• vom 23.10.2018, 16:47 Uhr

Geschichte

Update: 23.10.2018, 17:09 Uhr

Evolution des Krieges

Kritik an Krieg und Gewalt




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  • Ausstellung "Krieg - auf den Spuren einer Evolution" startete im Naturhistorischen Museum Wien.

Krieg gehört ins Museum: Ein Totenschädel, dessen Besitzer gewaltsam starb - zu sehen im NHM.

Krieg gehört ins Museum: Ein Totenschädel, dessen Besitzer gewaltsam starb - zu sehen im NHM.© apa/anniev kosta Krieg gehört ins Museum: Ein Totenschädel, dessen Besitzer gewaltsam starb - zu sehen im NHM.© apa/anniev kosta

Wien. (est) Krieg. Nach dem Ethnologen Jürg Helbling eine bewusste, geplante, intertribale Aggression von erheblichem Ausmaß. Und ein hochaktuelles Phänomen. "Man kann sagen, dass alles, was in Syrien täglich vor sich geht, dem Menschen eingeschrieben ist: Mensch und Tier sind aggressiv. Oder man kann sagen: Krieg ist für den Menschen spezifisch. Damit ist er ein kulturelles Phänomen, das man ändern kann", betonte Harald Meller, Landesarchäologe des deutschen Bundeslandes Sachsen-Anhalt, am Dienstag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Krieg - Aus den Spuren der Evolution" im Naturhistorischen Museum Wien (NHM).

Die Schau führt die Sinnlosigkeit des Krieges dramatisch vor Augen, weil sie Einzelschicksale zeigt. Schädel- und Knochenfunde von Kriegern führen gewaltsame Todesursachen bei kriegerischen Auseinandersetzungen vor Augen. Durch die Evolution des Krieges in der Menschheitsgeschichte führen historische Waffen.


Von der Altsteinzeit bis heute
Die bis 28. April 2019 laufende Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte im deutschen Halle an der Saale. Sie wird nun anlässlich 100 Jahre Beendigung des Ersten Weltkrieges und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges in Wien gezeigt. Für NHM-Generaldirektor Christian Köberl ist die Entwicklung des Krieges nicht zuletzt im heurigen vielfältigen Gedenkjahr ein "Thema, das besondere Aktualität besitzt". Daher schlage man mit der durch zahlreiche Objekte aus Österreich ergänzten Schau auch eine Brücke bis in die Gegenwart.

Wann begann die "Evolution zum Krieg"? Ihren Ausgang nahm sie laut Archäologen in konzertierten gewalttätigen Aktionen unter Schimpansen und Hinweisen auf Gewaltakte unter Frühmenschen. Von "Krieg" im heutigen Sinn könne man zu dieser Zeit aber noch nicht sprechen, sagte Reinhard Golebiowski vom NHM. Jäger und Sammler bekämpften einander, aber sie führten keine Kriege von Dauer. Erst als die Menschen in der Jungsteinzeit sesshaft wurden und komplexere Gesellschaften bildeten, bekamen gewaltsame Auseinandersetzungen diese neue Dimension. Das lässt sich anhand der Funde aus der jungsteinzeitlichen Siedlung von Schletz bei Asparn an der Zaya in Niederösterreich erahnen: Vor 7000 Jahren wurden dort bis zu 200 Menschen ermordet. Zeugnis geben Schädelfrakturen, die auf massive Schläge mit Steinbeilen und Ackerbau-Geräten hindeuten. Unter den Toten dieses Massakers im heutigen Weinviertel, das als erster Nachweis von Krieg in Mitteleuropa gilt, waren auffallend wenige junge Frauen.

Der älteste Fund eines Bogens in Europa sowie andere Artefakte lassen erahnen, wie mit der Zeit immer mehr "Werkzeuge" entwickelt wurden, die einzig und allein zum Töten von Menschen gedacht waren. Mit Pfeil, Bogen und Schwertern rückten dann vor 3200 Jahren etwa 3750 Teilnehmer zur Schlacht im Tollensetal in Norden Deutschlands an. Ab diesem Zeitpunkt könne man sagen, "dass Heere aufmarschieren" und "wir zum Begriff ‚Krieg‘ kommen", so Anton Kern vom NHM.

Die Zeit der Massenheere wird mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) thematisiert. Dem monumentalen Massengrab von Lützen, das erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen ist, ist ein Raum gewidmet. Am 16. November 1632 metzelten sich in den Feldern nahe Leipzig mehr als 6000 Menschen nieder. 2011 hievte ein Forschungsteam einen Erdblock von sechs mal sieben Meter Fläche als Zeugnis dieser blutigen Schlacht aus dem Boden: die Grabstätte von 47 Soldaten, die in der Schlacht ihr Leben ließen. Mit modernen Techniken wurden Herkunft, Ernährungsweise, Gesundheitszustand und Verletzungen der Soldaten ermittelt und das Grab als Mahnmal konserviert.

"Schweden und Deutsche liegen übereinander, geplündert und ausgezogen. All die Männer waren nach über einem Jahrzehnt des Krieges alles andere als fit. Versehrte mit Altverletzungen humpelten in die Schlacht, weil sie bei all den Plünderungen nicht mehr überleben konnten", erläuterte Meller: "Das wichtigste Objekt des Massengrabes ist der letzte Tote, der in der Position des gekreuzigten Heilands bestattet wurde." Laut dem Archäologen geschah dies nicht zufällig. Nach der Schlacht bestatteten die Bauern die Toten. "Sie geben uns die Botschaft mit, dass der Gekreuzigte, das Leiden Christi, auf diesen Toten liegt. Kriegskritik könnte man besser nicht machen. Das Statement macht das Massengrab zur Ikone der Kriegskritik."




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Dokument erstellt am 2018-10-23 16:57:59
Letzte Änderung am 2018-10-23 17:09:24


12. Dezember 1818
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