• vom 28.06.2018, 10:00 Uhr

Klima

Update: 28.06.2018, 11:16 Uhr

Rohstoffe

Kein gutes Klima für den Kakao




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Von Michael Ortner

  • Krankheiten, Dürren, Extremniederschläge: Kakaobauern in Westafrika leiden unter dem Klimawandel.

Kakaobauer auf seiner Farm in der Elfenbeinküste. - © APAweb, Reuters, Luc Gnago

Kakaobauer auf seiner Farm in der Elfenbeinküste. © APAweb, Reuters, Luc Gnago

Kakaobäume sind empfindlich. Es darf nicht zu viel regnen, aber auch nicht zu heiß sein. Nur dann wachsen die oval-gelben Früchte, in deren Fruchtfleisch die wertvollen Bohnen stecken. Fermentiert und getrocknet bilden sie den Rohstoff für Schokolade. Ghana und die Elfenbeinküste sind die beiden größten Kakaoproduzenten der Welt. Zwei Millionen Menschen leben vom Anbau der Kakaofrucht.

Doch nun bedroht ein Virus tausende Hektar Kakaobäume. Das sogenannte "Swollen-Shoot-Virus" hat sich in der Elfenbeinküste ausgebreitet. Auch das Nachbarland Ghana ist betroffen. 100.000 Hektar Plantagen – eine Fläche so groß wie zweieinhalb Mal Wien – müssen zerstört werden. Denn gegen die Krankheit, die von der Schmierlaus übertragen wird, gibt es kein Gegenmittel. Die Bauern müssen drei Jahren lang die Pflanzen auf den befallenen Plantagen ausreißen. Weitere zwei Jahre stehen diese Felder unter Quarantäne, damit das Virus nicht erneut ausbricht. Neue Pflanzen werden laut ivorischem Landwirtschaftsministerium nicht angebaut. Die Maßnahme hätte aber keine Auswirkungen auf die Kakaoproduktion des Landes, heißt es.

Zusammenhänge unzureichend erforscht

Der deutsche Agrarökonom Christian Bunn ist anderer Meinung. "Es ist leicht vorstellbar, dass das Virus eine existenzielle Gefahr für Westafrika darstellt". Als Beispiel nennt er Brasilien, wo eine Krankheit die Kakaowirtschaft nachhaltig dezimiert hat. Besonders in den vergangenen Jahren, in denen hohe Temperaturen und Dürreperioden die Kakaobäume geschwächt haben, trete das Virus vermehrt auf, sagt Bunn, der am International Center for Tropical Agriculture in Palmira, Kolumbien, forscht. Neu ist das Virus in der Region nicht, doch die Zusammenhänge sind nur unzureichend erforscht. "Da der Klimawandel ein relativ neues Phänomen ist, wurde die Klimaabhängigkeit vieler Pflanzenkrankheiten in der Vergangenheit nicht ausreichend beachtet."

Kakao wächst ähnlich wie Kaffee in einem tropischen Gürtel um die Erde. Die Bäume benötigen ausreichend Niederschläge. Diese werden sich aber in Zukunft regional verschieden entwickeln. Das heißt, dort wo es bisher heiß war, wird es noch heißer. Die Gefahr von Buschfeuern steigt. In feuchten Gebieten wird es hingegen noch feuchter – Extremniederschläge sind die Folge. "Dies birgt das Risiko von Schäden in der Landwirtschaft und geschwächten Bäumen", sagt Bunn. Die Bauern in der Region könnte dies schrittweise aus der Kakaoproduktion treiben, glaubt der Agrarwissenschafter.

Die Auswirkungen des Klimawandels werden sehr stark regional geprägt sein. Nicht erst in ferner Zukunft, sondern bereits jetzt bekommen dies die Bauern zu spüren. "In der gesamten tropischen Zone beklagen die Bauern unregelmäßige Regenfälle und Dürreperioden, die in ihrer Härte zuvor unbekannt waren", sagt Bunn. 2017 sind zum Beispiel regional bis zu 80 Prozent der neu gepflanzten Kakaobäume durch Dürre abgestorben. Eine dramatische Entwicklung, denn viele Bäume in den beiden Hauptanbauländern gelten als ohnehin als zu alt.

Kakaoanbau zunehmend risikoreicher

Wird also Schokolade in Zukunft ein Luxusprodukt? "Es wird auch in Zukunft immer wieder Jahre geben, in denen der Kakaopreis extreme Höhen erreicht, gefolgt von Jahren mit Überproduktion", sagt Bunn. Die Konsumenten werden davon vermutlich wenig merken. Wie es den Bauern ergehen wird, sei laut Bunn hingegen nur schwer absehbar. "Für viele Bauern ist Kakao die einzige Bargeldquelle. Wenn diese Option sukzessive risikoreicher wird, werden viele junge Leute abwandern oder in der extrem umweltschädlichen und konfliktbeladenen Minenarbeit ihr Glück versuchen."

Düstere Aussichten für die Bauern in Westafrika, die bereits jetzt am Existenzminimum leben. Die meisten Plantagen sind kleinteilig, die Bauern bewirtschaften nur zwei bis vier Hektar Fläche. Ein Farmer in der Elfenbeinküste verdient im Schnitt 0,78 Dollar am Tag. Um genug zum Leben zu haben, so eine Schätzung von Fairtrade International, müsste ein Farmer 2,51 Dollar am Tag bekommen. Der Klimawandel könnte dieses Ziel in weite Ferne rücken.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-27 20:30:38
Letzte Änderung am 2018-06-28 11:16:37


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