• vom 14.09.2010, 16:11 Uhr

Mensch

Update: 14.09.2010, 16:12 Uhr

Suizidforschung: Medienberichte können die Selbstmordrate erhöhen, sie können sie aber auch verringern

Papageno-Effekt gegen Werther-Effekt




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Von Heiner Boberski

  • Wiener Mediziner fanden heraus, wie sich Medienberichte auf die Suizidrate auswirken.
  • Goethe-Werk löste einst Zunahme der Selbstmorde aus, andere Texte können in Krisen hilfreich sein.
  • Wien. Seit 1987 ist die Zahl der Selbstmorde in Österreich kontinuierlich gesunken, im Jahr 2009 betrug sie 1273, was einem Rückgang der Suizidrate um 46 Prozent in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten entspricht. Dazu beigetragen haben unter anderem die verbesserte psychosoziale Versorgung, die bessere Behandlung depressiver Erkrankungen, aber auch neue Richtlinien zur Medienberichterstattung über Suizid.

In Mozarts "Zauberflöte" bewältigt Papageno (Christian Gerhaher mit Genia Kühmeier als Papagena bei den Salzburger Festspielen 2006) mit fremder Hilfe eine suizidale Krise. Foto: apa/Techt

In Mozarts "Zauberflöte" bewältigt Papageno (Christian Gerhaher mit Genia Kühmeier als Papagena bei den Salzburger Festspielen 2006) mit fremder Hilfe eine suizidale Krise. Foto: apa/Techt In Mozarts "Zauberflöte" bewältigt Papageno (Christian Gerhaher mit Genia Kühmeier als Papagena bei den Salzburger Festspielen 2006) mit fremder Hilfe eine suizidale Krise. Foto: apa/Techt

Eine neue Studie der Medizin-Universität Wien konnte nun nachweisen, dass es neben Medienberichten, die in einzelnen Fällen Suizidgefahr heraufbeschwören können, auch Berichte gibt, die das Gegenteil bewirken und hilfreich in schweren Lebenskrisen sind.

Österreichs großer Seelenarzt Viktor E. Frankl (1905 bis 1997) kannte ein markantes Beispiel für die Wirkung der Medien auf die Suizidrate und führte es in Vorträgen immer wieder an: In der amerikanischen Stadt Detroit lag die Selbstmordrate immer sehr hoch, nur während einiger Wochen sank sie plötzlich dramatisch ab. Als man später - die Suizidrate war inzwischen wieder auf das alte Niveau angestiegen - nach einer Ursache suchte, fiel eines sofort auf: "Während dieser Wochen gab es in Detroit einen kompletten Zeitungsstreik."


Das Detroiter Beispiel bestätigte nur, was vielen schon vorher bekannt war. Wenn nicht über Selbstmorde berichtet wird, kommen auch weniger Menschen auf die Idee, in den Freitod zu gehen. Der Nachahmungseffekt bei der Berichterstattung über Suizide wird in der Literatur als Werther-Effekt bezeichnet und geht auf einige Fälle - wirklich nachweisbar ist nur eine zweistellige Zahl - von Imitationssuiziden nach dem Erscheinen von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers" im Jahr 1774 zurück.

Ein Forscherteam um Thomas Niederkrotenthaler am Zentrum für Public Health der Wiener Medizin-Uni hat jetzt im Rahmen einer Studie diesen Effekt empirisch abgesichert. Darüber hinaus fanden die Forscher aber auch heraus, dass keineswegs alle Berichte über Suizid ein Gefahrenpotenzial in sich tragen, sondern dass es auch eine Klasse von Berichten gibt, die einen suizidprotektiven Effekt haben können.

Für die Studie, die jetzt auch im "British Journal of Psychiatry" publiziert wurde, übernahm die Österreichische Akademie der Wissenschaften einen Teil der Kosten. Die fünf Wiener Forscher nahmen darin aus sechs Monaten des Jahres 2005 alle Berichte der elf größten österreichischen Tageszeitungen zur Thematik Suizid unter die Lupe und teilten sie in vier Kategorien ein. Sie konnten zeigen, dass eine Kategorie positive Wirkung hatte: Berichte über Betroffene, die Krisensituationen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigen konnten, waren mit einer Senkung der Suizidraten in der Woche nach Erscheinen des Artikels assoziiert. Dieser Effekt war in jenen Regionen, in denen die Berichte von vielen Menschen gelesen wurden, am stärksten ausgeprägt.

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Dokument erstellt am 2010-09-14 16:11:38
Letzte Änderung am 2010-09-14 16:12:00


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