• vom 10.08.2018, 06:30 Uhr

Klima

Update: 14.08.2018, 18:43 Uhr

Klimawandel

"Wien hat Glück, so lange es Westwind gibt"




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Von Bernd Vasari

  • Stadt- und Regionalforscher Rudolf Giffinger erklärt, warum der Mensch so wenig Wert auf Umweltbewusstsein legt.

Für viele Wiener ist der Wind ein Ärgernis. Dabei bläst er die schlechte Luft weg. - © Ioan Panaite - stock.adobe.com

Für viele Wiener ist der Wind ein Ärgernis. Dabei bläst er die schlechte Luft weg. © Ioan Panaite - stock.adobe.com

"Stadtregionale Maßnahmen sind dringend notwendig, um Abgase einzudämmen", sagt Giffinger.

"Stadtregionale Maßnahmen sind dringend notwendig, um Abgase einzudämmen", sagt Giffinger.© Prohaska Rene, Verlagsgruppe News, picturedesk.com "Stadtregionale Maßnahmen sind dringend notwendig, um Abgase einzudämmen", sagt Giffinger.© Prohaska Rene, Verlagsgruppe News, picturedesk.com

Wiener Journal: Die Erderwärmung schreitet voran. In Österreich gibt es heuer bereits fünf außergewöhnlich warme Monate. Hitzewellen sind nun ein natürlicher Zustand im Sommer. Werden diese klimatischen Veränderungen zum Dauerzustand?

Rudolf Giffinger: Der Klimawandel kann nicht aus einzelnen Wetterereignissen abgeleitet werden. Faktum ist auf jeden Fall, dass wir global gesehen, eine derzeit langfristige Periode der Erderwärmung erleben. Allerdings mit regional großen Unterschieden.

Information

Rudolf Giffinger ist seit 2006 Universitätsprofessor für Stadt- und Regionalforschung an der TU Wien. Als Leiter des Arbeitsbereiches "Europäische Raumentwicklung" (seit Oktober 2004) sowie des Fachbereiches für "Stadt- und Regionalforschung" (seit Dezember 2006) an der TU Wien beschäftigt sich Giffinger in den letzten Jahren vor allem mit Fragen der Wettbewerbsfähigkeit von Städten und deren Implikationen für die sozialräumliche Entwicklung.

Tipp für das EFA 18

Rudolf Giffinger leitet beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach (EFA) das Seminar "Die städtische Widerstandsfähigkeit gegen Umweltprobleme". Gemeinsam mit der Stadtplanerin Simin Davoudi von der Universität Newcastle wird er in diesem Seminar Wege aufzeigen, wie Städte mit klimabedingten Wetterextremen umgehen können. Die Seminarwoche des Europäischen Forums Alpbach findet vom 15.-21. August 2018 statt.

Wird diese Klimaerwärmung durch den Menschen erzeugt?

Das ist ein großer Streitpunkt. Die IPCC (Weltklimarat der UNO, Anmerkung) bemüht sich, die verschiedensten Klimaforschungsergebnisse aufzuarbeiten und hinsichtlich des anthropogenen Einflusses zu bewerten. Zahlreiche Studien weisen diesen Einfluss deutlich nach. Offenbar hatten wir, nicht in der Geschichte der Menschheit, sondern in der Geschichte der Erde, extreme Klimawandel. Diese wurden von verschiedensten Faktoren beeinflusst. Langfristig sind diese Faktoren weiterhin wesentlich. Die Modelle sind heute aber so sensitiv und präzise, dass wir den Einfluss des Menschen erkennen können. Der Treibhauseffekt ist ganz klar erkennbar, der durch entsprechende Emissionen zustande kommt.

Waldbrände in Griechenland und Kalifornien, Taifune in Japan.
Wohin steuern wir?

Wir steuern auf extreme Wetterevents zu. Die Frage ist, wie sie wann und wo auftreten. Da wird es kaum deterministische Aussagen geben können, weil sich das Wetter als ein Ergebnis von komplexen Prozessen darstellt. Nachdem unsere Erde zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt ist, wird die Veränderung der Luft- und insbesondere der Wassertemperaturen sehr stark Einfluss auf Wetter und Klima nehmen. Zum Beispiel wird sich die Dynamik des Atlantiks verändern, wenn es zu einer Veränderung der Geschwindigkeit oder Richtung von warmen und kalten Meeresströmen kommt. Das ist vor allem für Nord-, West- und Südeuropa relevant. Wie schnell sich das auf alpine Regionen (Permafrostboden, ehemalige Gletschergebiete) auswirkt, wird man sehen. Die ersten Anzeichen haben wir, Veränderungen sind nicht mehr zu übersehen.

Es gibt die Klimaziele von Paris. Können diese Entwicklungen überhaupt aufgehalten werden? Kann der Mensch diese Entwicklungen noch stoppen?

