• vom 03.02.2012, 12:58 Uhr

Klima

Update: 03.02.2012, 13:02 Uhr

Meteorologie

Österreichs geheimer Kältepol ist noch nicht in Hochform




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  • Fast schon eine Enttäuschung
  • Bisher "nur" minus 38 Grad in Doline in den steirisch-niederösterreichischen Kalkalpen gemessen.

Wien. Bei minus 38 Grad würde Österreich vermutlich still stehen. Minus 38 Grad ist selbst für sibirische Städte ein Wert, wo die Einwohner nicht grundlos ins Freie gehen. Für Professor Manfred Dorninger vom Institut für Meteorologie und Geophysik an der Uni Wien sind minus 38 Grad hingegen Alltag, um nicht zu sagen: fast schon eine Enttäuschung. Denn alle drei Monate besucht der 46-Jährige Österreichs geheimen Kältepol. Und dort sind schon ganz andere Tiefstwerte gemessen worden.


  "Es war unglaublich anstrengend. Wir waren drei Stunden mit Schneeschuhen unterwegs und sind dennoch immer wieder abgerutscht, weil über hartem Schnee noch rund 15 bis 20 Zentimeter Pulverschnee gelegen sind." Dorniger beschreibt weder einen Trip zum Südpol noch die Erklimmung des K2. Die in Meteorologenkreisen legendäre Doline liegt auf lediglich 1.270 Metern Seehöhe in den steirisch-niederösterreichischen Kalkalpen und ist dennoch ein lebensfeindlicher Ort, wie es hierzulande nur sehr wenige gibt.

Ein magisches Datum 
Das Jahr 1929 ist für Dorniger und seine Kollegen ein magisches Datum. Im damaligen Winter purzelten im ganzen Land die Temperaturen ins Bodenlose. Rekord für bewohnte Regionen ist - bis heute - Zwettl im Waldviertel mit minus 36,6 Grad. Damals zeigten die Messgeräte in der sagenumwobenen Doline minus 52 Grad an. Ein tieferer Wert wurde in Österreich vorher und nachher nie wieder gemessen. Dorningers "personal best" sind jene minus 47 Grad vor zehn Jahren, kurz bevor die Messgeräte ausgefallen sind. "Da wäre sicher noch mehr drinnen gewesen."

  Dolinen sind der perfekte Ort für Rekordtiefstwerte. Sie ähneln im Aussehen einer Bratpfanne, die aber nicht zu tief sein darf. Die Kälte muss nämlich möglichst frei in den Weltraum abstrahlen können, die Himmelssicht darf nicht zu beschränkt sein. Je höher die Doline liegt, desto besser. Und wenn sich dann in ihr noch sehr trockene Arktikluft sammelt, sich nicht mit darüberliegenden wärmeren Luftschichten mischt (Stichwort: Windstille) und kein Nebel eindringt, dann ist punkto Abkühlung eigentlich alles möglich. Denn die Doline kühlt die Luft selbst ab, und wegen der Bratpfannenform gibt es auch keinen Luftaustausch, weil es keinen Ausgang gibt. Je länger die Nacht dauert, desto besser. Und es sollte Schnee liegen, denn der strahlt extrem stark ab.

  All diese Parameter waren in den vergangenen drei Monaten nie gleichzeitig anzutreffen, weshalb Dorninger auch keinerlei Spitzenwerte registrieren konnte. Gespannt ist der Professor auf seinen nächsten Aufstieg zur Doline zum Ablesen der Messdaten Anfang Mai, sollen doch die Temperaturen in den kommenden Tagen weiter fallen. Schneeschuhe wird er dann zwar nicht mehr brauchen, warm anziehen sollte er sich trotzdem. Denn es kann schon vorkommen, dass sich dort oben, an der wohl geheimsten Messstelle Österreichs, auch im Hochsommer Minusgrade tummeln.




Schlagwörter

Meteorologie, Kältepol, Doline

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Dokument erstellt am 2012-02-03 13:00:42
Letzte Änderung am 2012-02-03 13:02:52


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