• vom 28.07.2018, 14:30 Uhr

Geschichte


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"Im Anfang war die Milch"




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Von Ernst Grabovszki

  • Die Wienerin Anna Helene Mahler-Aszkanazy floh im Jahr 1938 nach Kanada. Ihrer Enkelin hinterließ sie ihre Autobiographie - ein bewegendes Zeitdokument.



Anna Helene Mahler-Aszkanazy.

Anna Helene Mahler-Aszkanazy.© Archiv Jennifer Roosma Anna Helene Mahler-Aszkanazy.© Archiv Jennifer Roosma

An ihrem 17. Geburtstag erhält Jennifer Dolman von ihrer Mutter ein besonderes Geschenk. Es ist in hellblaues Papier gewickelt. Langsam löst sie die Hülle - und worauf sie nun blickt, ist kein Parfum, keine Schallplatte und auch keine Pralinenschachtel. Sie schaut auf ein Typoskript, das ihr ihre Großmutter hinterlassen hat, die kurz vor Jennifers zwölftem Geburtstag gestorben war. Jennifer weiß noch nicht, dass die knapp hundert Seiten nur ein Teil eines viel umfangreicheren Textes sind, mit dem sie sich fortan immer wieder auseinandersetzen wird.

Heute ist sie 60 Jahre alt, und nach ihrer Heirat hat Jennifer Dolman den Namen ihres Mannes, Roosma, angenommen. Sie lebt mit ihrer Familie in Vancouver, Kanada. Den Text ihrer Großmutter hat sie ins Englische übersetzen lassen, sodass sie sich mit allem, was Anna Helene Aszkanazy, geborene Mahler, berichtet hat, eingehend beschäftigen konnte. Und noch immer stockt Jennifer bei der Lektüre der Atem, weil sie hautnah und authentisch einen Teil ihrer Familiengeschichte erfährt, die sich in den dunkelsten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts abgespielt hat.

Ökofeministin

Information

Die Autobiographie von Anna Helene Mahler-Aszkanazy erscheint im Frühjahr 2019 im Verlag danzig & unfried.

Ernst Grabovszki arbeitet als Verleger und Autor in Wien.

Die Jüdin Anna Helene Aszkanazy verlässt am 13. März 1938 ihre Geburtsstadt Wien, an ihrer Seite die beiden Töchter Leonore und Elisabeth. Sie ist 44 Jahre alt, verheiratet und interessiert sich für die Künste in einem Ausmaß, dass sie selbst zu schreiben beginnt. Sie verfasst Theaterstücke sowie die historische Novelle "The Empress of Byzantium" (1952) und sammelt Tausende Notizen für eine "Enzyklopädie der Frauen", die allerdings nie erscheint. Ihr Vater Sigmund Mahler war der Cousin des Komponisten Gustav Mahler.

Mit ihren Stücken hat Aszkanazy wenig Erfolg. "Neue Frauen" wird zwar bei S. Fischer unter Vertrag genommen, doch nach der Premiere in Berlin von der Kritik zerrissen. Auch für "Amour politique" und ein Stück über Baruch Spinoza interessieren sich die Bühnen nicht, sodass Aszkanazy das Theater bleiben lässt. Ihr Lebensthema wird vielmehr die Rolle der Frau in der Gesellschaft. "Meine Großmutter war eine Ökofeministin", erklärt Roosma. "Sie war überzeugt davon, dass jeder von dem leben sollte, was ihm das Land gab. Sie hatte eine Kuh, Bienen, baute Gemüse an, unterhielt ihre Freundinnen und half Flüchtlingen."

Und sie erkennt die Zeichen der Zeit früh: Nachdem sie 1932 Reden von Göring und Goebbels im Berliner Sportpalast gehört hat, warnt sie ihren Mann Simon, der Zinshäuser in Berlin besitzt, seine Geschäftstätigkeit in Deutschland zu beenden. Doch der wartet lieber ab.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 17:17:32
Letzte Änderung am 2018-07-26 17:23:36


21. September 1818
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