Ich bin ein positiv denkender Mensch. In der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien haben wir gemeinsam das Thema der Energieraumplanung entwickelt. Damit soll der Ansatz der Nachhaltigkeit weiterhin betont werden. Dieser läuft ja Gefahr, zunehmend von der Diskussion zum Klimawandel verdrängt zu werden. In dieser Diskussion um nachhaltige Entwicklung und Klimawandel sollten wir uns stärker mit dem Konzept der Resilienz beschäftigen.

Wenn man sich die Diskussionen über Klima, Erderwärmung usw. vor Augen führt, gibt es zwar eine Art Umweltbewusstsein. Stärker sind aber ökonomische Argumente, "es muss billig sein", oder "bequem". Wie kann der Umwelt- und Klimagedanke die Menschen erreichen?

Das hängt von der Konzeption von Nachhaltigkeit und Resilienz ab. Nachhaltigkeit ist seit den 80er und 90er Jahren ein wichtiges Prinzip zu Fragen der Stadt- und Regionalentwicklung. Die Nachhaltigkeitsdiskussion hat aber die Dringlichkeit nicht überzeugend vermitteln können, weil der Einfluss vom eigenen Verhalten auf das Weltklima nicht unmittelbar herstellbar ist. Nachhaltiges Verhalten oder die Etablierung nachhaltiger Strukturen sind nur schwierig zu kommunizieren und daher politisch kaum durchsetzbar. Klima- und umweltpolitische Maßnahmen werden aber eher umsetzbar, wenn klimatisch bedingte Probleme deutlicher auftreten bzw. das Schadensrisiko wächst. Die Stärkung resilienter Systeme auf Ebene der Städte und Regionen sollte daher leichter kommunizierbar und durchsetzbar sein.

Warum legt der Mensch so wenig Wert auf Umweltbewusstsein?

Man muss sich bewusst sein, dass die gesamte, mehr oder weniger 200 Jahre dauernde, Industrialisierung eine Periode ist, in der es uns darum ging und geht, durch Nutzung von meist nicht erneuerbaren Energieressourcen unsere Wirtschaft effizienter und gleichzeitig unser Leben bequemer zu machen. Diese sozioökonomische Entwicklung hat zunehmend mehr und möglichst billigen Energieverbrauch mit sich gebracht. Bis klar wurde, dass der Energieeinsatz, den wir für die Verbesserung von Lebensqualität und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit verwenden, nicht mehr umweltverträglich ist. Dieses, auch politisch forcierte, Entwicklungsmodell hat dazu beigetragen, dass wir uns zu wenig um alternative Energien gekümmert haben. Sie sind nicht schnell genug ausgebaut – und damit auch nicht kostengünstig – geworden.

Die beiden großen Wirtschaftstheorien Neoklassik und Keynesianismus haben die Umwelt ausgespart. Es geht ja hauptsächlich um Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze.

Richtig. Selbstverständlich ging es in Wirtschaft und Politik sehr lange darum, Effizienz zu steigern und Arbeitsplätze zu sichern. Und solange Klimawandel keine Kosten verursacht, ist Umweltpolitik nur schwer legitimierbar. Dies hat sich aber inzwischen durch zahlreiche heftige Wetterereignisse geändert.

Müsste eine neue Wirtschaftstheorie implementiert werden, damit ein Umdenken zugunsten der Umwelt und klimafreundlichen Entwicklung stattfindet?

So radikal würde ich dies nicht sehen, da ja das Effizienzprinzip im Ansatz richtig ist. Als strategisch denkender Planersehe ich aber ein großes Potenzial in Lern- und Transformationsprozessen. Etwa in der Frage, wie wir unsere wirtschaftlichen Aktivitäten, Mobilität, unsere Wohnsituation organisieren oder unser Freizeit- und Konsumverhalten gestalten. Da gibt es genügend Möglichkeiten, diese Bereiche umwelt- und klimafreundlicher zu gestalten.

Noch immer bewegen sich die meisten Menschen alleine in Autos mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Abgasen fort. Wie kann hier mehr Bewusstsein geschaffen werden?

Sehen wir uns Wien an. Auf der einen Seite hat die Stadt sehr viel getan, vor allem beim "Modal Split". Das heißt, es werden zunehmend mehr umweltfreundliche und klimaschonende öffentliche Verkehrsmittel von den Wienerinnen und Wienern benutzt. Dieser hohe Anteil an der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist beispielgebend für viele andere Städte. Eine Großstadt wie Wien ist keine Insel, sondern kommuniziert mit dem Umland. Das geht bis in umliegende Bundesländer sowie benachbarte Regionen in Ungarn und Slowakei. Da sind stadtregionale und grenzüberschreitende Maßnahmen dringend notwendig.

