• vom 12.09.2018, 19:00 Uhr

Geschichte


Menschheitsgeschichte

Die älteste abstrakte Zeichnung




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Von Eva Stanzl

  • Die erste bekannte Zeichnung wurde mit Rötel angefertigt und ist 73.000 Jahre alt.

Kreuzschraffur auf glattgeschabtem Silcrete-Stein: Symbole wie dieses sind Teil der Menschheitsgeschichte. - © D’Errico/Henshilwood/Nature

Kreuzschraffur auf glattgeschabtem Silcrete-Stein: Symbole wie dieses sind Teil der Menschheitsgeschichte. © D’Errico/Henshilwood/Nature

Bordeaux/Wien. Wann begann der Mensch zu zeichnen? Bisher gingen Archäologen davon aus, dass die ältesten Bilder vor etwa 40.000 Jahren an der Höhle von El-Castillo im nordspanischen Kantabrien gemalt wurden. Zu dieser Zeit verbreitete sich der Homo sapiens in Europa. Forschern zufolge dokumentierten Moderne Menschen und möglicherweise Neandertaler auf den Felswänden von El-Castillo Elemente aus ihrem Alltag und ihrem Leben: Zu sehen sind steinzeitliche Bisons und andere Beutetiere sowie 25 Handabdrücke, die zum Großteil von Frauen und Kindern stammen.

Symbole sind um einiges älter als die Malerei. Etwa wurde auf einer Muschel die älteste Ritzung gefunden. Das Fossil mit Zickzack-Muster wurde in einer 540.000 Jahre alten archäologischen Schicht entdeckt.


Wann aber machten die Menschen den Sprung vom Symbol zur bildhaften Darstellung? Ein internationales Forschungsteam berichtet im Fachmagazin "Nature" von der ältesten Zeichnung, die bisher entdeckt wurde. Sie wurde auf einem 73.000 Jahre alten Stück Silcrete-Stein aus der Blombos-Höhle in Südafrika gefunden.

Das Mineral bildet sich, wenn Kieselsäure erhärtet. Es wurde in der Steinzeit zu Pfeilspitzen und Werkzeugen verarbeitet. Auf dem etwa 3,5 Zentimeter langen Fundstück vom Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas, wurden mit Rötel ähnlich wie mit einem Bleistift feine, parallele Linien gezogen, die eine Kreuzschraffur ergeben. Da das Muster am Rand des Steines plötzlich abbricht, vermuten die Forscher, dass sie Teil einer größeren und möglicherweise komplexeren Darstellung sein könnte.

Fundort in Südafrika
Um ihre These zu prüfen, mussten Experten um Francesco d’Errico von der Universität Bordeaux herausfinden, ob die Linien absichtlich von Menschenhand auf den Stein aufgebracht worden waren oder bloß Teil der mineralischen Zusammensetzung sind. Dieser Nachweis gelang mit einem Elektronenmikroskop und einem Spektroskop. Danach machten die Forscher chemische Analysen der mehr als 70.000 Jahre alten Pigmente und stellten im Experiment den Prozess des Zeichnens nach.

D’Errico und seine Kollegen zogen Linien mit einem Stück Rötel, sowohl mit der Seitenkante als auch mit der zwischen einem und drei Millimeter dünnen Spitze. Um das Verschleißverhalten zu testen, wurden die so entstandenen Linien mit Pinseln behandelt, die in wasserlösliches Rötelpulver getaucht worden waren.

Laut den Forschern um Christopher Henshilwood von der Universität Bergen (Norwegen) und Luca Pollarolo, der an den Universitäten Genf und Witwatersrand in Johannesburg forscht, zeigt der Vergleich des Experiments mit dem Original, dass die steinzeitliche Kreuzschraffur auf eine Fläche gezeichnet wurde, die zuvor glattgeschabt worden war. Somit stelle das Muster die älteste bekannte Zeichnung dar.

Die Blombos-Höhle wird seit 1991 erforscht und ist bereits für andere sensationelle Funde bekannt, die Zeugen früher menschlicher Kultur vor 70.000 bis 100.000 Jahren sind. Darunter sind Pfeilspitzen und angebohrte, mit Rötel gefärbte Schneckenhäuser. Bereits 2002 hatten Henshilwood und Kollegen zwei Ockerstücke vorgestellt, die ebenfalls mit einem Doppelkreuz-Muster versehen sind. Allerdings ist das Muster in diesem Fall eingeritzt und nicht aufgemalt. Der neue Fund zeige, dass frühe Vertreter des Homo sapiens in Südafrika grafische Muster mit verschiedenen Materialien und Techniken erzeugen konnten, so die Forscher.

Symbolisches Denken
Symbole sind Teil der Menschheitsgeschichte. Sie werden seit langem in Stein geritzt, in die Haut tätowiert, auf Kleidung genäht oder als Schmuckornamente getragen. Über die Frage, ob es sich bei den Mustern auf dem Silcrete-Stein um reine Dekoration oder um Symbole mit Bedeutung handelt, sind sich Archäologen zwar uneins. Fest steht jedoch, dass weder Sprache noch Schrift, weder Mathematik noch Religion, weder Gesetze noch Zahlungsmittel möglich wären, wenn der Mensch keine Symbole erfunden hätte, die etwas in der materiellen Welt zum Ausdruck bringen.




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Dokument erstellt am 2018-09-12 16:54:18


21. September 1818
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