• vom 29.07.2018, 13:00 Uhr

Geschichte


Sportgeschichte

Zwischen Mangel und Improvisation




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Von Thomas Karny

  • Die XIV. Olympischen Sommerspiele 1948 in London standen im Schatten der frühen Nachkriegsjahre, brachten aber auch zukunftsweisende Innovationen.

Friedensbotschaft: Olympia-Eröffnung am 29. Juli 1948 im Wembley-Stadion. - © Images

Friedensbotschaft: Olympia-Eröffnung am 29. Juli 1948 im Wembley-Stadion. © Images

2500 Tauben flatterten am 29. Juli 1948 aus dem frisch renovierten Londoner Wembley-Stadion gen Himmel und trugen ihre symbolische Friedensbotschaft in die Lüfte. Soeben waren vor 80.000 Zuschauern und König George VI. die Eröffnungsfeierlichkeiten zu den XIV. Olympischen Sommerspielen beendet worden und die letzten Töne der Hymne "Non Nobis, Domine" verklungen. Über 4000 Athletinnen und Athleten aus 59 Nationen waren gekommen, um entsprechend dem olympischen Ideal friedlich ihre Kräfte zu messen.

Zwölf Jahre zuvor hatte das nationalsozialistische Regime in Berlin die vermeintlichen "Spiele des Friedens" veranstaltet und wenig später Europa in einen verheerenden Krieg gestürzt, der weite Teile des Kontinents in Schutt in Asche legte. Nun sollten die ersten Olympischen Sommerspiele nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zeichen der Verständigung unter den Völkern setzen. Die großen Kontrahenten des Krieges allerdings fehlten: Deutschland war - wie noch über viele Jahre von anderen großen internationalen Sportereignissen auch - von den Spielen ausgeschlossen, die Sowjetunion lehnte eine Teilnahme ab. Sie hatte fünf Wochen zuvor Westberlin abgeriegelt und damit für eine Eskalation in dem immer deutlicher werdenden "Kalten Krieg" gesorgt.

"Austerity Games"

Bereits für die Spiele 1944 - die kriegsbedingt ebenso entfallen waren wie jene, die für 1940 in Tokio geplant waren - als Veranstalter vorgesehen, erwies sich London nun als bemühter Gastgeber in kargen Zeiten. Einen ähnlichen Pomp wie Hitlers Propaganda-Spiele ließen die Umstände nicht einmal ansatzweise zu. Die englische Hauptstadt war vom Krieg noch schwer gezeichnet.

Information

Thomas Karny, geboren 1964, lebt als Sozialpädagoge, Autor und Journalist in Graz.

14.500 Tonnen Bomben hatten Industrieanlagen, Bahnhöfe, Straßen, Brücken sowie Hunderttausende Häuser zerstört und ein Viertel des Volksvermögens vernichtet. Drei Jahre nach Kriegsende mangelte es noch immer an Wohnraum, die Instandsetzung von Fabriken und Maschinen zog sich hin, die Handelsbilanz war schwer defizitär. Die Finanz-Unterstützung aus dem Marshall-Plan, die London seit Kurzem bezog, deckte bei Weitem nicht die enormen Kosten des Empire.

Die Labour-Regierung verfolgte das ehrgeizige Ziel, einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen, verstaatlichte Strom, Gas, Telekommunikation, Eisenbahn und Luftfahrt, doch der strenge Winter 1946/47 und die mit der Unabhängigkeitserklärung Indiens einhergehende Währungskrise 1947 verschlimmerten die Situation dramatisch.

Während Unsummen in die Entwicklung einer eigenen Atombombe investiert wurden, fehlte das Geld für den Wiederaufbau der Infrastruktur. Lebensmittel waren ebenso rationiert wie Kleidung und Benzin. Das Volk darbte, die Begeisterung für die Sommerspiele war enden wollend.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 16:26:19
Letzte Änderung am 2018-07-27 14:26:07



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