Selbstfahrende, elektrische Autos werden immer wieder als Heilsbringer gehandelt. Wie sehen Sie das?

Das ist wieder als erstes eine technische Lösung. So, wie Sie es vorher angesprochen haben: Hoffentlich bringt es mehr Bequemlichkeit. Ich bin aber nicht überzeugt davon, dass es sich rasch durchsetzen wird. Ich bin zudem ein Kritiker davon, selbstfahrende, elektrische Autos als Thema der Umwelt- und Klimapolitik zu verkaufen.

Warum?

Jedes Elektroauto bezieht Strom, derzeit vor allem produziert aus herkömmlichen Ressourcen. Der Anstieg des Strombedarfs, der mit nicht erneuerbaren Ressourcen gedeckt wird, bringt daher keine Umweltvorteile.

Müssten Politiker klar ansprechen, dass die Fortbewegung im Pkw umweltschädlich ist?

Naja, man darf nicht naiv sein. Ich denke schon, dass dies etwas bringen würde. Nur das Bewusstsein sowie auch geeignete Alternativen sind nicht da. Das erlebe ich auch im wissenschaftlichen Alltag. Da wird in Ausschreibungen und Förderprogrammen getrennt zwischen Mobilitätsforschung und Energieeffizienz im Gebäudebereich. Das ist ganz schlecht. Es müsste gemeinsam, integrativ betrachtet werden.

Wer könnte das ändern?

Dies hängt von der Politik zur Förderung der angewandten Forschung ab, welche von der FFG, der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft, koordiniert wird. Sie managen verschiedene Fonds und Fördertöpfe. Ich habe das bei den Verantwortlichen in entsprechenden Veranstaltungen bereits eingebracht. Die Probleme werden gesehen, man arbeitet daran, hieß es.

Fehlt der große Wurf? Dass es geht, zeigt die 21 Kilometer lange Donauinsel, die künstlich erschaffen wurde.

Für den großen Wurf braucht es immer das Zusammenspiel von oben und unten. Die große politische Vision und entsprechende Entscheidungen sind genauso notwendig, wie die Akteure auf der lokalen oder regionalen Ebene, damit es funktioniert. Es gibt enorm viele Ideen in den Regionen. Die Umsetzung ist aber immer von den oft widersprüchlichen Bedingungen und Interessen abhängig.

Wenn wir beim Beispiel Donauinsel bleiben. Warum ging es damals, warum traut man sich heute in der Politik nichts mehr zu?

Es braucht Zielvorstellungen. Das ist derzeit aber ein nationales Problem. Umwelt- und Klimaziele passen zur Zeit nicht in das mehrheitsfähige politische Kalkül. Sie sind meistens zu langfristig und wenig spektakulär. Besser verkaufen lassen sich hingegen 140-km/h-Strecken, die umwelttechnisch aber nichts bringen und eher Probleme darstellen. Mit Umwelt- und Klimazielen gewinnt man kurzfristig keine Wahlen.

Bei den Gesprächen beim Europäischen Forum Alpbach, zu denen Sie auch eingeladen sind, geht es um städtische Widerstandsfähigkeit, also Resilienz gegenüber Umwelt- und Klimaproblemen. Muss es soweit kommen, dass Menschen nicht mehr auf die Straßen können, weil es zu heiß ist und ältere Menschen einen Kreislaufkollaps erleiden?

Es geht nicht nur um den Kreislaufkollaps. Man wird sehen, ob die Sterbestatistiken es heuer zeigen werden. Wir kennen dieses tragische Beispielvon 2004 in Frankreich, wo ganz klar nachgewiesen wurde, dass die Sterberate aufgrund von Hitze deutlich erhöht war.

Wie stellt sich die Situation in Wien dar?

Wir haben auf der einen Seite das Glück gut gesicherter Grünräume, wie etwa den Wiener Wald und einige grüne Inseln und Korridore. Durch das starke Stadtwachstum werden aber die Durchlüftungskorridore und nicht versiegelten Flächen zunehmend gefährdet. Dieser Punkt müsste stärker diskutiert werden.

Derzeit bläst der Wind einen großen Teil der Abgase davon.

Da hat Wien aufgrund seiner klimatisch-geografischen Bedingungen große Vorteile. Es gibt sehr viel Westwind, der nicht nur schlechte Luft wegbläst, sondern auch viel frische Luft in die Stadt bringt. Da hat Wien im Vergleich zu anderen Städten Glück, solange es Westwinde gibt. Der Baudruck ist gleichzeitig jedoch sehr groß. Von daher ist Verdichtung gut, weil die Wege kurz bleiben. Auf der anderen Seite kann die Verdichtung und Versiegelung die Durchlüftung und damit den Abbau von Hitzeinseln behindern.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-09 14:26:01
Letzte Änderung am 2018-08-14 18:43:20


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