• vom 30.11.2011, 16:50 Uhr

Klima


Klimawandel

Gewässer im Stresstest




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Von Heiner Boberski

  • Europäisches Projekt untersucht Auswirkungen des Klimawandels auf große Seen
  • Experten versuchen, das Austrocknen des Neusiedler Sees zu verhindern.

Wien.

Im Winter verwandelt sich das Tourismus- und Naturschutzgebiet Neusiedler See in den größten Eislaufplatz Europas.

Im Winter verwandelt sich das Tourismus- und Naturschutzgebiet Neusiedler See in den größten Eislaufplatz Europas.© APA/ANDREAS PESSENLEHNER Im Winter verwandelt sich das Tourismus- und Naturschutzgebiet Neusiedler See in den größten Eislaufplatz Europas.© APA/ANDREAS PESSENLEHNER

Noch ist das "Meer der Wiener" in passablem Zustand, aber gerade der Neusiedler See macht den Limnologen (Erforschern von Binnengewässern) in Zeiten des Klimawandels zunehmende Sorgen. Ständig steigende Temperaturen könnten - wie schon von 1864 bis 1870 - zum völligen Austrocknen des Sees führen, befürchtet Gerhard Soja vom Austrian Institute oft Technology (AIT) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".


Das AIT ist wie der Naturschutzbund Burgenland und sieben weitere Partner in Italien, Ungarn und Polen am Projekt "European Lakes under Environmental Stresses" (Europäische Seen im Klimawandel) beteiligt. Für dieses vom "Central Europe Programme" der EU mit fast drei Millionen Euro dotierte Projekt, das von 1. April 2010 bis 31. März 2013 läuft, wurde am Dienstag und Mittwoch auf einer Tagung an der Wiener Universität für Bodenkultur eine Zwischenbilanz gezogen. Konkret geht es um wissenschaftliche Untersuchungen über den Zustand und die Zukunftsperspektiven von vier mitteleuropäischen Seen, die, so Gerhard Soja, "zu 75 Prozent einmal zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört haben": Neusiedler See, Plattensee (Ungarn), Gardasee (Italien) und Charzykowskie See (Polen).

Gesamtprojektleiter ist der Italiener Nicola Gallinaro, der am Gardasee forscht. Er erwartet, dass den europäischen Seen aufgrund des Klimawandels große Umweltprobleme bevorstehen. "Wenn diese Seen ihre bisherigen touristischen, ökologischen und wasserwirtschaftlichen Funktionen auch in Zeiten des Klimawandels erfüllen sollen, sind rechtzeitige Anpassungsmaßnahmen erforderlich", ergänzte Gerhard Soja, der in Österreich das Projekt koordiniert.

An den vier Seen konzentriert sich die Forschung auf unterschiedliche Risikofaktoren und deren Auswirkungen unter zukünftigen Klimabedingungen. Am Charzykowskie See (13 Quadratkilometer) besteht das Problem in Altlasten: Schwermetalle und Pestizide im Seesediment belegen, dass früher viele ungeklärte Abwässer in den See geleitet wurden. Im Plattensee (593 Quadratkilometer) haben etliche neu eingedrungene Fischarten das ökologische Gleichgewicht durcheinander gebracht.

Am Gardasee (368 Quadratkilometer) bereitet die Zunahme schädlicher Cyanobakterien (früher: Blaualgen) Sorgen. Dort ist auch der Anfall an Abwässern, da in der Umgebung immens viel gebaut wurde, und wegen der südlichen Lage auch die Erderwärmung am größten.

Sanierung kommt teuer

Am Neusiedler See (320 Quadratkilometer), der sich zu 90 Prozent aus natürlichen Niederschlägen nährt, wäre bei seiner durchschnittlichen Tiefe von 1,2 Meter schon ein Rückgang um einen halben Meter eine Katastrophe. Man müsse sich über so ein Szenario Gedanken machen, meint Gerhard Soja, denn sowohl Landwirtschaft als auch Tourismus sind in diesem Gebiet auf ausreichende Wasserreserven angewiesen. Eine externe Wasserzuleitung wäre eine Möglichkeit. In den letzten Dekaden gab es im Durchschnitt ständig einen Temperaturanstieg, insbesondere im Frühling und Sommer, wobei die Wassertemperatur signifikanter anstieg als die Lufttemperatur.

Mit stärkerer Erwärmung geht in der Regel eine Verschlechterung der Wasserqualität einher, der Neusiedler See liegt aber, was eine Anreicherung mit zu vielen Nährstoffen anlangt, noch im mesotrophen, nicht im bedenklichen eutrophen Bereich. Dank seines Salzgehaltes neigt der See nicht zur Algenbildung.

Wie in einem kleinen Gewässer wie der Alten Donau in Wien mit Chemikalien im sogenannten Riplox-Verfahren (Einsatz von Eisenchlorid und Kalziumnitrat zur Reduktion von Phosphor und Sedimenten) die Wasserqualität wieder entscheidend verbessert werden konnte, erläuterte der Hydrobiologe Martin Dokulil. Doch die Entscheidungsträger sollten wissen: So eine Sanierung im Nachhinein kommt sehr teuer.




Schlagwörter

Klimawandel, Seen, Neusiedler See

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Dokument erstellt am 2011-11-30 16:56:11


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