• vom 12.08.2018, 10:00 Uhr

Geschichte


Bildende Kunst

Furchtloser Physiognomiker




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Emil Stumpps Porträt von Hugo von Hofmannsthal.

Emil Stumpps Porträt von Hugo von Hofmannsthal.© Bentz Emil Stumpps Porträt von Hugo von Hofmannsthal.© Bentz

Stumpp hatte diesen Schritt zum richtigen Zeitpunkt getan, denn nach den entbehrungsreichen Jahren der Inflation entwickelte sich die Reichshauptstadt zu jener Metropole, mit der man heute die "Goldenen Zwanziger Jahre" verbindet. Die Presse der Stadt wirkte in dieser Zeit wie ein gewaltiger Magnet, der gierig Talente und Könner anzog. Mosse, Ullstein und Scherl, die drei großen Zeitungskonzerne Berlins, standen in fruchtbarem Wettbewerb. Hatten die Zeitungen während der Inflation aus Geldmangel weitgehend auf Illustrationen verzichtet, drängten jetzt die bildlichen Elemente stark in die Blätter. Da die technischen Möglichkeiten der photographischen Reproduktion noch sehr beschränkt waren, bot sich Pressezeichnern bei den 45 Morgen-, 2 Mittags-, 14 Abendzeitungen und zahlreichen Illustrierten ein weites Betätigungsfeld.

Emil Orlik hatte schon während des Weltkrieges die Porträtskizze und -karikatur zu neuer Blüte gebracht, es folgten Künstler wie Rudolf Grossmann, Benedikt Fred Dolbin oder eben Emil Stumpp, den seine rasche Auffassungsgabe und sein Schnelligkeit gewohnter Zeichenstift bis 1933 zu einem der bekanntesten Vertreter seines Fachs machten. Thomas Mann und Kurt Tucholsky äußerten sich bewundernd über Stumpps Zeichnungen - und auch die Künstlerkollegen Heinrich Zille oder George Grosz schätzten die Arbeiten des Porträtisten.

Selbstbildnis Emil Stumpps, 1931.

Selbstbildnis Emil Stumpps, 1931.© Bentz Selbstbildnis Emil Stumpps, 1931.© Bentz

Rund 20.000 Porträts

Fast täglich sollten Stumpps Porträts, für die er fast immer die Technik der Lithographie wählte, in den Jahren bis 1933 in den verschiedensten Zeitungen erscheinen. Obwohl er auch eine große Zahl von Stadt- und Landschaftsansichten malte und zeichnete, war das graphische menschliche Porträt die eigentliche Domäne des Künstlers. Dabei war das instinktive Erfassen der zu porträtierenden Person seine besondere Stärke. Die von ihm aufs Papier gebrachte Physiognomik sei, so hieß es zu seiner Zeit, so sicher, "dass wir diese Köpfe nur noch mit seinem Auge zu sehen vermögen".

Stumpp, der auf der "Jagd" nach seinen Modellen rastlos unterwegs war, traf und zeichnete während seiner ausgedehnten Reisen durch ganz Europa fast alle, die in Literatur, Kunst, Politik, Wissenschaft, Schauspielerei und Sport Rang und Namen hatten. Rund 20.000 Porträts weist sein uvre auf: Darunter sind die Konterfeis von Schriftstellern wie Gottfried Benn, Bert Brecht, Max Brod, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Franz Werfel, Arnolt Bronnen, Lion Feuchtwanger, Thomas und Heinrich Mann, Erich Kästner, Künstlern wie Edvard Munch, Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann, Otto Dix, George Grosz, Käthe Kollwitz, Musikern wie Igor Strawinsky oder Alban Berg, Schauspielern wie Tilla Durieux, Max Pallenberg und Attila Hörbiger, Politikern wie Friedrich Ebert, Gustav Stresemann und Franklin D. Roosevelt oder Sportlern wie Max Schmeling oder der ganzen österreichischen Eishockey-Nationalmannschaft.

Eine Besonderheit der Porträtgraphiken Emil Stumpps, der seinen Modellen, gleich welchen Standes sie waren, stets in der für ihn typischen Wanderburschenkleidung entgegentrat, ist es, dass neben dem Künstler fast immer auch der Porträtierte seine Signatur unter sein Antlitz setzte. Stumpp ließ die Zeichnung sozusagen gegenzeichnen.

Einer der Hauptabnehmer von Stumpps Arbeiten war der linksliberale "Dortmunder Generalanzeiger", der während der Weimarer Republik als größte deutsche Tageszeitung außerhalb Berlins und als Blatt mit der zweitstärksten Auflage in Deutschland ein wichtiges, dem Pazifismus zuneigendes linksbürgerliches Presseorgan war, an dem unter anderem Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky mitarbeiteten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 15:53:58
Letzte Änderung am 2018-08-09 16:58:21


18. November 1818
18. November 1818

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