• vom 22.02.2012, 20:26 Uhr

Mensch

Update: 22.02.2012, 20:56 Uhr

Forschung

Pandora kriegt die Büchse nicht zu




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Von Eva Stanzl

  • Angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts verändert sich das Verständnis von Natur - doch wohin geht es?
  • Ethische Fragen zu medizinischen Entwicklungen: Keine Grenze ist objektiv.

Natürliche Evolution: Zivilisation ist ihre Veränderung.

Natürliche Evolution: Zivilisation ist ihre Veränderung.© © Frank Krahmer/Corbis Natürliche Evolution: Zivilisation ist ihre Veränderung.© © Frank Krahmer/Corbis

Ein Chip gibt Medikamente genau dort im Körper ab, wo sie benötigt werden - keine Nebenwirkungen. Forscher des renommierten Massachusetts Institute of Technology setzen diese kleine "Apotheke unter der Haut" nun sieben Osteoporose-Patientinnen ein, in der Hoffnung auf medizinischen Erfolg. Andere US-Forscher gehen noch weiter: Sie haben winzige Nano-Roboter gebaut, die, in den Körper eingeschleust, Krebszellen töten sollen. Umgekehrt können wiederum andere Nanopartikel schädlich sein, weil sie die Eisen-Aufnahme im Darm verändern.


Es vergeht kein Tag, ohne dass die Welt der Wissenschaft neue Entwicklungen und Erkenntnisse zeitigt. Dabei vermischen sich zunehmend Mensch, Maschine und Natur. Im Labor werden sogar künstliche Organismen geschaffen. Über der Vogelgrippe-Forschung hängt derzeit ein Moratorium: Bei ihrer Suche nach einem Mittel gegen das Vogelgrippe-Virus haben Mediziner um Ron Fouchier von der Erasmus Universität in Rotterdam herausgefunden, welcher genetischer Mutationen es bedarf, um den Erreger nicht nur für Vögel sondern auch für Menschen hochansteckend zu machen. Aus Angst, Bioterroristen könnten dessen habhaft werden, werden die Forschungsarbeiten mit dem extrem gefährlichen künstlich erzeugten Erreger nun blockiert. Visionen aus Science-Fiction-Filmen, in denen Schurken die Welt mit einem aus einem Hochsicherheitstrakt geklauten Virus auszulöschen suchen, werden wach. Fällt uns unser Forschungsdrang, der die Natur zwangsläufig verändern muss, am Ende auf den Kopf?

Wo sich die Geister scheiden
Für die meisten christlichen Kirchen gilt vieles, was die Wissenschaft vorantreibt, als unethisch. Sie bringt insbesondere Bedenken gegen die fortschreitenden Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) vor. Der Mensch dürfe nicht Gott spielen, betonen Vertreter des fundamentalistischen Flügels. Wem kein Kinderglück beschieden sei, der müsse sich damit abfinden, dürfe nicht in die Natur eingreifen und schon gar nicht eine Auswahl auf der Basis genetischer Tests treffen, welcher Embryo (und damit: welche Form des ungeborenen Lebens) in den Mutterleib eingesetzt werden darf. Doch genau dort, wo dieses Argument ungenügend ist, beginnen die Probleme erst so richtig. Denn in der Frage, wo die Grenzen gezogen werden dürfen zwischen dem, was pragmatischerweise erlaubt sein sollte, und dem, was vorsichtshalber verboten sein müsste aufgrund seiner unabsehbaren Konsequenzen, scheiden sich die Geister.

Der Begriff "natura" (von "nasci" für "geboren werden") bezeichnet als Vorstellung alles, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Sich damit abzufinden, was die Natur austeilt, wäre somit die Passivität gegenüber der Evolution, die Natur ein sich selbst schaffender Prozess und der Mensch ihr Untertan. Müsste er die Natur stets unverändert lassen, dürfte er nicht einmal eine Fallgrube bauen, um ein Tier zu fangen.

Jäger statt Vegetarier
Jedoch hat die natürliche Evolution den Menschen mit Intelligenz ausgestattet, die ihm ermöglicht, Jagd-Strategien zu entwickeln, anstatt nur das Gras zu essen, das unter seinen Füßen wächst. Er hat aufgehört, als Vegetarier in einer Höhle zu leben, und richtet es sich stattdessen in Häusern bequem ein. Reine Natur aber ist weder bequem noch schön - die Schönheit entsteht im Auge des Betrachters, der kraft der Intelligenz über der natürlichen Evolution steht. Alles an der Zivilisation ist eine Veränderung der Natur.

Nicht Gott spielen zu dürfen, bezieht sich somit wohl eher auf ein Leben möglichst im Einklang mit der Bibel. Dieser Haltung folgen etwa die Amischen, eine Glaubensgemeinschaft der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas, die heute in 28 Staaten der USA lebt. Amische führen ein Leben ausschließlich auf der Basis der Landwirtschaft, lehnen viele Seiten des technischen Fortschritts ab, akzeptieren Neuerungen nur nach reiflicher Überlegung und legen Wert auf eine heterosexuelle Familie mit klar vorgegebenen Geschlechterrollen. Ihre Auslegung der Bibel geht so weit, dass sie keine Knöpfe für Kleidung haben, weil diese in der Bibel, deren Neues Testament vor rund 2000 Jahren und deren Altes Testament nach und nach im Jahrtausend davor entstanden ist, nicht vorkommen.

Was für die damalige Zeit fortschrittlich war, ist heute kaum durchführbar, besonders wenn die Sexualität mitspielt. Speziell in Fragen der Gleichberechtigung beruht die Bibel auf Vorstellungen, deren Aktualität in der heutigen Gesellschaft nicht mehr gegeben ist. Das Problem ist jedoch, dass es kein "Ersatzbuch" als Leitlinie der Werte gibt, das ähnlich verbreitet wäre. Jede neue ethische Sicht wird zur Frage des Standpunkts und der Interpretation überlieferter ethischer Vorstellungen. In einer Ausgabe des Magazins "Geo" wird beispielsweise die Problematik der Leihmutterschaft thematisiert, bei der aus medizinischen Gründen eine Frau für eine andere ein Kind austrägt. "Die Bedenken, die gegen die Leihmutterschaft und besonders deren kommerzielle Form vorgebracht werden, konzentrieren sich auf miteinander verwobene Argumente: die Ausbeutung der Frau, die Degradierung der Fortpflanzung und damit der Kinder zu Waren und die Verletzung der Menschenwürde. Aus feministischer Sicht kann man die Leihmutterschaft aber auch positiv sehen, weil sie Frauen zusätzliche Freiheiten gewährt, wie ein Kind ohne Schwangerschaft zu bekommen und den eigenen Körper zu ihrem Vorteil zu nutzen", schreibt dort der deutsche Mediziner und Jurist Rainer Erlinger. Welche Sicht ist jedoch richtig?

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Schlagwörter

Forschung, Natur

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Dokument erstellt am 2012-02-22 18:02:07
Letzte Änderung am 2012-02-22 20:56:02


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