• vom 14.07.2018, 09:00 Uhr

Geschichte


Zeitgeschichte

Der doppelte Aufbruch




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Von Alfred Pfoser

  • Die Jahre 1918 und 1968 samt ihrer revolutionären Bewegungen haben mehr gemeinsam, als man meinen möchte. - Ein historischer Vergleich.

Die Rätebewegung war für viele "68er" ein Modell: hier die Verkündung der Machtübernahme durch den Arbeiter- und Soldatenrat in Bremen am 15. November 1918. - © creative commons

Die Rätebewegung war für viele "68er" ein Modell: hier die Verkündung der Machtübernahme durch den Arbeiter- und Soldatenrat in Bremen am 15. November 1918. © creative commons

Kein Vergleich! Oder doch? Die Unterschiede zwischen 1918 und 1968 könnten kaum größer sein, die Rahmenbedingungen weisen, bei oberflächlicher Betrachtung, nicht einmal im Ansatz Spuren von Gemeinsamkeiten auf. 1918 und die Folgejahre firmieren in den Geschichtsbüchern als Jahre von Hunger, Kälte und Staatsschwäche, während 1968 und die Zeit danach als ein erster Höhepunkt der Nachkriegsprosperität in die Geschichte eingingen, in der niemand um ausreichendes Essen, geheizte Wohnungen, um Arbeitsmöglichkeiten oder Wohlstand bangen musste - und überdies die staatliche Identität und Stabilität außer Frage stand.

Utopien & Träumereien

Der Neustart von 1918 vollzog sich unter dem Vorzeichen von Armut und Selbsthilfe, kam aus schierer Not und Verzweiflung der Soldaten und Arbeiter, der Aufstand von 1968 aus der Zukunftsgewissheit einer materiell verwöhnten Studentengeneration. Bei genauerem Hinsehen ist es allerdings verblüffend, wie viele Projekte aus der Zeit der Repu-bliksgründung fünfzig Jahre später wieder aufgegriffen werden.

Utopien, Träumereien, Aktionen wurden revitalisiert. Politische Forderungen, die in der Ersten Republik gescheitert waren, kehrten wieder auf die Bühne zurück. Otto Bauer gab 1918 die Parole von der "uneingeschränkten Demokratie" als Ziel des neuen Staates aus. Das Programm von der "Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche", die die SPÖ 1970 zum leitenden Gedanken erhob, las sich in manchen Partien wie eine Blaupause aus den roten Jahren nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie.

Der Vietnamkrieg schürte im Westen die Massenproteste, wie hier 1968 in Berlin.

Der Vietnamkrieg schürte im Westen die Massenproteste, wie hier 1968 in Berlin.© W. Kunz/ullstein bild Der Vietnamkrieg schürte im Westen die Massenproteste, wie hier 1968 in Berlin.© W. Kunz/ullstein bild

Kreisky hielt zwar nicht viel von der politischen Revolte der 1968er, nutzte aber ihren Aufbruchsgeist zu einem Feuerwerk an Reformen. Auch 1918 blockierte die Sozialdemokratie jeden Linksradikalismus, verwendete ihn aber als Schreckgespenst, um gegenüber den anderen Parteien Reformen durchzusetzen. Wenn wieder einmal das Elend in Aufruhr umschlug, dann gab es von Otto Bauer und Karl Renner mäßigende Appelle: "Geduld, Geduld", "Schritt für Schritt", "Arbeiten, nicht verzweifeln".

Information

Alfred Pfoser, geboren 1952, war in verschiedenen leitenden Funktionen bei Büchereien und der Wienbibliothek tätig, Autor und Publizist. Zuletzt ist von ihm, gemeinsam mit Andreas Weigl, erschienen: "Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922", Residenz Verlag, 2017.

Trotz der offenkundigen Ausnahme- und Notsituation, trotz aller Bedrängnisse wurden in der Großen Koalition mit größtem Eifer Grundlagen geschaffen, auf welche die österreichische Republik noch heute aufbaut.

Ohne Vietnamkrieg keine Revolte. Aus der Opposition gegen den Krieg bezog die amerikanische (und mit ihr die europäische) Jugendbewegung ihre Legitima- tion zum Protest. Ohne die verstörenden Fernsehszenen aus dem Fernen Osten wären die Massenproteste von 1968 nicht denkbar gewesen. Erst recht bezog der Aufstand von 1918 aus dem katastrophalen Ende des ersten totalitären Krieges seine Kraft. Mit Fortdauer des Schlachtens, der Verschärfung der Versorgungskrise, der Ausweitung des Kriegsrechts auf die Rüstungsbetriebe schlugen aus Trauer, Verzweiflung und Not die Funken der Revolution.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 13:56:09
Letzte Änderung am 2018-07-13 14:13:40


17. November 1818
17. November 1818

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