• vom 19.08.2018, 14:00 Uhr

Geschichte


Literatur

Sehnsucht nach dem Schönen




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Große Liebe geht anders. Die entflammt erst später, allerdings auf unstatthaftem Terrain. Denn die Grande Dame der Zürcher Gesellschaft begeht Ehebruch - mit dem Maler Karl Stauffer-Bern. Und genau hier, an diesem Punkt, belässt der Autor etwas im Vagen. Wann eigentlich verliebt sich Stauffer, dieser launenhafte, trinkfreudige Lebemann, in Lydia? Sein Benehmen während der langen Zeit, die er als Gast im Belvoir zubringt, deutet eher auf strategische Schmeicheleien hin denn auf feurige Gefühle für die Hausherrin. Das Bild, das er von Lydia fertigt, stellt ihn anfangs nicht zufrieden, genauer: das Gesicht. Er wischt es mit Terpentin aus, malt es neu. "Dich sollte ich malen, nicht sie", raunt der "Kraftkerl mit den sanften Seiten" der blutjungen Luise zu.

Gekaufte Gutachten

Dass es Lydia bei ihrem ungestillten Bedürfnis nach Leidenschaft und kunstsinniger Gesellschaft in die Arme des so jovialen wie genialen Künstlers treiben musste, weiß Lukas Hartmann überzeugend zu vermitteln. Sexualität spart er aber dezent aus. Vielleicht ging es in dieser Beziehung ja auch um ein "edleres" Movens: die Sehnsucht nach dem Schönen. Als Stauffer - finanziell unterstützt vom EhepaarWelti-Escher - zu Studienzwecken nach Rom reist, bleibt Lydia nur der Korrespondenzweg zu ihrem "wichtigen Seelengefährten", dem sie gerne folgen würde.

Doch auch Ehemann Welti zieht es fort aus Zürich, wenngleich aus anderen Gründen. Und so reist das Paar nach Florenz. Stauffer hat unterdessen hochfliegende Pläne. Er will - mit dem Geld der Mäzenin - einen fantastischen Kunsttempel in Neapel bauen. Und Lydia hängt an seinen Lippen. Als ihr Mann Florenz aus geschäftlichen Gründen verlässt, brechen bei Lydia alle Dämme. Sie will mit Stauffer ein neues Leben beginnen, geht mit ihm nach Rom. Emil Weltis Schmach ist groß, der Arm seines Vaters lang. Gekaufte Gutachten bringen Lydia in die Irrenanstalt; falsche Anschuldigungen Stauffer hinter Gitter. Alle "Beweise" entpuppen sich als üble Erfindungen, die Weggesperrten kommen frei.

Lydia, nunmehr geschieden, findet als "Madame Escher" ihre letzte Zuflucht in Genf, wo sie, krisengeschüttelt, ihre "bodenlose Liebe" für Stauffer zu unterdrücken sucht. Vergeblich.

Höhen und Tiefen

Der Maler ist selbst am Ende, nicht nur beruflich. In Florenz wählt er den Freitod durch Vergiften. Lydia Escher verkraftet die Nachricht nicht. Noch im selben Jahr setzt sie ihrem Leben ein Ende - durch Öffnen des Gashahns ihrer Villa.

Lukas Hartmann beschränkt sich auf die letzten Lebensjahre der unseligen Millionenerbin. Auf die Zeit ihrer frostigen Ehe mit Emil Welti, die Amour fou mit Stauffer, den gesellschaftlichen Bann und psychischen Zusammenbruch. Sein "Bild von Lydia" wird den inneren Nöten einer um Emanzipation ringenden Patrizierin des Fin de Siècle gerecht. Ihrem Freiheitsdrang und Eigensinn, ihrer Sensibilität und Kunstbegeisterung, ihrem Patriotismus - und ihrer Ohnmacht gegenüber denPatriarchen.

Am nächsten erlebt naturgemäß Luise all diese Höhen und Tiefen mit. Sie weicht niemals von der Seite ihrer Herrin. Auch wenn dies ihr eigenes Leben, ihre Zukunft mit Henri, dem Kellner vom Café am Genfersee, gefährdet - und sie selbst zur Gefangenen macht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-16 17:53:41
Letzte Änderung am 2018-08-17 14:12:53


25. September 1818
25. September 1818

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