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Klima

Update: 28.11.2017, 14:16 Uhr

Artenvielfalt

Erste Korallen-Transplantation




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  • Ein australisches Forschungsteam verpflanzt Korallen zur Rettung des Great Barrier Reef.

Gesunde Ökosysteme benötigen Artenvielfalt: Clownfische zwischen Korallen.

Gesunde Ökosysteme benötigen Artenvielfalt: Clownfische zwischen Korallen.© Afp/William West Gesunde Ökosysteme benötigen Artenvielfalt: Clownfische zwischen Korallen.© Afp/William West

Sydney/Lunz. (est/afp/apa) Zuerst sammelten sie den Laich. Dann brüteten sie diesen zu Larven aus - und dann setzten sie die Larven in gefährdete Zonen: Australischen Forschern ist es gelungen, gesunde Korallen von einem Teil des Great Barrier Reef in einen anderen zu verpflanzen. Das Projekt könnte dabei helfen, beschädigte Ökosysteme wieder aufzubauen, berichten die Wissenschafter der australischen Southern Cross Universität in einer Aussendung.

Korallen sind koloniebildende Nesseltiere, die auf Kalkschichten wachsen. Ihren Lebensraum teilen sie mit Algen, von denen sie sich ernähren. Korallen gelten als äußerst widerstandsfähig, doch wie jedes Lebewesen halten auch sie Dauerstress nur schwer aus. Unter dem Druck der Meereserwärmung verblassen sie. Wenn das Wasser zu warm ist, erzeugen die Algen nämlich toxische Moleküle. Um sich nicht zu vergiften, stoßen die Korallen ihre Mitbewohner ab, zerstören dabei jedoch ihre Nahrungsgrundlage. Nach einer Weile erzeugen sie keinen Kalk mehr, verlieren die Farbe und sterben ab. Allein 2016 sind im für seine Unterwasserwelt berühmten Great Barrier Reef vor Australiens Nordostküste 29 Prozent der Flachwasserkorallen wegen extrem warmer Temperaturen abgestorben. Doch auch Schifffahrt und künstennahe Landwirtschaft spielen bei der Korallen-Zerstörung eine Rolle.


Der Meeresbiologe Peter Harrison und seine Kollegen hatten Ende 2016 große Mengen an Ei- und Samenzellen, die die Nesseltiere im Wasser abgelaicht hatten, vor der Insel Heron im südlichen Great Barrier Reef gesammelt. Die Forschenden brüteten den Laich aus und erhielten mehr als eine Million Larven. Die Larven brachten sie auf Netzen in beschädigten Teilen des Riffs ein. Acht Monate später fand das Team dort etwa 100 junge Korallen vor, die den Umzug überlebt und sich im Schutz der Netzwände in ihrer neuen Heimat eingenistet hatten.

Nach eigenen Aussagen hatten die Forscher die Methode zuvor in einer Region in den Philippinen getestet, deren Unterwasserwelt durch Dynamit-Fischerei zerstört worden war. In Australien kam die Korallen-Transplantation zum allerersten Mal zum Einsatz. Beim herkömmlichen "Anbau von Korallen" würden Ableger gesunder Tiere abgetrennt und an anderer Stelle ins Riff gesteckt in der Hoffnung, dass sie wieder wachsen. "Unsere Korallen wuchsen innerhalb von drei Jahren von mikroskopisch auf Teller-Größe", betont Harrison in der Mitteilung: "Mit hunderten Millionen Larven könnten wir große Teile des Riffs wiederherstellen." Das Projekt habe möglicherweise globale Bedeutung. "Wir können beginnen, beschädigte Populationen wiederaufzubauen und zu reparieren." Das Great Barrier Reef ist Weltnaturerbe der Unesco. Rund 14.000 Arten leben hier auf einer Fläche von 340.000 Quadratkilometern, darunter 400 Korallen-, 1500 Fisch- und 4000 Weichtier-Arten.

Artenvielfalt wichtiger für Ökosysteme als angenommen
Wie wichtig die Artenvielfalt für Ökosysteme ist, hat indes ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung neu beziffert. Intakte Ökosysteme ermöglichen nämlich nicht nur bunte Riffe, sondern sie sorgen auch für sauberes Trinkwasser und die Bestäubung von Obstblüten oder verhindern Bodenerosion. Damit sie diese Funktionen erfüllen können, müssen sie artenreicher sein als bisher angenommen, schreibt das Team in "Nature Ecology and Evolution".

Zuvor hatten Forscher angenommen, dass Lebensgemeinschaften acht bis zehn Arten benötigen, um Funktionen wie etwa den Aufbau von Biomasse zu vollbringen. Sie hatten dabei aber immer nur einzelne Funktionen der Umwelt über kurze Zeit beobachtet. "Sieht man sich das Ganze über mehrere Jahre an, ist vielleicht ein trockenes Jahr dabei und ein nasses, und dann werden andere Arten zusätzlich wichtig", erklärt Robert Ptacnik vom Wassercluster Lunz. Zusammen mit Kollegen hat er in einem Grasland mit 60 Pflanzen 82 Ökosystem-Faktoren und -Funktionen erfasst. Je mehr Funktionen betrachtet würden, desto mehr Arten würden als wichtig erkennbar.

Unter Umständen müssen somit am Great Barrier Reef nicht nur Korallen, sondern auch Fische und Weichtiere übersiedelt werden, um eine Gesundung des Riffs zu ermöglichen.




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Dokument erstellt am 2017-11-27 16:56:06
Letzte ─nderung am 2017-11-28 14:16:49



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