• vom 30.11.2018, 18:22 Uhr

Mensch

Update: 30.11.2018, 18:43 Uhr

Biomedizin

"Gen-Schere am Embryo bringt keinen Nutzen"




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Von Eva Stanzl

  • Der Gynäkologe WIlfried Feichtinger über die Zukunft der Elternschaft und Genmanipulationen.




© adobe stock/Dmytro Sukharevskyi © adobe stock/Dmytro Sukharevskyi

Wien. Nach der angeblichen Geburt der ersten genmanipulierten Babys der Welt hat die chinesische Regierung dem Biomediziner He Jiankui weitere Forschungsaktivitäten untersagt. He hatte in einem YouTube-Video verkündet, mit der Gen-Schere CRISPR/Cas9 Embryonen gegen HIV resistent gemacht zu haben. Die Nachricht sorgte weltweit für Entsetzen und wirft ethische Fragen über die Zukunft der Elternschaft auf. Doch wie sinnvoll ist es tatsächlich, vor der Geburt die Gen-Schere anzusetzen? Der Wiener Reproduktionsmediziner Wilfried Feichtinger sieht den Nutzen nicht.

"Wiener Zeitung": Wissenschafter in China wollen Embryonen mit der Gen-Schere CRISPR/Cas 9 manipuliert haben. Was bedeutet das für die Zukunft der Elternschaft?

Wilfried Feichtinger: Ich bezweifle den Wahrheitsgehalt dieser Nachricht, zumal es keine seriöse wissenschaftliche Publikation zu geben scheint. Die Nachricht erinnert mich an ähnliche Sensationsmeldungen unter anderem aus Korea, die sich später als falsch entpuppten. Außerdem ist es ein unnötiges Unterfangen.

Wilfried Feichtinger geboren 1950 in Wien, ist Gynäkologe mit Spezialgebiet künstliche Befruchtung. Der Gründer des Wunschbaby-Instituts war 1981 an der ersten erfolgreichen künstlichen Befruchtung in Österreich beteiligt.

Wilfried Feichtinger geboren 1950 in Wien, ist Gynäkologe mit Spezialgebiet künstliche Befruchtung. Der Gründer des Wunschbaby-Instituts war 1981 an der ersten erfolgreichen künstlichen Befruchtung in Österreich beteiligt.© Klaus Prokop Wilfried Feichtinger geboren 1950 in Wien, ist Gynäkologe mit Spezialgebiet künstliche Befruchtung. Der Gründer des Wunschbaby-Instituts war 1981 an der ersten erfolgreichen künstlichen Befruchtung in Österreich beteiligt.© Klaus Prokop

Inwiefern unnötig?

Erstens kann man vermeiden, sich mit HIV anzustecken. Das ist in Europa zwar sicher leichter als etwa in Afrika, aber in jeder Region der Welt ist ein genetischer Eingriff am Embryo die komplexeste Lösung. Wenn wie angeblich im Fall der chinesischen Zwillingsmädchen der Vater HIV-positiv ist, kann man die Weitergabe der Erkrankung über die normale künstliche Befruchtung durch In vitro Fertilisation (IVF) verhindern. Das Virus wird nämlich nicht durch das Spermium auf die Eizelle übertragen, sondern über das Sperma. Diese Flüssigkeit ist infektiös, nicht aber die Samenzelle, die die Eizelle befruchtet.

Wie stehen Sie zu der Idee, mit der Gen-Schere CRISPR/Cas9 das Erbgut von Embryonen zu ändern?

Es ist keine gute Idee, weil es eine Grenzüberschreitung ist. Außerdem ist es unnotwendig. Denn es geht immer nur mit anschließender IVF und da kann man mit Hilfe von Präimplantationsdiagnostik (Diagnose an Eizellen im Labor vor dem Einsetzen in den Mutterleib, Anm.) ohnehin gesunde Eizellen aussuchen. Nur wenn es gar keine gesunden Embryonen gäbe, könnte man theoretisch als letzte Möglichkeit die Gene reparieren.

Welche genetischen Untersuchungen dürfen in Österreich am Embryo gemacht werden?

In Österreich ist Präimplantationsdiagnostik am Embryo nur für Erbkrankheiten erlaubt, die schon früh zum Tod oder zur schweren Behinderung des Kindes führen. Erkrankungen wie zystische Fibrose oder Chorea Huntington, die erst später auftreten, das Leben jedoch äußerst mühsam machen, dürfen nicht diagnostiziert werden. Auch das Geschlecht dürfen wir nur aussuchen, wenn eine schwere Erbkrankheit an eines der beiden Geschlechter gebunden ist. Der Goldstandard in der Branche: Wo erlaubt, suchen wir die besten Embryonen aus. Nicht in Österreich, aber in den USA werden diese auf Wunsch der Eltern bereits auf Brustkrebs-Risiko oder familiäre Darmpolyposis getestet.




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Dokument erstellt am 2018-11-30 18:35:07
Letzte Änderung am 2018-11-30 18:43:35


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