an Land mit und ohne Emissionen in diesem Zeitraum entwickelt haben sollte. "Die Simulationen mit Emissionen waren der Wirklichkeit deutlich ähnlicher als jene, die den menschlichen Einfluss ausklammerten", erklärt Gudmundsson. Ohne ein schlaues Wassermanagement drohen besonders im Mittelmeerraum Dürrekatastrophen - und, wie sich zeigt, Konflikte.




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Dokument erstellt am 2017-10-17 17:12:12



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